Gedankensplitter

 

Liebe Leser, wenn Sie einen Gedankensplitter zu pädagogischen, psychologischen oder philosophischen Fragen haben, schicken Sie ihn bitte an ralfhickethier@web.de oder nutzen Sie das Kontaktformular. Ich werde ihn in dieser Rubrik veröffentlichen, wenn ich ihn gut finde. Danke.

Ihre Beiträge veröffentlichtliche ich so, wie Sie sie geschrieben haben.

Gedankensplitter sollen persönlich und damit subjektiv sein. Ein “Gedankensplitter” kann keine ganze, ausgewogene Theorie sein, zögern sie also nicht, den Gedankensplitter auf den Weg zu bringen, auch wenn er nur ein Anfang oder Ausriss ist – tatsächlich ist das sein Wesen.

Wenn ich keinen Namen angegeben habe, stammt der Gedankensplitter von mir.

 

102. Die Feigheit zieht sich durch die jüngere Geschichte. (08.07.2017)

August 1995 in Serbien: Den niederländischen Blauhelmtruppen, schwer bewaffnet und natürlich mit Schutzwesten, war es zu gefährlich, sich mit Mladic Ratko anzulegen und bosnische Flüchtlinge vor seiner Armee zu beschützen. Über 8000 Jungen und Männer von 13 bis 78 Jahren wurden ermordet, weil die Niederländer offenbar mehr um ihren Eigenschutz besorgt waren als um das Leben der Wehr- und Waffenlosen.

In Erfurt 2002 musste sich die Polizei erst einmal stundenlang selbst sichern, bevor sie sich ins Gutenberg-Gymnasium traute. Inzwischen verbluteten mehrere Lehrer auf den Treppen und Fluren, weil die Polizeiführung von der Sorge getrieben war, es könnte mehr als ein Amokläufer im Schulgebäude sein. „Im Zweifel (nicht für die verletzten Opfer, sondern) für den angeklagten Täter.“ Dass das in Deutschland auch diesen Sinn haben kann, war mir damals noch nicht so klar.

Gestern bzw. heute Nacht in Hamburg: Stundenlang können Gewalttäter ungestört schwere Straftaten begehen, weil die Polizeiführung das Leben der Beamten nicht gefährden will. Die Polizei muss stundenlang auf die Polizei warten, auf die richtigen Polizisten sozusagen, die dann mit Sturmgewehren und Maschinenpistolen im Anschlag sich langsam auf die Dächer der Gebäude vortasten.

Das Leben der Beamten darf nicht gefährdet werden, und was ist mit dem Leben der Anwohner? Wenn die Chaoten im Messegelände randaliert hätten und es ihnen gelungen wäre, in die Nähe der Bundeskanzlerin und ihrer Gäste vorzudringen, hätte es dann auch drei Stunden gedauert, bis sich die Polizei genug selbst gesichert hat, damit sie endlich eingreifen kann? Ich glaube nicht. Offenbar ist in Deutschland nicht jedes Menschenleben gleich viel wert.

Ich kenne persönlich Polizisten, und ich weiß genau, dass sie nicht so lange gezögert hätten, die Bürger ihres Landes zu beschützen. Aber sie unterstehen natürlich, insbesondere bei solchen Großereignissen, den Befehlen ihrer Vorgesetzten.

Und warum dürfen in Deutschland eigentlich normale Polizisten, die ja auch schon für diesen schweren Einsatz ausgesucht worden waren, nicht das benutzen, was ihnen am Gürtel hängt, wenn die Not groß ist und eine akute Bedrohungslage besteht. Ich habe die Vermutung, dass in Deutschland die Polizisten ihre Pistolen zu allem Möglichen benutzen dürfen, aber auf keinen Fall zum Abgeben eines Warnschusses.

Da kommt noch viel eher in Frage: Hände hoch, oder ich werfe meine Waffe! (Nicht vergessen, vorher das Munitionsmagazin zu entfernen.) Zu einem ist die schwere Waffe in jedem Fall gut: Man kann sie im Falle großer Not ablegen und ist dann mit weniger Gewicht besser in der Lage zu fliehen.

 

101. Arroganz ist zerstörerisch, immer im Leben. (08.07.2017)

Ich weiß, dass diese Überschrift den Ungeheuerlichkeiten nicht gerecht wird. Dazu kommen muss: Straßenterror in Hamburg bei gleichzeitigem Staatsversagen oder: Über Stunden gibt es in der zweitgrößten deutschen Stadt, einer lange etablierten deutschen Metropole, rechtsfreie Räume, aus dem Hinterhalt wird mit Stahlkugeln auf Menschen geschossen, werden sie mit schweren Pflastersteinen und Teilen von Gehwegplatten attackiert, werden ihnen Böller direkt ins Gesicht geworfen, so dass ihr Augenlicht gefährdet ist. Menschen? Das sind doch nur Polizisten!

Supermärkte werden geplündert, Autos wahllos angezündet, allein in einer Straße, „im Bereich Elbchaussee“ 25 bis 30 Fahrzeuge (BILD vom 8.7.17, S. 2). Das bezahlen wir alle durch die Erhöhung der Versicherungsprämien und betroffen sind keinesfalls nur die Besitzer dicker Angeberautos, sondern alle. Es geht ja auch nicht nur am die verbrannten Autos in Hamburg an diesem Wochenende. „Aktivisten“ beanspruchen in Deutschland seit Jahren das Gewohnheitsrecht, Autos anzuzünden.

Ein Vater filmt einen brennenden Wagen vom Fenster aus, stellt das Video später ins Internet. Darauf ist zu hören, wie sein kleiner Sohn fragt: ‘Papa, ist das unserer?’ Antwort: ‘Nein, unserer brennt da unten.’“ Sind wir in Mossul? Werden wir Asyl bekommen, wenn wir in sichere Länder flüchten?

Die Weltmutti ist abgestürzt. Sie hatte sich aufgeschwungen, für mehr Frieden in der Welt zu sorgen und schafft das nicht einmal in ihrer Geburtsstadt Hamburg. Demonstranten trugen ein Transparent: „Der Krieg beginnt hier!“ In der Tat: Wer nicht im Alltag bei sich selbst Frieden schaffen kann, schleiche sich weinend aus der Runde, die sich das für die ganze Welt vornimmt. Die internationalen Staatsgäste mussten von ihren Hotels aus Rauchschwaden über ganz Hamburg sehen. Deutschland ist bis auf die Knochen blamiert.

Man stelle sich einmal vor, nicht Linksextreme, sondern „Rechte“ wären für eine solche Gewalt verantwortlich. Da würde vielleicht sogar der arrogante Gedanke schwinden: „In Deutschland schafft es die Polizei allein, für die innere Sicherheit zu sorgen.“ Das, was in Frankreich, Großbritannien, Österreich und vielen anderen gestandenen Demokratien normal ist, dass die Armee der Polizei zu Hilfe kommen darf, ist bei uns natürlich völlig ausgeschlossen; wir sind ja demokratisch weiter als die gestandenen Demokratien.

Hochmut kommt vor dem Fall. Mutti Merkel wollte unbedingt diesen Gipfel vor der Bundestagswahl. Sie lädt die wichtigsten Persönlichkeiten ihrer Welt zu sich nach Hause ein. Das Wohnzimmer und die Terrasse sind mit allem ausgestaltet und versehen, was den hohen Gästen gefällt. Aber die eigenen Landeskinder randalieren im Kinderzimmer. Mutti traut sich dort nicht mehr hinein, lässt sie stundenlang unbeaufsichtigt toben, Hauptsache, ihre Party mit den wichtigen Gästen geht ungestört weiter.

Die linken Anmelder der meisten Demonstrationen lehnen es empört ab, sich von den Gewalttätern in ihren eigenen Reihen zu distanzieren: Wir laufen gemeinsam los und wir kommen auch gemeinsam an; wir lassen uns nicht auseinanderdividieren. Arroganz macht alles kaputt, das war schon immer so. Aber wer hat diese Arroganz über die Jahrzehnte gefüttert und fett gemacht? Die, die vom Linksextremismus als aufgebauschtem Problem gesprochen haben (siehe den 91. Gedankensplitter), die, die Jahr für Jahr mit Steuergeldern die Vereine Linksextremer fördern und die, die so tun, als wenn schwere Körperverletzungen und versuchtes Morden Kavaliersdelikte wären, immer dann, wenn es von links gegen rechts geht, wobei im Zweifelsfall die eigene Polizei kurzerhand zu den vernichtungswürdigen Rechten gezählt wird.  

