Aktuelles

 

Folgenden Artikel hatte ich im Juni 1989 geschrieben. Er wurde in der Weltbühne 26/1989 veröffentlicht. Ich gebe ihn hier leicht gekürzt wider. Ergänzungen aus heutiger Sicht (März 2017) habe ich in eckigen Klammern eingefügt.

Sich streiten können

Missverstehen ist auch eine Form des Verstehens – nur ein zu schnelles. Man kann, wenn man nur misstrauisch oder egozentrisch oder aufgeregt genug ist, jede Aussage an der Stelle packen, aus der sich eine destruktive Kettenreaktion aufbauen lässt: „Ehrlich, du warst heute wirklich gut!“ – „Aha, also war ich sonst schlecht!?“ – „Nein, aber heute war ich ja dabei, und das war wirklich ganz stark!“ – „Erfolge gelten also nur, wenn du dabei warst, sie müssen erst genehmigt werden von dir!“ – …

Erinnern Sie sich mal an Ihren letzten Streit. Bei einem so erregten Austausch von Argumenten wächst oft nicht etwa das gegenseitige Verständnis, wie man das ja ganz naiv vermuten könnte, wenn mit immer mehr Einsatz verschiedene Standpunkte dargestellt werden, sondern es wächst vor allem die Angst, erstens den Einsatz zu verpassen, wenn man seinerseits dran ist, Attacke zu reiten, und zweitens nicht gerüstet, nicht schlagfertig (vorläufig ausschließlich rhetorisch), nicht wirksam (sprich: verletzend) genug zu sein. Und das möglichst ein, zwei Grade „niveauvoller“ als der Streitpartner.

Jeder redet im Prinzip nur noch für sich selbst. Oft nicht einmal mehr dem Anschein nach unterzieht er sich der Mühe, die Argumente des anderen ernsthaft zu erwägen. [Er greift nicht etwa das auf, wo er mit dem anderen übereinstimmt, um von dort weiter zusammenkommen zu können, sondern er sucht, einem Mephistopheles gleich, dezidiert das, wozu er „Nein!“ sagen kann, also die Schwach- und Fehlerstellen in der Argumentation des anderen.]

Von vornherein, lange vor Beendigung des Streitgesprächs steht für die beiden „Gegner“, die nicht auf produktive Weise tun können, was dieses Wort auch sagt, nämlich sich zu begegnen, das Ergebnis fest: Es ist völlig ausgeschlossen, dass der andere [z.B. Herr Trump, Herr Orban, Herr Wilders oder Frau Marine Le Pen bzw. Frau Petry] an der einen oder anderen Stelle Recht haben könnte. [Allen diesen Politikern wird vorab und gleichmäßig durch alle wichtigen Systemmedien in Deutschland die Bezeichnung als „Rechte“, "Rechtspopulisten" oder zumindest „Populisten“ vorangestellt, damit der mündige Bürger, das Dummerchen, ja nicht etwa auf seine eigenen Gedanken kommen könnte. Die politische und mediale Klasse kaut einer Gouvernante gleich ihren Landeskindern die politische Nahrung vor, damit sie nicht selbst kauen – denken – müssen; das könnte ja zu Verdauungsstörungen führen. Staatsbürgerkundeunterricht* 2017: die Diskussion ist beendet, bevor sie überhaupt beginnen konnte.]

Dabei wäre die erste Grundvoraussetzung für einen produktiven Streit gerade, dass das [siehe oben: an der einen oder anderen Stelle Recht zu haben] jeder gegenüber dem anderen ehrlich und nicht nur aus taktischen Gründen für möglich hält. Wie ist es aber in vielen Fällen? Während der andere redet, werden hektisch die eigenen [Gedanken-]Kräfte neu formiert, Reserven mobilisiert, argumentative Verstärkungen herangeführt, immer schwerere Geschütze in Stellung gebracht, wird im inneren Monolog schon mal der Angriff geprobt und die verheerende Wirkung beim Gegner vorausgekostet.

