Warum Deutsch so wichtig ist

 

Aus “Das sozialistische Eurozonen-Kollektiv” habe ich in diesem Beitrag den Sprachen-Teil ausgekoppelt und erweitert. Eine gekürzte Version ist auf der Perspektiven-Seite (S. 5) der Sächsischen Zeitung am 27.01.2012 erschienen.

Ich weiß noch genau, wie entsetzt zur Wende westdeutsche Pädagogen über die DDR-Kollektiverziehung waren: Um Jotteswillen, da kann sich der Einzelne ja gar nicht entfalten. Mir erschien es zwar immer als ein naiver Kinderglauben, dass die individuelle Persönlichkeit sprießt, wenn die Kollektiverziehung nur zurückgenommen wird. Der Einzelne kann sich mit seinen Besonderheiten ja erst dann gut entwickeln, wenn er in einer Vielzahl menschlicher Beziehungen und Wechselwirkungen eingebunden ist. Allein, sozusagen in einem sozialen Vakuum aus sich selbst heraus, geht das nicht. Was stimmt, ist Folgendes: Gemeinschaft ist nur dann gut, wenn sie den Einzelnen mit seinen Besonderheiten fordert und fördert, und er zugleich von der Grundsubstanz seiner Persönlichkeit her er selbst bleiben kann und soll und nicht zu einem Gemeinschaftsdurchschnittswesen eingeebnet und abgehobelt wird.

Es ist geistig ver-rückt, im direkten Sinne dieses Wortes, dass weltoffene, fortschrittliche Menschen, insbesondere hier in Deutschland, nicht begreifen können oder wollen: Eine Gemeinschaft, zum Beispiel auch die europäische, kann nur so gut sein, wie ihre einzelnen Mitglieder selbstbewusst und mutig zu sich zu stehen und ihr Eigenes, von sich selbst ausgehend, in das Ganze einbringen. Nur dann können die Rückmeldungen und Rückwirkungen der anderen positiv aufgenommen werden und sowohl der eigenen Weiterentwicklung dienen wie auch der des Ganzen. Mitglieder einer Gemeinschaft, Persönlichkeiten oder auch Nationen, müssen also zuerst ihr Eigenes haben und es kennen und es pflegen wollen, bevor sie der Gemeinschaft nutzen können. So ist es ja auch in einer Familie: Die funktioniert als Ganzes nicht etwa besser, wenn der Mann sein Väterliches, die Frau ihr Mütterliches oder die Sprösslinge ihr Kindliches oder Jugendliches, ihr Weiblich- oder Männlichsein aufgeben und alles zu einem mittleren Mischmasch verrühren. Nein, die Familie gewinnt ihre Kraft und Entwicklungspotenzen gerade daraus, dass jeder sein Eigenes von seinem eigenen Stand aus (Geschlecht, Alter, Erbanlagen, gesammelte Erfahrungen, bisher Gelerntes) in die Familiengemeinschaft einbringt.

Die Deutschen glauben, sie könnten gleich über sich hinausgehen, ohne bei sich selbst (gewesen) zu sein. Genauer: Die korrekten Streber ihrer kulturellen und politischen Eliten glauben das; sie wollen vom Sächsischen oder Thüringischen usw. am liebsten gleich zum Europäischen springen. Damit drehen sie die geschichtliche Entwicklung auf den Stand deutscher Kleinstaaterei zurück. Sie schaden so der (europäischen) Gemeinschaft, zu der sie gehören, sehr, weil sie ihr nur einen viel geringeren Anteil der vorhandenen nationalen Potenzen und Kompetenzen gönnen, als dies andere europäische Nationen tun. Das ist so, als wenn eine Familie – “Schmidt” zum Beispiel – nicht als ganzes auftreten kann, sondern ihre einzelnen Mitglieder, Frau und Mann, die Kinder und Oma und Opa, das “Schmidtsche” nur indirekt und verschleiert ausdrücken und ständig ihre “Vornamen” betonen. Außerdem wird das Nationale sowieso mitgeliefert, dann allerdings verdruckst und hintenherum über das Sächsische, Thüringsche usw.