Insgesamt ist die Gewalt in Hamburg mehr ein pädagogisches Problem als ein politisches. Zu lange haben zu viele junge Menschen in Deutschland nicht mehr gelernt, ihre ungestümen Triebe und Begierden zu beherrschen. Zu lange galt die Devise “Frechheit siegt!”, und die rücksichtslose Missachtung der Bedürfnisse und Interessen der Mitmenschen blieb ohne spürbare Folgen. Es zieht sich eine Linie durch von den Schulen, wo elementare Regeln nicht durchgesetzt werden, bis zum “Schwarzen Block” bei Demonstrationen, wo genau das getan wird, womit die rebellischen Jungen in dieser Gesellschaft immer Erfolg hatten: Ihr könnt lange labern, wir machen sowieso, was WIR wollen. Nicht wenige Verantwortliche fanden das “herrlich unspießig”; sie ernten nun, was sie gesät haben. (–> 98., 88. und 83. Gedankensplitter)       

 

100. Hu, Hu – hört mich jemand im großen, weiten Interall? (06.07.2017)

Im August 2016, also vor knapp einem Jahr, hatte ich im 26. Gedankensplitter geschrieben:

Und dann fällt mir ein: Du kannst ja aus der Not eine Tugend machen, aus deinem Frust einen ‘Gedankensplitter’. Da bin ich gleich noch viel mehr motiviert zum Schreiben (→ 11. Gedankensplitter). Wer weiß, ob mir einer im großen, weiten ‘Interall’ ‘zuhört’, den ‘Splitter’ liest, vielleicht habe ich ja sogar zwei Leser. Theoretisch ist das auf jeden Fall möglich und dies zu wissen, reicht mir, auch weil ja angeblich nichts im Netz verlorengeht (kann ich zwar kaum glauben, wenn ich mein persönliches Leben betrachte, aber umso besser, wenn es stimmt). Es besteht also durchaus die Chance, dass im Laufe der Jahre sogar noch ein dritter oder vierter Leser hinzukommt.“

Inzwischen werden die Abstände zwischen meinen Einträgen kürzer. Und die Statistik der „Plattform“ – oder wie immer ich das nennen müsste -, durch die ich meine Internetseite online stelle, zeigt mir, dass sich die Seitenaufrufe („Pageviews“) deutlich erhöht haben, monatlich inzwischen ca. 12.000. Das könnten aber auch Roboter sein, sagt mir jemand. Immerhin, vielleicht lesen wenigstens Roboter, was ich schreibe.

Vielleicht sind es aber auch leibhaftige Menschen. Diese bitte ich mal um ein digitales „Handzeichen“, eine kurze Mail. Ich schreibe auch für nur zwei Leser weiter, trotzdem wäre es ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich ein paar mehr habe.  

 

99. Wie das gläubige Anhimmeln im Laufe der Zeiten verrutscht. (05.07.2017)

Nostalgiker, der ich bin, lese ich zur Zeit gerade die „Briefe aus Schulzenhof“ von Eva Strittmatter, die sie von 1965 bis 1975 geschrieben hatte. Dass Erwin Strittmatter ein Mensch war mit vielen Höhen und Tiefen und nicht nur ein guter Schriftsteller, ist inzwischen allen Interessierten, die sich informiert haben, klar.

Und damit meine ich nicht, dass er im Krieg als Angehöriger eines Polizeibataillons, das zur Partisanenbekämpfung eingesetzt wurde, vielleicht sogar womöglich geschossen hat. Was, glauben die deutschen Gutmenschen von heute, tut man denn sonst im Krieg als Soldat oder Polizist, wenn man auf bewaffnete Gegner trifft?

Ich meine damit, dass er seinen ältesten Sohn noch prügelte, als dieser schon 16 Jahre alt war. Er tat dies zu einer Zeit – bis 1971 – als dies allerdings in vielen Familien in beiden Teilen Deutschlands noch üblich war. Er war ein Egomane und konnte trotzdem feinfühlig sein, vor allem sich selbst gegenüber und damit auch seinen literarischen Figuren, die er aus seinem eigenen Seelenleben erschuf. Er hatte eine besonders intensive Beziehung zur Natur, zu Tieren und Landschaften (und seinem Großvater), und er war fähig, dieser auf originelle Weise in seiner Sprache Ausdruck zu verleihen.

Eva Strittmatter beschreibt in ihren Briefen Moskau und Sankt Petersburg immer wieder als Orte ihrer Sehnsucht, auch der von ihrem Mann Erwin. Wie sich die Zeiten wandeln! Heute heißen diese Orte für Intellektuelle, die etwas auf sich halten, New York und Los Angeles. Und morgen vielleicht Peking und Schanghai. Die äußeren Bezugspunkte wandeln und drehen sich wie bei einem Karussell. Es gibt nur eine Rettung: Die Treue zum Eigenen, zu Berlin, Hamburg, München, Köln und Dresden. 

 

98. Marcel, der Kinder- und Doppelmörder, der fast selbst noch ein Kind war: ein unerzogenes (04.07.2017)

Solche seelisch schwer gestörten Menschen wie dieser 19-Jährige werden in Deutschland nach „fachlichen Standards“ systematisch herangezüchtet. Sie „schreien“ schon im frühen Kindesalter nach einer Liebe ihrer Eltern und anderen Erziehenden, die zuverlässig ist auch in dem Sinn, dass sich die Alten nicht ständig dem Kind anpassen, besonders dann, wenn es „Stress“ macht.

Um für den Moment Ruhe zu haben, nehmen die konfliktscheuen Eltern eine Riesenhypothek für die Zukunft auf. Das Kind wird – auch auf Anraten von Psychologen und Familienhelfern – daran gewöhnt, dass sich die Welt immer ihm anpassen muss, wenn es Probleme hat, anstatt langfristig und tendenziell umgedreht.

Das Kind hat ADHS, da kann es sich angeblich nicht benehmen können. Es bekommt einen Blankocheck ausgestellt für aggressives, rücksichtsloses Verhalten. Nicht Informierte, die es „maßregeln“ wollen, dem Kind also wieder die richtigen Maße für sein Verhalten beibringen wollen, wird empört entgegnet: Sie haben ja keine Ahnung vom neuesten Stand der Wissenschaft, informieren Sie sich mal, das Kind hat ADHS, da kommen Sie mit ihren Methoden von gestern nicht weiter.

ADHS wurde auch beim Nesthäkchen Marcel diagnostiziert. Ist so eine Diagnose erst einmal gestellt, lernt sich Frustrationstoleranz nur noch sehr schwer. Das arme Kind darf nicht lernen zu verlieren, mit seinen Wünschen und „Bedürfnissen“, die in vielen Fällen nur „Begierden“ sind, zu scheitern. Verlieren zu können ist eine der schwierigsten „Künste“ im Leben. Immer mehr heutigen Kindern wird es aus zeitgeistiger Kinderfreundlichkeit heraus verweigert, sie lernen zu dürfen.

Leute, die es gut meinen, die es zu gut meinen, haben es Kindern und Eltern schwer gemacht. Die ganze große Welt soll den Kindern in einem Riesenschwenk hinterherkommen (dass einem schwindlig werden kann), wenn sie „keine Lust mehr haben“ und etwas Anderes, Neues tun wollen, das ihnen anzubieten aber auch wieder die Aufgabe der betreuenden Erwachsenen ist. Sie lernen im Laufe der Jahre, immer mehr auf ihre eigenen Befindlichkeiten bei ihrem Tun zu achten, als auf das, was sie damit ihren Mitmenschen zumuten. Ihre Gedanken und Gefühle, die sich zum anderen hin ausstrecken, weil Kinder von Natur aus absolut bereit sind, sich auf die nahen Mitmenschen auszurichten, denen sie vertrauen können und wollen, werden von diesen – aus Liebe, aus missverstandener mütterlicher und väterlicher Liebe – immer wieder zurückgebogen auf das kindliche Ich-Selbst hin.“ (Aus meinem Buch: Die ungezogene Gesellschaft, S. 56)

Diese feige Gutmenschlichkeit ist in Wirklichkeit eine tiefe Kinderfeindlichkeit, denn Kinder haben ein Recht darauf, erzogen, das heißt auch, rechtzeitig und wohldosiert frustriert zu werden, damit sie später mit den großen Frustrationen umgehen können, die unweigerlich kommen werden. Bei Marcel war es der Wunsch, zur Bundeswehr zu gehen. Genauso wie die Mutter zuvor seine langen Haare akzeptiert hatte, wahrscheinlich achselzuckend, die ihm bis auf die Schultern fielen, akzeptierte sie nun seinen kurz geschorenen Kopf. Da war Marcel allerdings schon 18, und sie konnte ihn nun in der Tat nicht mehr daran hindern.

Die allgemeine Täterorientierung des deutschen Staates durchdringt alle Bereiche der Gesellschaft, sie muss natürlich auch auf dem Gebiet der Erziehung zur Geltung kommen. Wer erst einmal aktiv in die Offensive geht, hat schon einen Vorsprung beim Rechthaben “gewonnen”. Wenn es um brutale linksradikale Gewalt geht, gerade jetzt kurz vor dem G 20 in Hamburg, entblöden sich die offiziellen Medien nicht, von „Aktivisten“ zu reden. (Waren Sie in der DDR auch als “Aktivist” ausgezeichnet worden? Da können wir mal sehen, wie sich die Bedeutung von Worten im Laufe der Zeiten wandelt, und das keinesfalls zum Besseren.) Die Opfer der Gewalt sind “bloß” passive Objekte der Täter, sozusagen “Passivisten”, und schon von daher nicht so hoch angesehen. Von Jaden, einem „niedlichen“ neunjährigen Jungen, wird wenigstens noch geredet, wenn auch nicht so viel wie vom Täter, aber von seinem zweiten Opfer Christopher (22) fast gar nicht.

Wenn sich die verantwortlichen Erwachsenen nur einig wären und sich nicht hinter Krankheiten versteckten, eigenen und denen ihrer Kinder, könnten sie auch bei hyperaktiven und/oder sonstwie beeinträchtigten Kindern mit ruhiger Bestimmtheit, immer wieder eingeforderten und eingeübten Umgangsformen die Fähigkeit ausbilden, mit Enttäuschungen umzugehen, ohne auszuflippen. Wenn sie, wenn wir nur wollten.  