Und endlich kommt der Punkt, wo der andere eine Pause machen muss. Und sofort rein mit den knallharten und geballten Argumenten. So hat Streit allerdings keinen Zweck. Sogar wenn einer deutlich „nach Punkten“ siegt, weil dem anderen kein Gegenargument mehr einfällt – die beiden Streithähne sind sich in Wirklichkeit keinen Millimeter näher gekommen. Im Gegenteil: Der andere sinnt auf Rache, auf eine Gelegenheit, seine Anschauung doch noch deutlich zur Geltung bringen zu können. Mit heißer Sehnsucht wird er wachen Sinnes auf sie warten und sie sicher auch bald durch seine konzentriert darauf gerichtete Aufmerksamkeit mit jubelndem Triumph begrüßen und für sich nutzen können.

Stark aber ist nicht einer, der clever die schwachen Stellen des anderen erkennt und ausnutzt; er ist „Sieger“ auf allen möglichen Gebieten (intellektuell, logisch, rhetorisch), bloß nicht auf einem: auf dem des Menschseins. Streit als intellektuell-sprachliches Gefecht – das bringt nichts außer einer Schärfung der Waffen, der Vergrößerung der Kaliber, die dann auch noch besser treffen und nicht nur das vernichten, was vielleicht wirklich falsch und schlecht ist. Wirklich stark wäre einer, der die Argumente des anderen erst einmal einfach zur Kenntnis nehmen kann (ohne Vorabbewertung), der die Punkte suchen und finden kann, bei denen eine gegenseitige Annäherung und Bereicherung der Meinungen möglich ist.

Zuhören ist viel anstrengender als selbst zu reden – ganz in diesem Sinne zitierte Günther Cwojdrak in Heft 50/51 [der Weltbühne] des vergangenen Jahres [1988] Montaigne: „Wir haben mehr Dichter als Kenner. Es ist leichter zu dichten als zu verstehen.“ [Dass mir selbst so eine Aussage schon einmal aufgefallen war, nämlich im Frühsommer 1989, hatte ich 2015, als ich mein Buch „Die ungezogene Gesellschaft“ schrieb, schon wieder vergessen. Darin zitiere ich nämlich auf S. 5 Botho Strauß, der seinerseits den „großen mystischen Dichter Portugals im 20. Jahrhundert“ Teixeira de Pascoaes zitiert: „Man muss wissen, dass nämlich heute auf fünf Autoren nur ein Leser kommt... Schreiben können viele, lesen aber nicht.“]

Beim Zuhören muss man sich den Gedankengängen eines anderen unterordnen, während man beim Reden die eigenen Vorstellungen äußern kann. Deswegen ist ja leider auch zu beobachten, dass Menschen, die von Berufs wegen reden und anleiten, dies im Laufe der Jahre zuweilen immer umfänglicher und zum Teil auch selbstherrlicher tun, während die Fähigkeit, Positives in den Ansätzen anderer zu erkennen und zu fördern, immer mehr verkümmert.

Es gibt Menschen, bei denen dieses Sich-andauernd-selbst-darstellen-Müssen schon zu einer regelrechten Krankheit geworden ist. Lehrer sind in dieser Hinsicht wohl besonders gefährdet. Nicht alle widerstehen der Versuchung, die Schüler als eine Art Lückentextfüller zu betrachten. In einem solchen Falle dürfen die Schüler lediglich einzelne Worte, aber es müssen genau die erwarteten sein, in den Text des Lehrers einfügen. [Heute dürfte dies in den deutschen Schulen eher umgedreht sein. Und vor allem sind es – aus meiner heutigen Sicht – die Journalisten, die etablierten Leitartikel-Schreiber und Fernsehkommentatoren, die dieser Krankheit erlegen sind. Das Internet holt sie auf den Boden der Tatsachen zurück.]