Inter-Nationalismus, also die Beziehung zwischen Nationen, braucht zuerst ein Selbstbewusstsein der Nationen. Beziehungsfähig ist nur der, der eigene Konturen hat und haben will. Nur der, der sich selbst liebt, seine Kultur, seine Sprache, seine Mentalität kann die anderen wirklich achten und – wenn er will – vielleicht sogar lieben. Tut er dies ohne Selbstliebe, will er sich aufgeben, andocken, im anderen aufgehen. Er gestaltet dann keine Beziehung mehr, denn dazu bräuchte es ja mindestens zwei eigene “Punkte”, die sie selbst bleiben wollen, die wissen, was das Besondere an ihnen ist, und die es auch wissen wollen und wertschätzen. Den anderen wertzuschätzen, ohne es mit sich selbst zu tun, ist das Honeckersche Überholen ohne einzuholen. So kommen mir manche Dialekt-Deutsche, vor allem aus dem Westen, vor, die, ehe sie sich die Mühe machen, richtig hochdeutsch zu lernen, lieber gleich zum Englischen übergehen.

Wollen wir Deutschen wieder einmal etwas Besseres sein, diesmal etwas Europäisches? (So wie bei der Atomkraft als einzige Industrienation der Welt, die auf sie verzichten will?) Wollen wir das hässliche Deutsche hinter uns lassen und aufgehen in Europa? Die anderen Nationen werden es uns aber nicht gleichtun, denn sie wissen im Gegensatz zu uns ihre Nationalität zu schätzen. Und sie werden uns vermissen. Für mich ist es sehr fraglich, ob wir als sich abwickelnde Nation noch so viel für Europa tun können, wie dies eigentlich gut und gern möglich wäre. Ein stolzer, selbstbewusster Mensch ist für die anderen ja auch viel hilfreicher als ein verdruckster, in seiner persönlichen Identität verunsicherter. Nur ersterer kann sich wirklich öffnen für die anderen, weil er aus dem Bewusstsein seiner ganzen persönlichen und familiären Geschichte – mit ihren Höhen und Tiefen – ein psychisches Gewicht gewinnen kann, das ihm einen festen Stand im Sturm des Lebens gibt.

Unser Verhältnis zu unserer Sprache ist symptomatisch für das, was ich meine. Gerade für unsere Nation müsste sie ganz wichtig sein, denn unser Land hat seinen Namen nach ihr: Deutschland (nicht Englischland). Wir sprechen aber – zum Beispiel – prinzipiell lieber vom “Voting” anstatt von der Abstimmung, von der “Preview” anstatt von der Vorschau, “Kids” sind bei uns “on Board”, weil ja die vielen, die auf deutschen Straßen unterwegs sind, und kein Deutsch verstehen, nie und nimmer ahnen könnten, dass “an Bord” das Gleiche bedeutet, nur in der Sprache der hier lebenden Menschen. Genauso ist es mit “open” usw. usf., aufgeblasene Wichtigtuerei, oder, freundlicher gesagt, “in” sein wollen – das ist der weit überwiegende Grund für die Verleugnung der eigenen Sprache, keinesfalls dass es für die gestylte Schickeria unter den Worten keine deutsche Entsprechung geben würde oder nur eine, die Nichtdeutschsprachige nicht verstehen könnten. [Die Manusksriptfassung für die SZ lautete hier: "... von der 'Preview' anstatt von der Vorschau, von 'Cashbback' statt von der Rücklage".] Deutsch ist offenbar wirklich eine Sprache der Bauern und des Pöbels, würden wir dabei bleiben, könnte ja jeder Deutschsprachige gleich verstehen, was gemeint ist und dann auch noch mitreden. Das wäre ja geschäftsschädigend. Wo kämen wir denn da hin? Doch nicht etwa zu mehr Demokratie?

Und ich würde zum Beispiel auch mein Haus viel lieber von einem Hausmeister versorgen lassen als von einem “Facilitymanager” oder “Caretaker”. Wer es nötig hat, sich so windig aufzumotzen, wie zuverlässig wird der wohl sein? Die Verleugnung der eigenen Muttersprache zugunsten der “Tantensprache” Englisch hat zuweilen aber auch etwas erstaunlich Selbstkritisches: “Coffee to go” – wer gibt sonst schon zu, dass sein Kaffee zum Weglaufen ist?