 

97. Vom Zauber der Imagination – Erlebnisse eines Großvaters (2/02.07.2017)

Imagination einfach lateinisch und nicht: „Imaginäschen“. Das muss ich in einer Zeit, in der geschulte Sprecher deutscher Nachrichten im öffentlichen Rundfunk und Fernsehen ständig von „Ei Ti“ reden, anstatt von „Ii Te“, von „Festiwell“, statt von Festival, „Rändevu“ statt von Rendezvous, gesprochen „Randevu“ (falls es nicht sowieso gleich „Date“ heißt), extra anmerken. (So zu sprechen ist eine Anbiederung an den Zeitgeist über alle fachlichen Sorgfaltspflichten hinweg. Den eigenen Eltern wird so etwas, falls sie in der DDR lebten, nur mit moralischen Bauchschmerzen verziehen und den eigenen Großeltern, wenn ihr Leben vor 1945 begann, schon gar nicht.)

Imagination“ – das ist eine Einbildung, das Herstellen eines inneren Bildes durch geistige Vorstellung, die durch phantasievolle, phantastische Momente angereichert wird. Das Eigenschaftswort „imaginär“ bringt das schön zum Ausdruck. (Aber ich könnte schon hängenbleiben beim Philosophieren über den Unterschied zwischen „phantasievoll“ und „phantastisch“.)

Ich habe die Einbildungskraft kleiner Kinder unterschätzt. Ich habe meinen beiden Enkeln ein Polizeiauto von Playmobil mit einem Polizisten und „Räuber“, der hinten in einen Gitterkasten gesperrt werden kann, geschenkt. Wir spielen oft damit: Der Räuber überfällt eine Bank, das Polizeiauto rast heran, der Polizist springt heraus, fängt den Räuber und sperrt ihn hinten rein.

Auch mit anderen Figuren, die etwas gefährlich Dummes oder etwas besonders Freches machen, lässt sich so gut spielen: Ein Junge z.B., auch in Playmobilgröße, guckt zu vorwitzig in eine Tonne, beugt sich zu weit über und fällt prompt kopfüber herein. Ein klarer Fall für die Polizei: Sie rast heran und rettet ihn. Wenn er dann hinter die Polizeiwagengitter kommt, bleibt offen, ob mehr als Patient, der schnell ins Krankenhaus muss, oder mehr als übermütiger Rabauke, dessen Vergehen auf dem Polizeirevier erst einmal ausgewertet wird, bevor er wieder nach Hause darf.

Nur wenn Kinder das Aufregende, das ihnen im Leben noch geschehen kann oder schon geschehen ist, mit ihrem eigenen Handeln vor- und nachspielen, können sie es psychisch gut verarbeiten bzw. sich darauf vorbereiten, auch wenn das Gespielte in einem weiten Analogiebogen nur entfernt mit der Realität zu tun hat. Deswegen müssen Kinder aus Kriegsgebieten mit Gegenständen, die sie in ihrer Phantasie zu Waffen machen, spielen dürfen. Es ist ein ähnlicher Zusammenhang wie der zwischen dem Traum und tatsächlich Erlebtem.

Nun hatte einer meiner beiden „Süßen“ Glück, er durfte sich in ein richtiges Polizeiauto ans Steuer setzen. Der nette Polizist hätte sicher für ihn auch das Blaulicht angeschaltet und die Sirene einmal kurz anklingen lassen. Aber was geschah wider Erwarten? Der Kleine konnte sich gar nicht daran erfreuen, sondern wollte so schnell wie möglich aus dem realen Polizeiauto heraus.

Müsste er durch das Spielen nicht darauf vorbereitet gewesen sein und demnach erst richtig wertschätzen können, was ihm angeboten wird? Offensichtlich war seine Einbildungskraft zu groß. Würde auch dieses Polizeiauto gleich losrasen und ihn hinter Gitter bringen? Wahrscheinlich war er sich da nicht sicher.

Das Spielen mit dem Polizeiauto war trotzdem gut und richtig, denn das, was wir gespielt haben, gehört zu unserer Welt, aber mein Respekt vor dem kindlichen Imaginationsvermögen und damit vor dem, was menschliche Seelen leisten können, ist gewachsen. Auch das ist gut.       

 

96. Helmut Kohl (01.07.2017)

Wie soll denn jemand Europa einigen, dem das nicht einmal mit seiner eigenen Familie gelingt?

 

95. Feierliche Umbenennung der CDU in die UUU, kurz: U³ (U hoch 3) (30.06.2017)

Bei den vielen frappierenden Kehrtwendungen, die Frau Merkel hinlegt, wird es auch nicht mehr lange dauern, bis sie in einem plötzlichen und ungestümen Anfall von reiner Wahrheitsliebe, im Ausgleich sozusagen zu der jahrelang „unreinen“ vorher, vorschlagen wird, die CDU in die UUU, in die unchristliche, undemokratische Union Deutschlands umzubenennen. Schließlich soll ja auch draufstehen, was drinsteckt, also ein durchaus löbliches Unterfangen politischer Ehrlichkeit.

Unchristlich: Die Ehe ist ein heiliges Sakrament des Christentums. In der Bibel haben sich nicht Adam und Adam oder Eva und Eva zum Ehepaar zusammengefunden und Gott hat auch nicht aus einer Rippe des Adam ihm einen neuen, anderen Adam zum Gefährten gemacht, denn er wusste, dass dies ein unfruchtbarer, absterbender Weg in die Zukunft gewesen wäre.

Der ganze Zweck der Natur ist die Fortpflanzung, alles ist letztendlich darauf abgestellt. Was Romantiker – wie ich – so schön finden, das Blühen und Duften der Pflanzen im Frühling, das Singen der Vögel ist letztendlich nichts Anderes als ein Begehren und Begehrt-werden-Wollen, und zwar nicht eins, das ins blinde Nichts führt, sondern zur Vermehrung, es ist im Grunde der „Sexappeal“ Fortpflanzungsfähiger.

Es gibt rührende Formen der Liebe, zwischen Menschen und auch zwischen Mensch und Tier, die nicht in das Mann-Frau-Muster passen und auch nicht in die Eltern-Kind-Beziehung und wo die Liebenden trotzdem Verantwortung füreinander übernehmen. Sollen sie und keiner soll ihnen reinreden. Das ist ihre ganz und gar private Angelegenheit, sie braucht über das allgemeine Strafrecht hinaus weder gesellschaftliche Reglementierung, noch eine Förderung durch den Staat.

Die Natur und traditionelle Gemeinschaften fördern nur das, was ihrem Fortbestehen und ihrer Weiterentwicklung über die Generationen dient. Insofern finde ich ein Familiensplitting wie es die AfD fordert – das zu versteuernde Einkommen entsteht, nachdem der Durchschnitt der Einkünfte aller Familienmitglieder, einschließlich der Nulleinkünfte der minderjährigen Kinder berechnet wurde – besser als das Ehegattensplitting. Aber wenn schon ein Ehesplitting, dann ein solches, das die Möglichkeit von gemeinsamen eigenen Kindern enthält (nur so wächst eine Gesellschaft tatsächlich), in der Gegenwart und in der Zukunft oder zumindest in der Vergangenheit erfolgreich enthalten hatte.

Die Bibel ist da ganz eindeutig, an mehreren Stellen, ich zitiere hier aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom (Römer 1):

21Denn obgleich sie Gott erkannten, haben sie ihn doch nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt, sondern sind in ihren Gedanken in nichtigen Wahn verfallen, und ihr unverständiges Herz wurde verfintert. 22 Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden “>23 und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild, das dem vergänglichen Menschen, den Vögeln und vierfüßigen und kriechenden Tieren gleicht. 24 Darum hat sie Gott auch dahingegeben in die Begierden ihrer Herzen, zur Unreinheit, so dass sie ihre eigenen Leiber untereinander entehren, 25 sie, welche die Wahrheit Gottes mit der Lüge vertauschten und dem Geschöpf Ehre und Gottesdienst erwiesen anstatt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen!

26 Darum hat sie Gott auch dahingegeben in entehrende Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; 27 gleicherweise haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind gegeneinander entbrannt in ihrer Begierde und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den verdienten Lohn ihrer Verirrung an sich selbst empfangen.

Natürlich dürfe man das alles nicht wörtlich nehmen, müsse es aus der Zeit heraus verstehen. Das erinnert mich an meine Studentenzeit in den 70ziger Jahren in der DDR: Alles, was bei den Klassikern des Marxismus-Leninismus nicht zur realsozialistischen Wirklichkeit passte, z.B. der Ausspruch von Rosa Luxemburg „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“, konnte man natürlich nicht wörtlich nehmen, sondern musste es historisch-konkret einordnen, also den Bedürfnissen der jeweils Herrschenden anpassen, anstatt umgedreht.

Der politische Opportunismus ist offenbar sehr flexibel, sowohl in seiner geschichtlichen Längenausdehnung als auch in seiner ideologischen Breite.

Undemokratisch:

Bei der Euro-Einführung

wurde dem damals noch skeptischen deutschen Volk hoch und heilig versprochen, dass der Euro eine genau so harte Währung werden sollte, wie es die DM über die Jahrzehnte war. Klare gesetzliche Regelungen wurden beschlossen, die Verschuldung einzelner Staaten durfte nicht über 60 Prozent des Bruttosozialeinkommens liegen. Die Mehrheit der Euro-Länder, einschließlich Deutschlands, liegt inzwischen darüber, Griechenland als Spitzenreiter bei 179 Prozent. 