* Da war ich ja 1984, mitten in der DDR, schon weiter: Ich konnte in der Wissenschaftlichen Zeitschrift der Pädagogischen Hochschule „Clara Zetkin“ Leipzig dafür plädieren, dass Erkenntnis, auch politische, nur stabil und tief ist, wenn sie, z.B. im Staatsbürgerkundeunterricht, ausführlich und unvoreingenommen auch die Gegenthese zugelassen hatte:

  • Formulierung von Gegenthesen zu den unbezweifelten Thesen der Vorträge und des Geklärten
  • Argumente und Beispiele für Gegenthesen sammeln
  • Je eine Arbeitsgruppe vertritt eine Auffassung zunächst unabhängig von der eigenen Meinung im Streitgespräch. Z.B.: These: Kapitalistische Marktwirtschaft ist keine Lösung, weil sie zur Vertiefung der Widersprüche führt. Antithese: Widersprüche gibt es immer, die kapitalistische Marktwirtschaft ist noch die beste Art, mit ihnen fertig zu werden.
  • Tausch der zu vertretenden Positionen
  • Endgültige Diskussion ohne Zwang, zugeordnete Positionen zu vertreten“

Und ich konnte damals schon als erste Regel für Diskussionen im gesellschaftswissenschaftlichen Unterricht höherer Klassenstufen fordern:

Konzentrieren Sie sich bei Äußerungen eines Partners auf das genaue Zuhören und nicht auf das Formulieren von Gegenargumenten. Gehen Sie zunächst davon aus, dass der andere recht hat, auch wenn Sie überzeugt sind, dass das nicht so ist. Lassen Sie den anderen ausreden.“

(Nr. II/1984, S. 58f. Ich hatte, wie Sie sehen, schon immer meine eigene Meinung, auch “damals” als SED-Mitglied.) 

Der Lehrer sollte als Leiter des Unterrichts diese Regel erst recht einhalten.

Stellen Sie sich das heute einmal vor: Unvoreingenommen werden Argumente gesucht und vertreten, die für PEGIDA-Forderungen sprechen, für einen Stopp der illegalen Einwanderung zum Beispiel oder für den Austritt Deutschlands aus dem Euro bzw. der EU. Die Rolle des Lehrers ist heute aber ganz klar “andersherum”: Er soll nicht zum selbstständigen politischen Denken befähigen, sondern immer wieder neu geduldig erklären, warum die eine Position ganz falsch ist und die andere ganz richtig. Tut er das nicht, würden heute bald „engagierte“ Eltern und ältere Schüler „aufstehen“ und seine Entlassung fordern. Und ich glaube, er würde dem Druck nicht lange standhalten. Da darf eher Erdogan seine Thesen in Deutschland weiter vertreten, als dass so etwas in deutschen Schulen möglich wäre. So viel zur Demokratie heute in Deutschland. 

 

Lasst uns einen Aufsatz-Pakt schließen (17.05.2016)

Eltern und Lehrer in Sachsen, Ihr könnt Euch das Leben gegenseitig erleichtern und für Eure Kinder und Schüler die Chancen, im Leben Erfolg zu haben, deutlich erhöhen, und zwar durch eine einfache pädagogische „Breitband“-Maßnahme, die allen nutzt.

Ich stelle sie mir als Ritual vor, denn Rituale entlasten. Wenn etwas Sitte und Brauch ist, erzieht das durch seinen alltäglichen Vollzug von allein, viel mehr, als an jedem Tag immer wieder neu Motivationsgespräche zu führen, wie hilfreich es wäre, etwas für die Schule zu tun.

Wie soll dieses Aufsatz-Ritual aussehen: An Unterrichtstagen, die nicht besonders lang sind und an denen im Hausaufgabenheft weit und breit keine Hausaufgabe steht, schreiben die Schüler von der 5. bis zur 10. Klasse einen kurzen Tagebuchaufsatz in ein großes Schreibheft (DIN A 4), je nach Leistungsvermögen und Alter angefangen von einer halben Seite bis zu einer ganzen, wobei der Text gut und gern durch Zeichnungen ergänzt werden kann, durchaus auch unbeholfene: Das Bemühen zählt. Thema: Was war heute oder in den vergangenen Tagen das Wichtigste für mich? Was ist passiert an Gutem und Schönen oder an Schlechtem und Traurigen / Ärgerlichen? Und wie denke ich darüber? (Schreib’ es ehrlich auf, du wirst dich später wundern, was dir alles wichtig war.)