Nehmen wir einmal die reinen Fakten: Im “Haus” der EU ist die deutsche Familie, die zahlreichste (82 Millionen, deutlich dahinter kommt Frankreich mit 65 Millionen). Sie bezahlt mit weitem Abstand das meiste “Hausgeld”. Und wer hat all die wichtigen Posten in der “Hausgemeinschaftsleitung”? Nicht ein einziger Deutscher! Das liegt nicht an der Böswilligkeit der anderen, sondern daran, dass unsere eigene Regierung keine oder zu wenig eigene Kandidaten vorschlägt. Wenn das Hausgeld, überwiegend deutscher Herkunft, verteilt wird an notleidende Hausangehörige, welche (Sprach)Wappen hängen dann feierlich und bedeutungsschwer an der Wand? Nur das englische und das französische.

Auch das ist nicht die Hauptschuld der anderen, sondern Ergebnis einer westdeutschen “Kleinmannssucht” – allerdings nur gegenüber den Kulturen aus dem Westen, die offenbar als etwas Höheres und Besseres galten als das dumpfbackige Deutsche. Wie hat Berthold Brecht so schön in seiner “Kinderhymne”, dem Entwurf einer zukünftigen deutschen Nationalhymne geschrieben: “Und nicht über und nicht unter andern Völkern wollen wir sein.” Es gibt leider einflussreiche Deutsche, die ihre Nation nun zur Abwechslung unter anderen sehen wollen. Sich selbst als Einzelpersonen freilich nicht, denn sie maskieren sich gern, führen sich als Angehörige anderer Nationen auf, um den Makel des Deutschen abzustreifen.

Wolf Schneider (“Speak German! Warum Deutsch manchmal besser ist”) beschreibt das, was ich hier behaupte, unter der Überschrift “Wir wollen keine Piefkes sein!” folgendermaßen: “Wir Deutschen unterliegen in der EU nicht den Franzosen und den Briten – wir verlieren eher gegen uns selbst: Das Problem der Deutschen in der EU sind die Deutschen, die kein Deutsch reden.” (S. 117) Nora Miethke, Leitartiklerin der SZ vom 27.07.11, findet es “piefig”, ein Problem darin zu sehen, dass ein neuer Vorstandchef der Deutschen Bank nicht Deutsch kann. Die Verhandlungen würden ja sowieso auf Englisch geführt. Wer so leicht und ohne Not das Eigene aufgibt – mit der deutschen Sprache ist ja auch eine Mentalität verbunden, die in der Welt offensichtlich gefragt ist -, der untergräbt sowohl das Fundament des eigenen Erfolgs als auch das der Gemeinschaft, der er angehört.

Ich hatte – ich glaube, es war 1973 – mit klopfendem patriotischen Herzen dem “Neuen Deutschland” entnommen, dass die deutschsprachigen Länder, nachdem die BRD und die DDR gleichzeitig in die Vereinten Nationen aufgenommen wurden, nun gemeinsam den Antrag stellen würden, Deutsch zu einer offiziellen Weltsprache, zu einer Amts- und Arbeitssprache der Vereinten Nationen zu machen. Jetzt lese ich bei Wolf Schneider: “… Da zusammen mit Österreich nunmehr drei deutschsprachige Staaten der Uno angehörten, erwarteten viele Mitglieder ganz selbstverständlich ihren Antrag, Deutsch zur sechsten Amts- und Arbeitssprache der Vereinten Nationen zu machen… Da Deutsch immer noch das Esperanto Osteuropas war und in Asien sein Ansehen nie eingebüßt hatte, standen die Chancen für eine Mehrheit in der Vollversammlung nicht schlecht. Aber der Antrag wurde nie gestellt – und auf den sechsten Platz rückte das Arabische vor.” (S. 112f.) An der DDR (siehe “Neues Deutschland”) lag es offensichtlich nicht.

Deutsch war ganz eindeutig eine bedeutende Weltsprache, erarbeitet durch wissenschaftliche, technische und kulturelle Leistungen vieler Generationen unserer Vorväter und -Mütter. Die Nazis haben ihr einen harten Schlag verpasst, den Todesstoß keinesfalls. Das bleibt bedeutenden Teilen unserer Eliten vorbehalten. Goethes “Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen”, sagt ihnen nichts (ist ja schließlich auch nicht international und weltoffen englisch formuliert, sondern nur im dumpfen Deutsch). Sie sind anstatt dessen dabei, das Werk der Nazis zu vollenden und das Ansehen und die Weltgeltung des Deutschen endgültig zu verschleudern, etwas, was Generationen vor ihnen mühsam für ihre Nation erarbeitet hatten.