Bedingung bei der Einführung des Euro war die „Nichtbeistands-Klausel“, die in Deutschland natürlich „Bailout-Klausel“ heißen muss. Helmut Kohl am 23.04.1998 in der Debatte des Bundestages über die Einführung es Euro:

“Meine Damen und Herren, nach der vertraglichen Regelung gibt es keine Haftung der Gemeinschaft für Verbindlichkeiten der Mitgliedsstaaten und keine zusätzlichen Finanztransfers.”

Inzwischen wird Griechenland seit vielen Jahren gerettet, und das wird auch nicht aufhören, weil Griechenland geopolitisch für die NATO unverzichtbar sei, so vor kurzem der ehemalige CDU/CSU-Finanzminister Theo Weigel. Wenn die verantwortlichen Politiker in der Eurozone den Griechen das so klar sagen, dann wissen diese, was sie zu tun haben: nämlich nichts, denn ihr Verbleiben im Euro sei ja alternativlos, besonders für die gegenwärtig etablierte politische Klasse in Deutschland, des Landes, das den Hauptanteil der permanent gewordenen Notfallrettung zahlt. [Der Euro in Griechenland wird sozusagen künstlich beatmet, und die Maschinen sollen nie wieder abgestellt werden. Das bedeutet nichts Gutes für den Gesamtzustand des Patienten, auch in psychischer Sicht, wenn das unbefristet so weiter gehen soll. Der Euro in Griechenland muss weiterleben, koste es Deutschland, was es wolle. - 2.7.2017] 

Bei der unkontrollierten Flutung Deutschlands durch Asylbeansprucher

Ein demokratisches Handeln nach Recht und Gesetz wäre gewesen, dem EU-Land Ungarn solidarisch zur Seite zu stehen, als sich die illegalen Einwanderer dort weigerten, sich registrieren zu lassen, weil sie fürchteten, dann nicht mehr in das gelobte Land Deutschland weiterzukommen. Aus ihrer Sicht ist das verständlich, weil sie in Deutschland viel mehr bekommen als in Ungarn.

Das wäre so, wie wenn bei einem Verkehrsunfall die Schwerverletzten die Ersthelfer abweisen, weil ihnen ihr Krankenwagen zu alt und zu klapprig ist, sie warten lieber auf den schicken Mercedes-Rettungswagen und bestehen darauf. Das ist aus ihrer Sicht wieder verständlich, aber es widerspricht dem für alle geltenden Recht, es wäre also undemokratisch, wenn sie damit durchkommen würden.

Würden die „Refugees“ in ihrer Mehrheit wirklich aus nackter Lebensnot fliehen, wären sie zufrieden gewesen, in Ungarn ein Dach über dem Kopf zu bekommen und ernährt zu werden. Aber sie wollten mehr, und sie wären ja auch dumm, nicht mehr zu wollen, wenn Deutschland ihnen dieses „Mehr“ großzügig anbietet, damals per Selfies auch durch die „Chefin“ persönlich. Schuld sind also nicht die Flüchtlinge, sondern die Regierungsverantwortlichen in Deutschland.  

 

94. „Die geteilte Gesellschaft“ (27.06.2017),

ist ein Film von Reinhold Beckmann, Marcus Fischötter und Wolfgang Klauser. Er trägt die Teilüberschrift: “Warum die Kluft zwischen Arm und Reich [in Deutschland] immer größer wird.” Ich hatte ihn bereits am 6.4.2017 auf Phönix gesehen und schnell dazu einen Text auf eine DIN-A-4-Seite geschrieben, die dann allerdings in die unteren Schichten eines meiner Schreibtischstapel “wanderte”. Jetzt habe ich sie wieder entdeckt.

Es ist ein guter Film. Er ist es wert, auch auf meiner Seite vorzukommen. Bei Phönix heißt es dazu: „In keinem anderen Land in Europa ist der Reichtum so ungleich verteilt wie in Deutschland. Während die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung heute über rund zwei Drittel des Vermögens verfügen, wächst trotz florierender Wirtschaft und Rekordbeschäftigung die Armut.“

Was war bei mir an dem Abend, als ich den Film sah, hängen geblieben: Die reichen, übersättigten Millionäre in Deutschland haben drei bis vier Wohnsitze in Europa und der Welt. Sie können gut weltoffen sein. Nationale Grenzen sind für sie genauso wie für ihr Geld ein Horror. Sie fühlen sich in Paris, Rom und London genauso zu Hause wie in Berlin. Nun ja, London nun vielleicht nicht mehr so sehr, obwohl es das Heimatland ihrer Einheitssprache ist. Aber ihre Einheitswährung haben sie ja noch. Ungebunden zu sein und unverantwortlich zu handeln gehören zusammen. Wem sollen sie auch antworten müssen: Transnationalen Konzernen, dem Europa-Parlament, das mit der geringen Wahlbeteiligung gewählt wird, die seiner abgehobenen, abstrakten Stellung entspricht?

Währenddessen wird der arbeitende Mittelstand, der die konkreten materiellen Werte schafft, von denen die Millionäre so gut leben können, immer weiter geschröpft. Im Gegensatz zu ihm können die Groß-Reichen – dank Draghis Finanzpolitik – in der EU extrem billig Geld leihen, wie es Max Otte im Interview sagt, und dadurch immer mehr davon „erschaffen“: Sie können aus Geld noch mehr Geld machen, ohne auch nur das Geringste zu leisten. (Ich will noch mal im Faust II nachlesen, wie Mephistopheles, der gewitzte Teufel, das schon vor Hunderten Jahren dem Kaiser vorschlug.)

Es muss sich alles ausgleichen, alles hängt irgendwie zusammen: Die Ersparnisse der einfachen bis mittelreichen Leute schmelzen dadurch, durch die Niedrigzinspolitik im Namen Europas dahin. Frau Merkel und Herr Schäuble, Herr Schulz und Herr Gabriel, Frau Göring-Eckhardt und Herr Anton Hofreiter wollen es so. Sie sind für das Einheitseuropa und die Einheitswährung, komisch nur, dass sie ihre Kinder, wenn sie welche haben/hätten, bestimmt nicht auf die Einheitsschule schicken würden, nein, das müsste sicher eine ganz besondere, passgenaue sein, allerdings wahrscheinlich wieder mit der alten Einheitssprache.

Wann gründen sie endlich ihre Europa-Einheitspartei? In allen wesentlichen Fragen unterscheiden sie sich doch gar nicht mehr, bis hin zur Ehe für alle. Sie unterscheiden sich jedenfalls bestimmt weniger als die SPD und die KPD damals, bevor sie sich 1946 in der Sowjetischen Besatzungszone zur Einheitspartei vereinigten. 

 

93. Waas? Sag’ bloß! (25.06.2017)

Kim Cattrall – ich weiß nicht, wer das ist und will es auch nicht wissen – „liebt deutsche Schokolade und Angela Merkel! Kim Cattrall spricht sogar etwas Deutsch, sie wohnte mehrere Jahre mit ihrem Ex-Mann in Frankfurt“, so die BILD am Sonntag von heute auf ihrer SWIP-Seite (sehr wichtige Personen, was bei ihr wie überall in der westlichen Welt natürlich „VIPS“ heißen muss).

Noch mal, das muss ja erst mal verdaut werden: Sie kann sogar etwas Deutsch, nachdem sie mehrere Jahre in Deutschland lebte. Eine Sensation! Stellen Sie sich das mal umgedreht vor: Eine deutsche SWIP kann sogar etwas Englisch, nachdem sie mehrere Jahre in einem englischsprachigen Land lebte.

Das könne man doch aber gar nicht vergleichen! Schließlich ist Englisch die Weltsprache. Und Deutsch? Wenn es nach unserer eigenen politischen und kulturellen Klasse geht, ist sie eine „kleine“ Sprache, vielleicht so wie slowenisch oder slowakisch. Sie hat die Devotheit, zumindest die kulturelle, inzwischen tief verinnerlicht, deswegen, zum Beispiel, muss sich auch so darüber wundern, dass jemand sogar ein bisschen Deutsch kann, der jahrelang hier lebte.

Unfass und dann auch noch bar, wo doch Deutsch bloß die Sprache des mit Abstand größten Volkes der EU ist, wo sie doch bloß die Sprachgruppe repräsentiert, die in Europa mit über 100 Millionen Muttersprachlern, fast doppelt so stark ist wie die der Briten und Franzosen und nach der russischen mit ca. 150 Millionen Muttersprachlern die zweitgrößte.

Das ficht unsere SWIPs nicht an. Sie verteilen weiter deutsches Geld unter englischem und französischem Sprachwappen in der EU. Ob wir weiter so viel mehr Geld netto in die EU-Kassen einzahlen – mehr als Frankreich und Großbritannien zusammengenommen (siehe den 35. Gedankensplitter) -, als wir von dort zurückbekommen, hängt von mehreren Faktoren ab. Ich würde diese Zahlungen aber jedenfalls sofort stoppen, bis wir wenigstens kulturell-sprachlich in der EU mit den Briten, die ja nicht einmal mehr dazugehören werden, und den Franzosen gleichberechtigt sind.