Die Kleinen ab der 3. Klasse oder ältere, ganz Rechtschreibschwache, schreiben in ein kleines Schreibheft (DIN A 5) etwas ihrer Wahl ab, entweder aus einem Lieblingsbuch oder aus Schulbüchern. Die Eltern vereinbaren mit ihnen ein Ziel, wie viele Fehler sie höchstens haben dürfen, wenn sie Pluspunkte für eine vereinbarte Belohnung ansparen wollen. Die Älteren dürfen und sollen dabei ausdrücklich den Duden benutzen. Alle Fehler müssen hinterher berichtigt werden.

Wissen Sie, liebe Leser, was da kurioser Weise passieren wird? Schüler werden sich am Ende der Stunde melden und ihrem Lehrer sagen: „Bitte vergessen Sie die Hausaufgaben nicht, ich möchte nicht wieder diesen blöden Aufsatz schreiben!“ So kommen erziehungsverantwortliche Erwachsene in die Offensive, sie sind nicht mehr der pädagogische Hase, der dem gewitzten Schüler-Igel erfolglos hinterherhetzt, sondern jetzt sind sie es, die mal sagen können: „Ich bin schon da!“

Bleiben die Schüler unter der vereinbarten Fehlergrenze und gelingt ihnen das, sagen wir, fünf Mal hintereinander, werden sie mit etwas belohnt, das sie vorher mit den Eltern gemeinsam vereinbart haben, sei es ein Kino- oder Schwimmbadbesuch, ein gemeinsamer Spieleabend, vielleicht sogar mit dem Computer, oder auch der Kauf eines begehrten „Teils“ oder Kleidungsstücks.

Entscheidend dabei ist Folgendes: der Duden. Die Schüler sollen sich darin üben, das Eigene mit der Norm zu vergleichen, ein ganz wichtiger Vorgang im Leben. Er befähigt Menschen, sich auf die Welt um sie herum auszurichten und nicht bei sich selbst „hängen zu bleiben“. Jedes Gespräch mit einem Lebenspartner, wie es uns in unserer Beziehung geht, wie weit unsere aktuellen Gefühle abgedriftet sind von dem, was wir erwartet und erhofft hatten, ist so ein Abgleich der innerseelischen Maßstäbe mit der Wirklichkeit.

Im letzten Fall geht es mehr darum, die Wirklichkeit dem Inneren anzupassen, aber auch der umgedrehte Weg ist wichtig. Immer wieder müssen wir ihn gehen, wenn wir lern- und lebensfähig sein wollen, sei es beim Autofahren durch den Blick auf den Tachometer (wie schnell bin ich, entspreche ich noch halbwegs der Norm?), sei es beim Wiegen (wie weit habe ich mich von meinem Normalgewicht entfernt?), beim Blutdruckmessen oder bei den Blutwerten, die im Labor erhoben werden. Ich persönlich bin weit davon entfernt, solche Richtwerte allzu Ernst zu nehmen und eher einer, der zu wenig misst, aber im Großen und Ganzen sollten wir schon wissen, wie es in Bezug auf die Erwartungen, die das Leben an uns stellt, um uns steht.