Deutsch lag vor einigen Jahren noch an vierter Stelle der weltweit gelernten Fremdsprachen. Jetzt wird es immer weniger gelernt, obwohl Deutschland seine Stellung als Wirtschaftsmacht in der Welt (4. Stelle) und in Europa (1. Stelle) und als Exportwelt- bzw. vizeweltmeister behaupten konnte und kann. Deutschland allein exportiert mehr als die USA! Aber warum sollten Ausländer auch noch Deutsch lernen, wenn die deutschen Eliten selbst immer mehr Englisch reden? (Aufgeregt schnipsen sie mit den Fingern: Ich weiß was, ich kann was, ich kann Englisch!) In den Vorständen der großen deutschen Unternehmen wird Englisch geredet. Das würden z.B. die Franzosen niemals tun, obwohl sie mit ihrer Wirtschaftskraft und ihrer Bevölkerungszahl hinter uns liegen. Die Deutschen reden anstatt dessen lieber mit verstellter Zunge, vielleicht gar wie ein Wolf, der Kreide gefressen hat? Ob das das Vertrauen anderer in “die Deutschen” erhöht? Oder müssen sie sich nicht besorgt fragen: Wer so schnell und gern bereit ist, das Eigene zu verraten, wie wird der dann z.B. mit dem Europäischen umgehen, wenn asiatische oder arabische Mächte in der Welt immer mehr an Bedeutung gewinnen?

Wie lange wird der Vorstand der Deutschland AG – Pardon: Germany Äschi selbstverständlich -, das Bundeskabinett, noch auf Deutsch beraten? Diese Frage ist gar nicht so abwegig angesichts des allgemeinen Trends der Missachtung von Deutsch in den Konzernen und Universitäten, deutschen wohlgemerkt. Am Ende wird es die letzten deutschsprachigen Studiengänge wahrscheinlich im Ausland geben, in Budapest zum Beispiel. Und diese Frage ist auch nicht abwegig, angesichts der Tatsache, dass sich unsere Bundeskanzlerin, Frau Merkel, vehement dagegen stemmt, Deutsch als Sprache der Bundesrepublik Deutschland in das Grundgesetz aufzunehmen.

Wolf Schneider glaubt, dass Deutsch immer noch eine Weltsprache ist. Ich glaube das auch. (Lesen Sie nach bei ihm, er nennt gute Gründe dafür.) Ich bin den Russen dankbar: Trotz aller angeblich alternativlosen Westbindung Deutschlands, trotz unserer Geringschätzung sowohl der eigenen Sprache wie auch des Russischen, haben sie immer an Deutsch als einer wichtigen internationalen Sprache festgehalten und das, obwohl sie mehr als jedes andere Volk unter Deutschen gelitten haben. Ich bin auch den Polen und Ungarn dankbar, die Deutsch gerade jetzt und vor kurzem in der Zeit ihrer europäischen Ratspräsidentschaft neben Englisch und Französisch als offizielle Konferenzsprache verwende(te)n. Aber wenn wir selbst nicht aufhören, auf unseren eigenen Konferenzen, in den eigenen Universitäten und Konzernen das Deutsche zu verleugnen und zu missachten, tragen wir zum Aussterben einer mitteleuropäischen Mentalität und Kultur bei, dazu, dass alles auf der Welt immer gleicher wird.

Es geht nicht nur darum, all die vielen kleinen Sprachen zu erhalten, sondern auch kulturelle und wissenschaftliche Gegengewichte zur Dominanz des US-Amerikanischen in Europa und der Welt zu haben. Die Russen haben recht: Unsere Welt ist eine multipolare, keine monopolare mit einer einzigen Kultur- und Wissenschafts-Weltsprache. Das hätten die Eine-Welt-Avantgardisten und insbesondere ihre beflissenen deutschen Vasallen gern, aber Franzosen, Spanier und Russen bestehen sowieso auf ihrer Sprache, wie das mehr und mehr auch die Chinesen tun. Auch wir sollten aufhören, als Nation unbedingt eine englisch sprechende Kreuzung bzw. Durchschnittsbildung europäischer Kulturen sein zu wollen. Gemeinschaften leben von den ausgeprägten Eigenarten der “Typen”, die zu ihnen gehören. Das gilt auch und gerade für eine große Kulturnation wie die Deutsche. (So what!, “Zwölf Punkte!”).