Versöhnung und Frieden in Europa sind unschätzbar viel wert. Nach dem 2. Weltkrieg sind sie bisher aber nur durch deutschen Verzicht auf Land und Sprache und Geld erreicht worden; dann sollten wir doch wenigstens wieder kulturell-sprachlich gleichberechtigt dazugehören dürfen. Nicht gedemütigt, sondern selbstbewusst zu der „Liga“ gehören zu dürfen, die der eigenen Größe, den eigenen Leistungen und Fähigkeiten entspricht, ist das Entscheidende für das Glück von Menschen, Familien und Nationen und für ihre freundliche und kameradschaftliche Zusammenarbeit. 

 

92. Bettelzettel in der Merkelrepublik (24.06.2017)

Ich geb’s ja zu: Als vielleicht 10-Jähriger hatte ich es auch versucht. Die westdeutsche Schokolade schmeckte mir, verfressen, wie ich damals schon war, so viel besser als die „sandige“ Ostschokolade, dass ich einen Dankbrief an eine rare Westtante nutzte, um ihr mitzuteilen, dass sie mir doch bitte in Zukunft Vollmilch-Nuss-Schokolade schicken möge.

Aber wer’s schon hat, weiß oft nicht, was er da hat. Mein verbrämter Bettelbrief war nicht von Erfolg gekrönt. Heute nun habe ich auf dem Rückweg vom sehr schmackhaften Fass-Budweiser und Pfifferlingsomelett durch Leipzig-Plagwitz auf dem Armaturenbrett eines Autos einen großen, rot beschriebenen Zettel gesehen.

So etwas macht mich immer neugierig. Sinngemäß stand da: Das ist mein Dienstwagen, ich brauche ihn zum Geldverdienen, ich nutze ihn nicht privat. Bitte ganz lassen.

Es handelte sich um ein großes Mercedes-Schiff. So weit sind wir also schon: Leute, die in diesem Land fleißig sind oder die vielleicht auch nur fleißige Vorfahren hatten, die sie beerben konnten, müssen darum betteln, dass man ihnen ihr Eigentum lässt.

Das ist vorläufig nicht das Problem der Etablierten, die sich bereits mit Haus und Garage einrichten konnten, aber da kommt eine Mentalität auch auf sie zu, eine Mentalität, die sie selbst gefördert, wenn nicht sogar herangezüchtet haben (siehe den Gedankensplitter darunter).

91. Apropos postfaktisches Denken (22.06.17)

Man stelle sich einmal vor, „Rechte“ würden den Bahnverkehr lahmlegen, um eine Konferenz zu verhindern. Da wäre was los. Dass Linksextremisten das G 20-Treffen in Hamburg mit allen Mitteln, ohne Rücksicht auf das Wohlergehen und sogar das Leben Unbeteiligter, verhindern wollen, ist überall auf Häuserwänden zu lesen, jedenfalls in Leipzig. Wer Zug fährt, konnte es am vergangenen Wochenende auch schon persönlich erleben.

Ich gönne es der etablierten politischen Klasse, die die Linksextremisten seit Jahrzehnten hätschelt wie überforderte Eltern ihre total verzogenen, gewalttätigen Kinder. Hauptsache, sie sind gegen Nazis, damit ist alles legitimiert, auch menschenverachtende, also nazistische Gewalt. Eine solche hat es an sich, dass sie sich blind ausbreitet und sich früher oder später sogar gegen die Hätschler selbst wendet, die nun verzweifelt umso emsiger hätscheln werden. Das ändert nichts daran, dass sie in diesem Land die Immobilien, das Geld und die Macht besitzen und damit sind sie die natürlichen Feinde der extremen Linken. Das finde ich persönlich nachvollziehbar, wenn nur die rücksichtslose Gewalt nicht wäre. Es wird Zeit, dass die Etablierten das „aufgebauschte Problem“, das sie selbst herangezüchtet haben, nun auch selber deutlicher zu spüren kriegen.

Bleiben wir mal ganz sachlich, lassen wir das emotionale Wunschdenken beiseite und lassen die Fakten sprechen, denken wir also weder prä- noch postfaktisch, sondern sozusagen perifaktisch. Schauen wir uns an, was Prof. Klaus Schröder am 24.05.2016 in der „Welt“ geschrieben hat:

Politisch motivierte Gewalttaten sind seit vielen Jahren und so auch im letzten erfassten Jahr (2015) auf der linken Seite deutlich höher als auf der rechten:

2246 linke Gewalttaten stehen 1485 rechte gegenüber, das heißt die linken sind um 51 Prozent höher als die rechten. Das ist keine Kleinigkeit. Als Prof. Schröder bei einer Konferenz darauf hingewiesen hatte, dass auch bei den Körperverletzungen die Linken vor den Rechten führen, erntete er ungläubigen Protest. Wie war das noch mal mit dem postfaktischen Denken: Es bedeutet, etwas nicht wahrhaben zu wollen, obwohl die Fakten eindeutig dafür sprechen. Für Postfaktiker ist das Wunschdenken wichtiger, das, wie es eigentlich sein sollte, als die Realität.

In einem der ersten Digedag-Mosaikhefte tritt ein römischer Centurio auf, der bei einem Manöver brüllt: „Die Landkarte ist richtig, bloß die Gegend ist falsch!“ Genauso handhaben es die Populisten der Mitte. Als rechte Straftat wird jedes Hakenkreuz gezählt, das grüne Jungen (also die, die noch grün hinter den Ohren sind) mit Kugelschreiber oder Filzstift auf Toilettentüren gekritzelt haben. Wenn aber auf Häuserwände gesprüht wird „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“ und wochenlang dort so stehen bleibt oder „United Cop-Killer“ ist das natürlich keine Straftat, das sind ja bloß Deutsche, die da beleidigt und bedroht werden, aber wehe, es stände da „EU, du mieses Stück Scheiße“ oder „United Refugees-Killer“ – das wäre nicht nur ein Fall für die Statistik, sondern es entstände wahrscheinlich ein Auflauf kriminalistischer Spurensicherung und Ermittlung.

Weil die rechte Gewalt ein angeblich so viel größeres Problem als die linke Gewalt und als der Islamismus ist, hatte die große Koalition aus CDU und SPD nur ein Programm gegen Rechtsextremismus bewilligt. Gegen den Islamismus wird nun erst eins nachgeschoben, obwohl der islamistische Terror in Deutschland und Europa viel mehr Opfer gefordert hat als der rechtsextremistische.

Der „NSU-Terror“ wird wie selbstverständlich dazu gerechnet, obwohl bereits im ersten Jahr Gesellschafts- oder Sozialkunde die Schüler lernen, dass es eine der elementarsten Grundlagen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist, Beschuldigte so lange für unschuldig zu halten, bis ein Gericht nach rechtsstaatlichen Prinzipien ein entsprechendes Urteil fällte. Das ist nicht der Fall. Unsere Qualitätsmedien tun trotzdem so, als wenn der „Rechtsterrorismus“ im NSU-Fall, in dem Geheimdienste verwickelt sind und mehrere Zeugen ganz plötzlich vor ihrer Aussage starben, erwiesen ist.

Es gibt in einer demokratisch reifen Gesellschaft keine gute Körperverletzung und keinen guten Mord. Vielleicht trägt der G 20-Gipfel und das, was um ihn herum passiert, dazu bei, endlich auch ein Programm gegen den Linksextremismus aufzulegen.           

 

90. “Bisschen Furcht und Schrecken zu verbreiten, ist schön und im Interesse…” (20.06.2017)

Wer öfter einmal eine Reise macht, ist im Vorteil, er findet zum Beispiel im Zug eine Zeitung, die er liest: Die BILD (vom 19.06.2017) mit dem Lokalteil von Frankfurt (am Main). Der Regisseur Dieter Wedel und der Schauspieler Claude-Oliver Rudolf drehen in Bad Hersfeld den Film „Luther“ und werden dort interviewt (S. 10):

BILD: Wer ist jähzorniger? Wedel: ‘Ich setze es gezielt ein, wenn auf der Bühne nix funktioniert. Bisschen Furcht und Schrecken zu verbreiten, ist schön und im Interesse der Schauspieler.’“

Das sagt ein gestandener Künstler über seine Arbeit mit anderen Künstlern. Aber 12-jährige Rüpel in einer Schulklasse sollen allein mit „gewaltfreier“ Kommunikation zu höheren Leistungen animiert werden. Ein Kommunikationskurs jagt den nächsten. Wehe ein Lehrer wird einmal laut, er riskiere dann posttraumatische Störungen bei den Gescholtenen, wird ihm gesagt. Da bleibt er lieber selbst traumatisiert und denkt sich still und leise: Regisseur müsste man sein.

Über die Freundschaft zwischen ihnen sagen die beiden auch etwas, was sich direkt auf die Lehrer-Schüler-Beziehung übertragen lässt:

BILD: Sind Sie inzwischen Freunde? Rudolph: ‘Das geht nicht. Das macht man auch nicht. Es geht um liebevollen Respekt.’ Wedel: ‘Es gibt keine Freundschaften zwischen Schauspielern und Regisseuren.’“ 

 

89. Die Flüchtlingskrise und die narzisstische Gesellschaft (16.06.2017)

Keiner kann sich freimachen von dem, was den Geist seiner Zeit kennzeichnet. Ich bilde mir ein, zu denen zu gehören, die das noch verhältnismäßig gut können. Einem Zeitgeist bin ich aber auch aufgesessen. Ich lese zu wenig, ich höre zu wenig zu. Es gibt in unserer Gesellschaft immer weniger gute Leser/Zuhörer und immer mehr Autoren/Redner, die sich selbst für gut halten.