Also der Duden. Ich höre es schon rufen: Glauben Sie denn im Ernst, wir haben so viel Zeit, uns in der Woche ein-, zweimal damit abzuplagen, unseren Kindern den Gebrauch des Dudens beizubringen? Wozu ist denn die Schule da und außerdem gibt es doch heutzutage die Rechtschreibprogramme schon im Smartphone! Je alltäglicher eine Fähigkeit aber ist, so wie das Gehen, Schwimmen oder Fahrradfahren, desto weniger reicht es, sie nur in einzelnen Unterrichtsstunden zu üben; sie muss in der Breite und – auch papiernen – Tiefe des Lebens von den verschiedensten Bezugspersonen der Kinder in unterschiedlichen Lebenssituationen immer wieder geübt werden, nur dann geht sie in Fleisch und Blut über. Wer sich als Eltern diese Mühe nicht macht, ist, Entschuldigung, dumm, denn der Einsatz, das Aufgreifen, womit andere, insbesondere die Lehrer schon begonnen haben, rentiert sich schnell: Das wird zu einem Selbstläufer sprachlicher und damit geistiger Aktivität.

Ganz wichtig dafür, ob Kinder Erfolg im Leben haben, ist, ob ihnen ihre Eltern und Lehrer eine Konsumhaltung – macht was, wenn ihr wollt, dass wir gut sind! – abgewöhnen können und die Kinder lernen: Ich muss selbst etwas tun, selbst die Initiative ergreifen, selbst lernen, darauf zu achten, dass ich “dran” bleibe vom Anfang bis zum Ende, keinen nötigen Schritt auslasse, wenn ich weiter kommen will. So etwas lernt sich im häuslichen Alltag am besten, zum Beispiel beim Rasen mähen. Alles gehört dazu: Das Einbauen des Korbs, seine regelmäßige Entleerung, bis zur Säuberung des Geräts und sein ordentliches Zurückstellen. Habe ich zum Beispiel das und die Arbeit mit dem Duden erst einmal richtig geschnallt, muss ich keinen mehr nerven mit Fragen und Bitten. Ich kann es selbst erledigen, werde im Falle des Rasenmähens oder auch Staubsaugens zu einer echten Hilfe für meine Eltern, trage dadurch zur einer guten Stimmung in meiner Familie bei und lerne Gründlichkeit und Ausdauer so ganz nebenbei.

Denn ganz so einfach ist es nicht, die vollen Staubsaugertüten ordentlich zu entsorgen und die neuen einzusetzen oder nach dem Alphabet Wörter zu suchen und zu finden. Darauf können alle stolz sein, wenn es gelingt. Es braucht Übung und am Anfang geduldige Begleitung durch väterliche oder mütterliche Personen, die sich aber bald rentiert. Und wenn ich ein Wort immer noch nicht finde, weil ich mit meiner Vermutung, mit welchen Anfangsbuchstaben es geschrieben werden könnte, ganz daneben liege, kann ich immer noch fragen und nützt alles nichts, dann googeln es meine Eltern gemeinsam mit mir. Aber alles schön der Reihe nach: erst der Duden und dann das Smartphone. (Nebenbei: Ich habe diesen Text in einer Pension geschrieben in der Nähe von Bautzen. Alles war da, nur ein Duden fehlte. Ich war mir nämlich nicht sicher, ob es „der Tachometer“ oder „das Tachometer“ heißt. Also folgender Vorschlag an die deutschen Gastronomen: Legt in Euren Zimmern nicht nur die Bibel aus, sondern auch den Duden.)

Aber was ist, wenn nicht einmal die Eltern einen Duden besitzen oder selbst nicht mit ihm umgehen können und auch kein internetfähiges Gerät, um ein Wort zu googeln? Da schwillt es wieder an, und zwar mächtig, das Klagen, wie benachteiligt Kinder aus den bildungsfernen Schichten bei uns seien. Wer, frage ich mich, hindert solche Eltern – oder auch bildungsnahe, die aber unter Zeitmangel leiden – daran, ihre Kinder zu vertrauenswürdigen Nachbarn zu schicken, von denen sich die meisten bestimmt freuen würden, wenn ein Kind oder Jugendlicher sie freundlich fragte: Können Sie mir vielleicht mit dem Duden helfen? Wie viele Menschen leben in unserer Zeit vereinsamt nebeneinander her? Wie glücklich wären sie, gefragt und gebraucht zu werden von netten Kindern, die sich benehmen können?