So war mir ein Beitrag von HANS-JOACHIM MAAZ („Wir haben ein Narzissmusproblem“) entgangen (in der Tat, ich hatte eins: ich kreiste zu sehr um mich selbst), den dieser auf Cicero.de schon am 26.01.2016 veröffentlicht hatte. Mich hat er nun wenigstens im Nachhinein beeindruckt, deswegen zitiere ich hier aus ihm:

Die realen Erfahrungen der letzten Wochen zeigen, dass ‘Wir schaffen das!’ und ‘Es gibt keine Obergrenze!’ eine irrtümliche Suggestion und eine praktische Fehleinschätzung sind. Dass die notwendige Integration nicht ‘nur’ Versorgung, Wohnung, Sprachkurse, Arbeit, medizinische Versorgung, Kitas, Schulen, Kultur- und Rechtserziehung bedeutet, sondern auch zu lösende Fragen der Sexualökonomie aufwirft, ist jetzt deutlich geworden. Und dass etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung nach deutschem Asylrecht auch asylberechtigt wären, führt den Streit um eine Obergrenze ad absurdum.

Im Grunde genommen wissen wir alle, dass die Kanzlerin irrt und die bisherige Politik der Bundesregierung eine Tendenz zur nationalen Krise befördert. Weshalb schauen wir überwiegend nur zu, weshalb gibt es keinen Aufstand, weshalb wird der Rücktritt der Regierung, vor allem der Kanzlerin, nicht mit Nachdruck eingefordert? Ist die Politik ‘alternativlos’? Das glauben immer weniger!

Ich bezeichne eine gesellschaftliche Fehlentwicklung als ‘Normopathie’: Das Falsche, der Irrtum, wird nicht mehr erkannt, weil die Mehrheit einer Meinung ist und danach handelt. Alle Mitläufer (!! – R.H.) können schuldfrei denken und sagen, was ‘alle’ machen, kann ja nicht falsch sein. Und als Mainstream ist die versammelte Kraft zu verstehen, dazugehören zu wollen, nicht die Last eines Außenseiters tragen zu müssen oder offen bekämpft und diffamiert zu werden.

Die in Deutschland immer noch wirksamsten Ausgrenzungen werden mit Schlagwörtern wie ‘rechtsextrem’, ‘rechtspopulistisch’ und ‘fremdenfeindlich’ vollzogen und damit jede inhaltliche Diskussion verhindert. Ganz ohne Frage gibt es solche Personen, sie treffen aber überhaupt nicht auf die große Zahl der ‘besorgten Bürger’ zu. Dass Menschen Angst vor einer unkontrollierten Entwicklung, vor Fremden und krimineller Bedrohung haben, ist normal. Dass viele Menschen eine aufgezwungene Veränderung nicht wollen, dass sie Parallelgesellschaften ablehnen, dass sie kulturelle und religiöse Konflikte nicht wünschen, ist weder fremdenfeindlich oder rechtsradikal, noch rückschrittlich, sondern ihr gutes Recht.

Eine moralisierende Bewertung von Meinungen und Befindlichkeiten, die nicht politisch korrekt sind, ist ein ernst zu nehmendes Zeichen schwächelnder Demokratie. Andersdenkende sind niemals die Feinde einer Demokratie, sondern die zu verstehenden Symptomträger von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen.“

Ganzer Artikel von HANS-JOACHIM MAAZ

Jetzt fängt an, sich zu zeigen, wer die wirklichen Demokratiefeinde sind: Die, die Vorträge absagen oder stören, weil sie offene Diskussionen verhindern wollen, oder die, die gegen den Hauptstrom des in der Gesellschaft angesagten Denkens „schwimmen“, das angeblich schon allein deswegen nicht falsch sein kann, weil es „bunt“ ist – mir wird’s schon lange zu bunt – und „weltoffen“.

Ich sehe wie MAAZ eine große Gefahr für eine Gesellschaft, wenn es in ihr immer mehr narzisstische Persönlichkeiten gibt, die nicht in der Lage sind, ernsthaft die Bedürfnisse und berechtigten Ansprüche ihrer Mitmenschen ins Kalkül zu ziehen. Ich glaube allerdings, dass der Grund für Narzissmus, Beziehungsunfähigkeit, hauptsächlich darin liegt, dass Menschen, als ihre Seele in ihrer Kindheit noch weich und offen genug dafür war, nicht durch Erziehung, insbesondere das Einüben von Umgangsformen auf die Rechte des Anderen hingewiesen wurden.

An sich selber denken kann nämlich die große Mehrheit der Menschen von alleine, jedenfalls heute. HANS-JOACHIM MAAZ hatte andere Erfahrungen gesammelt, deswegen stellt er Erziehung Beziehung gegenüber, anstatt eine Erziehung zu beschreiben, die zu Beziehungsfähigkeit führt. Das ist ein zwar interessantes, aber ein anderes Thema – ich komme darauf zurück.

88. Was guckst du?“ – Es ist (war?) alles noch viel schlimmer, als ich gedacht hatte. (15.062017)

Nach der Wende, um 1990 herum, hatte ich mit meinen Söhnen meine Eltern besucht, die damals im Berliner Westen, im Wedding, wohnten. In der U-Bahn gab es einen kleinen Aufruhr, weil einer meiner Söhne auf seinem Jackenärmel die Flagge seines frisch wiedervereinten Heimatlandes in dessen Hauptstadt trug.

In einer Stadt, die sicher schon damals, vermute ich jedenfalls, in ihrem Westteil von türkischen Flaggen überquellte, war es ein Skandal, wenn ein junger Deutscher die seine auch zeigte. Bevor sich die jungen Türken in der U-Bahn über diese unerwartete Frechheit von „Nazis“ so richtig klar wurden, mussten wir zum Glück aussteigen.

Nachdem ich am Dienstagabend (13.06.17) in der Gesprächsrunde von Markus Lanz den jungen Türken Yigit Muk gehört hatte, wurde mir klar, wie knapp wir an einer persönlichen Katastrophe vorbeigeschrammt waren. Er berichtete dort von der Zeit in einer Türkengang von seinem 12. bis zu seinem 17. Lebensjahr. Zu ihr gehörten auch zwei Deutsche, die nach kurzer Zeit kein Deutsch, jedenfalls kein richtiges, mehr sprachen, sondern einen Türkenslang. Diese Testosteronmachos fühlten sich allen anderen weit überlegen, es waren die „Herrenmenschen“ von Neuköln und vom Wedding. Einen kurzen Moment zu lange in ihr Gesicht geschaut, berichtete Herr Muk, reichte für Faustschläge ins Gesicht, und wer sich wehrte, kriegte noch Messerstiche dazu, manchmal auch sicherheitshalber gleich von vornherein.

Jeder aus der Gang hatte viele Male unschuldige Menschen, die ihnen meistens zufällig in die Quere kamen, schwer verletzt. Es war ihr bewusstes Ziel, Menschen zu brechen, z.B. gestandene Lehrer zum Heulen vor der Klasse zu bringen. Andere Erwachsene, die in Deutschland Verantwortung in den Strafverfolgungsbehörden trugen und tragen, waren nicht solidarisch mit den erbärmlichen Opfern, sondern mit den stolzen Tätern, ähnlich wie die zwei deutschen Jugendlichen in der Gang, die sich voll integriert hatten. Immer wieder hieß es, sozialpädagogisch auf der Höhe der Zeit, von ihrer Seite: Wir geben dir noch eine Chance.

[Ich vermute, dass Yigit Muk, der so offen bei Markus Lanz darüber sprach, dies auch in seinem Buch "Mucksmäuschenschlau" so getan hat. Wer mir also nicht glauben will, lese sein Buch. - 21.06.2017]

Kirsten Heisig war bei ihnen nicht angekommen. 20, immer wieder neue Chancen für die Täter, aber nicht eine für die Opfer, die in vielen Fällen unter den körperlichen und psychischen Verletzungen lebenslang leiden müssen, während den Tätern das nicht einmal für sechs Wochen zugemutet wurde. Wie kann man das anders nennen als den Verrat der politischen Klasse an den Eigenen, die bzw. deren Vorfahren schon immer hier lebten?

Und dann wird gejammert, dass Jugendliche mit türkischem Namen bei der Einstellung benachteiligt würden. Warum wohl? Weil die Personalchefs einen genetischen Defekt haben, der sie hindert, nichtdeutschen Jugendlichen ohne Vorurteile zu begegnen oder weil sie immer wieder ein“schlägige“ Erfahrungen mit ihnen sammeln mussten. Und wenn deutsche Personalabteilungen angeblich rassistisch entscheiden, warum haben sie dann keine Probleme mit jungen Vietnamesen, Koreanern, Chinesen und auch nicht mit jungen Leuten aus anderen europäischen Ländern?

Herr Muk hat die richtigen Schlussfolgerungen gezogen, ihm ist es gelungen, seinen starken Lebens- und Geltungstrieb auf Positives, Konstruktives umzulenken; er hat ein Superabitur geschafft und studiert jetzt Wirtschaftswissenschaften. Und er sagt: Wenn es schon früher eine harte Reaktion des deutschen Staates auf die Raserei der wütenden Arroganz stolzer junger Türken, die unkonfrontiert ihre eigene Herkunft meilenweit über die Werte des Landes stellen konnten, in dem sie geboren wurden und das sie versorgte, dann hätte er seinen Irrweg nicht so lange gehen müssen, dann hätte er schon eher das Abitur geschafft und vor allem wäre dann vielen unschuldigen Menschen großes Leid erspart geblieben.

Deutschland ist wie eine senile Oma, die ihren total verwöhnten und gewalttätigen Enkeln immer aufs Neue alles bietet, was diese wollen, ohne auch nur die geringsten Gegenforderungen zu stellen, geschweige denn, sie auch noch durchzusetzen. Sie bekommt einen Tritt in den Hintern dafür, diese Oma, im übertragenen Sinne auch von mir.

Und dann sitzt da der Vorsitzende des Bundes der Kriminalbeamten und erzählt unbeeindruckt von der Realität, die Ygit Muk gerade eben erst eindrucksvoll geschildert hatte, immer noch das alte Märchen, dass junge Gewalttäter Verständnis bräuchten, die immer wieder neu gereichte Hand, Erziehung und keine Strafe. Als wenn eine konsequente Strafe nicht die Form der Erziehung wäre, die erst einmal die Gesprächsbereitschaft, das Ernstnehmen dessen, der helfen will, herstellt.

Zur gleichen Zeit lese ich, dass der 81-jährige Horst Mahler gnadenlos verfolgt wird, wieder ins Gefängnis muss, weil er nicht aufhört, eine falsche Meinung zu vertreten. Er muss wegen „Volksverhetzung“ wieder einrücken, ein Straftatsbestand, der in Edogans Türkei genauso heißt, und auch dort dazu führt, dass nicht die Menschen, die wirklich etwas „gemacht“ haben, sondern die, die das Falsche denken und öffentlich vertreten, ins Gefängnis müssen. In Deutschland dürfte dieser Straftatsbestand aber eigentlich gar nicht mehr „Volksverhetzung“ heißen, sondern müsste „Bevölkerungsverhetzung“ lauten, denn das „deutsche Volk“ gibt es in den Augen unserer Eliten ja wohl gar nicht mehr.    

 

87. Wer nicht im Guten seine eigene Nation (Familie) lieben darf, tut es dann im Bösen. (12.06.17)

Im Ausland, komischerweise, merkt man mehr, woher man kommt und wohin man gehört, als im Inland. So geht es auch vielen Deutschen auf Mallorca. Touristen aller Nationen verweisen dort direkt und indirekt stolz auf das, was ihr Heimatland ausmacht. Ich habe das Gefühl, dass viele Deutsche dort deutscher sind als zu Hause, mehr noch als die Briten und die Russen, die ihre nationale Herkunft dort auch verstärkt zeigen, aber diese stehen ja auch schon zu Hause stolz zu ihrer eigenen Herkunft.

Die Deutschen nicht. Müssen sie deswegen in Mallorca übertreiben, manche von ihnen dumm übertreiben, wenn ich der BILD von heute glauben darf? Wie kann man nur so gestört sein, Hakenkreuze und andere Bezüge auf die Nazizeit auf Hemden oder auf der Haut zur Schau zu stellen? Adolf Hitler und sein Nazireich waren zutiefst antinational; sie waren rassistisch und kriegsfetischistisch. Das sieht man schon daran, dass Hitler eine halbe Million der besten und klügsten Deutschen, die zum großen Teil Patrioten waren, jüdische Deutsche, umbringen oder zumindest vertreiben ließ. Man sieht es z.B. auch daran, dass er sich mit Mussolini darauf einigte, die völkerrechtswidrige Abtrennung Südtirols von Österreich zu verstetigen, wonach dann Deutsch dort nicht einmal mehr als Zweitsprache geduldet wurde, bloß um besser Krieg zusammen mit dem „Duce“ führen zu können.

Mit der Vernichtung der Juden in Mittel- und Osteuropa hat er Millionen Menschen ermordet, die der deutschen Kultur zum großen Teil positiv zugewandt waren, allein schon durch ihre Sprache, das Jiddische, das mit dem Deutschen nah verwandt ist.

Deutschland ist die führende Wirtschaftsmacht in Europa, sein, nach den Russen, zweitgrößtes Volk. Wir können stolz auf uns sein, sowohl auf den preußischen als auch den österreich-ungarischen Teil des heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Sicher, es gab Machtpolitik und Kriege, aber nicht mehr als sie auch die Briten, Franzosen und Russen geführt haben. Das gilt bis hin zu unserem letzten deutschen Kaiser, der von seinem Generalstab als „Friedenskaiser“ verhöhnt wurde, mit dem man keinen Krieg führen könne. Wir haben Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitverschwörer, die nicht im Kampf gegen Hitler ihr Leben geopfert haben, weil sie hier die „westliche Demokratie“ einführen wollten, sondern weil sie Deutschland retten wollten als starkes, stolzes und territorial ungestutztes Land in der Mitte Europas.

Genug Identifikationsmöglichkeiten, da brauchen wir wahrlich keinen Hitler, höchstens als abschreckendes Negativbeispiel, so wie die Russen das auch mit Stalin handhaben sollten.  

 

86. Deutschland hat keine eigene stabile Nationen-Persönlichkeit, es fühlt sich deswegen nur in der Gruppe stark. (09.06.2017)

Der Heranwachsende, der sich in die Gesellschaft einzufügen bereit oder auch willig ist, gelangt damit zu einem einigermaßen klaren Bewusstsein seiner selbst: er weiß, wer er ist und was er will. Hat er aber die vorangehenden Schritte [seiner Persönlichkeitsbildung in der Kindheit und frühen Jugend – R.H.] nicht günstig absolvieren können, dann ist ihm seine zukünftige Rolle in der Gemeinschaft weniger deutlich; er strukturiert in seinem Inneren ein nur diffuses Bild seiner selbst, der Welt und der Mitmenschen. Da er ein schwaches Ich hat, neigt er dazu, sich von der Gesellschaft vorprogrammierte ‘Rollen’ suggerieren zu lassen; er definiert sich durch die Gruppe, der er gerade zugehört.“ (Das Kapitel über Erik H. Erikson in: Josef Rattner: Klassiker der Tiefenpsychologie. München 1990, S. 567)

Im Fall der Nation Deutschland ist diese Gruppe, hinter der und in der sich Deutschland aus mangelnder „Ich-Identität“ versteckt, die EU. Nationen mit einem starken Selbstbewusstsein wie Großbritannien und Frankreich sind nicht gefährdet, sich zugunsten einer übergeordneten Gruppenidentität aufzugeben. Das bleibt in Europa Deutschland vorbehalten. 

 

85. Das ist nun mal der Gang der Dinge. (08.06.2017)

Punkt oder passender: Fragezeichen? Für mich gehört da ein dickes Fragezeichen hin. Wagner, der Bild-Kolumnist, fliegt nicht mehr mit Air-Berlin, weil er wütend ist über die großen Verspätungen. BILD druckt dazu die diesbezüglichen Textnachrichten der Fluggesellschaft auf die Mobiltelefone der Kunden ab. Alle sind auf Englisch. Eine deutsche Fluggesellschaft teilt die Verspätung eines Fluges von Berlin in eine andere deutsche Stadt ihren – höchstwahrscheinlich – weit überwiegend deutschen Kunden nur noch auf Englisch mit. Bildungsbürger wie Herr Wagner sind darüber erhaben, sie hätten, offenbar, ohne Murren auch Russisch akzeptiert, wenn Stalin „damals“ ganz Europa erobert hätte.

Ich habe Probleme damit, mir fällt das überhaupt noch auf, im Gegensatz zu den meisten meiner “weltoffenen” Mitbürger. Ich weiß: Aus „Pille-Palle“ wird schnell Großes, wenn wir vergessen, dass ein neues Großes immer aus dem Umschlagen des alten Großen entsteht, nachdem sich in ihm genug Kleinigkeiten angesammelt hatten, die das Kippen des Ganzen verursachen. Das sind solche Kleinigkeiten, und das neue große Ganze wird dann jedenfalls nicht mehr Deutschland sein, nicht einmal mehr so heißen, vorübergehend vielleicht noch „Germany“ [später dann "Zentraleuropäisches Siedlungsgebiet", alles auf Englisch natürlich. Das ist dann das Ende der Geschichte des größten oder nach den Russen zweitgrößten europäischen Volkes - 10.06.17.]

 

84. Das Gewöhnliche, Langanhaltende ist gefährlicher als das Außergewöhnliche, Momentane. (5.6.2017)

Der Filmriss ist peinlich, wenn man am Boden liegt und nicht mehr hochkommt. Es folgt eine Schampause: kein Alkohol mehr. Danach soll es gesittet weitergehen, aber bei den Labilen schleicht sich der Missbrauch wieder ein, es wird unmerklich wieder mehr.

So ging es Deutschland 2015 mit der außer Kontrolle geratenen Aufnahme von „Geflüchteten“, die jetzt angeblich kontrolliert erfolgen soll und in Wirklichkeit langsam aber sicher, jetzt ohne auffällige Eskapaden des Ansturms der „Flüchtlinge“ an unseren Grenzen, wieder ansteigt. Was bei Suchtgefährdeten, die glauben, noch weiter kontrolliert Alkohol trinken zu können, unverzichtbar ist, nämlich eine klare Obergrenze des täglichen Konsums (und ein klarer Plan, nicht täglich zu trinken), verweigern die regierenden Parteien in Deutschland (CDU, SPD, Grüne) weiterhin („Und was passiert, wenn nach dem letzten Glas immer noch Alkohol auf dem Tisch steht?“) bzw. können sie immer noch nicht durchsetzen (CSU).