Und ein gutes Benehmen kann auch eine Analphabetin, aus welchem Grund auch immer sie es wurde bzw. blieb, ihrem Nachwuchs beibringen, wenn sie es selbst nur wollte, wenn sie nicht beleidigt wäre vom Leben, und deswegen, meistens unbewusst, ihre Kinder entmutigt, sich anzustrengen, weil das ja sowieso alles nichts bringen würde, was sie ja an ihr sehen könnten: denn sei sie etwa dumm? Nein! Und trotzdem hat ihr die Schule die Chance vorenthalten, einen guten Abschluss zu erreichen. Wirklich die Schule? Ihre Kinder könnten weiterkommen, wenn sie konsequent darauf achtete, dass sie sich an solchen Projekten wie diesem Aufsatzschreiben beteiligen.

Wir brauchen keine neuen Maßnahmen vom Jugendamt oder Schulamt, um die Lese-Rechtschreibschwäche zu bekämpfen, die viel Steuergeld kosten. Wir brauchen einfach ein gesellschaftliches Einvernehmen in Erziehungsfragen. Fangen wir an mit einem solchen Aufsatzpakt. Es bleibt ein Problem: Menschen, wahrscheinlich alle (höheren) Lebewesen, wollen Energie sparen und unnötige Anstrengungen vermeiden. Diese Strategien lernen sich schnell und Kinder sind gewitzt. Und so werden sie ihren Eltern zusetzen: Mir ist nichts wichtig! Es ist sowieso alles gleich und langweilig! Die Eltern könnten antworten: Dann schreib’ über dieses Gefühl, warum und wie es bei dir zustande kommt. Schreib einfach über das, was dir im Kopf herumgeht, fang’ z.B. so an: „Ich sitze hier und weiß nicht, wie ich die halbe Seite voll kriegen soll…“, lausche einfach auf deine Gedanken und schreib sie auf, zum Beispiel: „Meine Mutter nervt, ich darf nicht eher an die Spielkonsole, bis ich das erledigt habe. Sie zählt sogar die Wörter nach, damit ich nicht zu viel Abstand zwischen ihnen lasse und so ‘Zeilen schinde’, wie sie sagt. Und dann auch noch das Nachschlagen im Duden und die Berichtigung des falsch Geschriebenen.“

Das ist schon fast eine halbe Seite oder schreib darüber, wie es dir heute in der Schule gegangen ist: Hast du etwas Neues gelernt? Worüber hast du dich gefreut, worüber geärgert, was ist dir gelungen, was misslungen, wem warst du heute dankbar und auf wen bist du wütend? Das kannst du auch in Bezug auf die letzte Zeit hier bei uns zu Hause schreiben. Damit übst du zugleich, Gefühle auszudrücken, ein wichtiger Beitrag zur Psychohygiene in unserer Familie. Dann musst du auf die Frage „Wie war dein Tag (oder die Woche)?“ beim Abendbrot oder beim Sonntagsfrühstück nicht immer nur mit „schön“ antworten. „Was ist Psychohygiene?“ – eine gute Frage und Gelegenheit, über Wichtiges mit möglichst einfachen Worten zu reden. Ein differenzierter Ausdruck fällt nicht vom Himmel, er muss im Alltag geübt werden.

Und auch die Ordnung und Gewissenhaftigkeit. Deswegen sagen die Eltern beim Aufsatzschreiben: Vergiss nicht das Datum rechts oben und die Überschrift. Du kannst die Zeile oben frei lassen und sie hinschreiben, nachdem du weißt, worum es hauptsächlich in deinem Text geht. Und vergiss nicht, sie dann auch noch mit dem Lineal zu unterstreichen. Du kannst deinen Kindern später das Heft zeigen, sie werden staunen, was ihr Papa / ihre Mama damals so gedacht und geschrieben hat.    

[Auf mein Angebot an die Sächsische Zeitung vom 28.04.16 und an die Freie Presse vom 6.5.16, diesen Aufruf zu veröffentlichen, habe ich bisher noch keine Antwort erhalten.]