(Kann man Alkohol und Menschen miteinander vergleichen? Vergleichen heißt, zwischen Unterschiedlichem etwas Gleiches, etwas Sich-Gleichendes – nicht das Selbe – zu erkennen. So kommt das Denken voran. Alkohol und Menschen unterscheiden sich natürlich viel mehr, als sie sich gleichen. Sie gleichen sich in einer Beziehung: Sie können beide süchtig machen; Menschen können sowohl anderen Menschen wie auch dem Alkohol verfallen. In diesem Kontext gibt es noch etwas Gleiches: Menschen müssen zuerst Verantwortung für sich selbst übernehmen; bei der Frage, ob sie noch etwas trinken, ist nicht wichtig, ob noch etwas da ist, sondern die entscheidende Frage ist, ob sie selbst genug haben, ob sie sich gefährden, wenn sie noch mehr trinken. Und so ist es letztendlich auch im Kontext der Flüchtlinge: Ein Seenotrettungskreuzer, der bereits mehr Menschen aus Seenot aufgenommen hat, als es seine Kapazität vorsieht, muss irgendwann aufhören, auch wenn immer noch Menschen in Seenot um ihn herumschwimmen. Was passiert mit ihnen? Sie müssen auf andere Schiffe warten, die das SOS hörten und deren Kapazität möglicherweise noch nicht ausgeschöpft ist. Rettet ein Seenotrettungskreuzer aus moralischen Gründen weiter, obwohl seine Kapazitätsobergrenze überschritten ist, gefährdet er das Leben aller, das der schon Geretteten ebenso wie das der Mannschaft. Die Frage: Was passiert mit dem, der nach der Obergrenze kommt, ist im Leben also eine reale, sie stellt sich immer wieder im Lebensalltag, z.B. auch dann, wenn es bei einem Unglück mehr Schwerverletzte gibt als Rettungswagen oder Klinikbetten im nächstgelegenen Krankenhaus. Dass eine bedrohlich Erkrankte in Deutschland vom nächstgelegenen Krankenhaus abgewiesen wurde, weil dessen Aufnahmeobergrenze erreicht war, und sie stundenlang weiter herumgefahren wurde, bis sie endlich ein weiter entferntes aufnahm, gehört jedenfalls zu den Erfahrungen, die ich sammeln musste.)  

Das Land soll langsam, dafür aber um so sicherer „kippen“ vom national Kontrollierten, Stabilen, hin zum “Weltoffenen”, nicht mehr Kontrollierbarem; zum Glück wollen die anderen Nationen in Europa nicht mitkippen. Da bleibt eine Hoffnung, und mein Blick weitet sich, in diesem Fall, von Deutschland auf Europa. Die Briten werden nun endgültig „die Schnauze voll haben“ vom unkontrollierten Einlass der „Flüchtlinge“ nach Europa durch Frau Merkel. 

 

83. Schaut auf dieses Stadion! So geht es Lehrern jeden Tag. (31.05.2017)

Gestern Abend wollte ich die Tagesschau sehen und den Börsenbericht fünf Minuten zuvor. Na schön, dieser fällt wieder mal aus, weil ein Fußballspiel direkt übertragen wird. Ich ärgere mich und denke mir: Dann guckst du eben noch fünf Minuten Fußball. Nur langsam merke ich, was da gespielt wird: Die enttäuschten „Fans“ von 1860 München, das gegen Regensburg 2 : 0 im Rückstand liegt, werfen Sitzschalen und Stangen auf das Spielfeld. Der Regensburger Torwart und Spieler seiner Mannschaft, die wollen, dass dieses Spiel irgendwie zu Ende gebracht werden kann, heben sie immer wieder auf und werfen sie an den Spielfeldrand. Das gab es meines Wissens früher nicht in Deutschland. Wir sehen: Das gesellschaftliche Leben entwickelt sich hier gewaltig (nicht nur das Flugwesen), direkt proportional zu den immer besseren pädagogischen Ausbildungen.  

Junge Männer auf der Tribüne, die sich nicht benehmen können, gefährden mit ihren Würfen ernsthaft andere Menschen. Der Schiedsrichter muss das Spiel unterbrechen. Eine Polizeikette in dicker Kampfmontur glotzt die Werfer, wie es mir scheint, nur dumm an. Sie kann nichts machen, und die Chaoten setzen vor den Augen der Polizei „seelenruhig“ ihre Gewalttaten fort, eine nicht enden wollende Folge versuchter – und in einzelnen Fällen auch “gelungener” – Körperverletzungen. Die Polizei unternimmt nicht einmal auch nur den Versuch, einen der Täter zu fassen. Ich glaube, sie filmen sie nicht einmal. Sie ist hilflos und ohnmächtig wie Silvester 2015/16 in Köln.

Haargenau so geht es Lehrern, die noch ihren Schulleiter zu Hilfe geholt haben und nun vereint dumm „glotzen“, wie sie beworfen werden, allerdings nur mit Papierkugeln, Kreidestücken und Wurststullen. Wetten, dass weder den einen noch den anderen Werfern „was passiert“? Das ist ja auch der Grund, warum es immer schlimmer wird. Bereits in den Klassenzimmern wird dieses Verhalten gezüchtet und trainiert; was im Stadion gelaufen ist, ist nur eine vergrößerte und vergröberte Projektion des alltäglichen Klassenzimmeralltags in einer zunehmenden Anzahl von Schulen.

In beiden Fällen werden immer wieder Gründe gesucht und gefunden, warum Chaoten wütend werden müssen und warum sie nichts dafür können. Kein Wunder, dass sie keine Frustrationstoleranz lernen, mit Niederlagen und Enttäuschungen umzugehen. Kein Wunder, dass so aus unerzogenen, maßlos frechen Jungen böse, ernsthaft gefährliche Gewalttäter werden müssen, sich selbst und ihren Mitmenschen zum Schaden. 

 

82. Apropos „Großvater“ im Gedankensplitter darunter (30.05.2017)

Da muss ich an „Meines Großvaters Weingarten“ in Zalakoros, Ungarn, denken, an besonders gutes Essen und schöne melancholische „Zigeunermusik“. Ich nehme mir fest vor, im nächsten Sommer wieder hin zu fahren. Ich bin gespannt, ob sich der nette Wirt halten konnte. Er spricht mit allen ausländischen Gästen, egal ob Brite, Tscheche oder Russe, konsequent nur Deutsch, und es ist erstaunlich, was diese im Falle der Abrechnung an deutschen Restvokabeln hervorkramen.

Ich fürchte, er wird bald damit scheitern, und zwar nicht an den nichtdeutschsprachigen Ausländern, sondern an den Deutschen. Mit erstaunlicher Penetranz wollen sie ihm, je westlicher und jünger sie sind, desto mehr, ihr Englisch aufzwingen. Dieser Typ Deutscher redet alle, die ein bisschen ausländisch aussehen, von vornherein und prinzipiell englisch an, egal ob in Deutschland oder im Ausland. Das, was so weltoffen sein soll, ist in Wirklichkeit eine rassistische Profilierung: Du gehörst hier immer noch nicht hin, egal, wie lange du in Deutschland lebst, du siehst ja immer noch „ausländisch“ aus. Ekelhaft, dieses Strebertum, das die Mitmenschen benutzt, um zu demonstrieren: Ich weiß was! Ich kann Englisch!

Bezüglich des ungarischen Wirts habe ich zwei Hoffnungen: 1. Das Abkassieren lässt er sich nicht nehmen, das macht er weiter persönlich. 2. Er ist zu alt und zu eigen, um jetzt plötzlich auch noch Englisch zu lernen. Ungarisch und Deutsch reichen für ihn in Ungarn. Ich finde, er hat Recht.  

 

81.Ich hab’ dich trotzdem lieb!“ – Erlebnisse eines Großvaters (1/25.05.2017)

Ich bin ja stolzer Großvater vierer Enkelkinder (2 – 11J.), aber auch ein guter Beobachter dessen, was andere Großeltern mit ihren Enkeln erleben. Wenn ich hier Erlebnisse beschreibe, lasse ich ausdrücklich offen, ob es sich dabei um meine eigenen handelt oder um fremde, die ich beobachtet habe.

Eigenes und Fremdes verwischt sich sowieso, jedenfalls dann, wenn es sich noch um eine Menschenart handelt, deren Mitglieder sich schon äußerlich ähneln. Vielleicht geht die „Verwischung“ sogar darüber hinaus, ich jedenfalls spüre, wenn ich orientalische Musik höre, etwas Vertrautes in mir anklingen: Einer meiner weit entfernten Vorfahren – bis 1726 kann ich sie zurückverfolgen und da lebten sie immer in Deutschland – oder ich selbst in einer früheren Existenz müssen dort gelebt haben.

Deswegen geht mir auch die immer und immer wieder gleiche anglo-amerikanische Musik-Meterware, die „deutsche“ Rundfunkanstalten senden, so auf die Nerven, und ich höre in Berlin gern Radio Metropol. Da höre ich zwar kein einziges deutschsprachiges Lied – insofern haben sich die Türken schon gut in Deutschland integriert, denn die gibt’s auf den etablierten deutschen Sendern auch kaum zu hören -, aber zum Glück auch kein einziges englischsprachiges – eine Oase der Erholung für meine Ohren.

Ich bin in einem Biergarten mit einem angrenzenden Spielplatz. Viele Menschen sind hier, auch viele Familien mit kleinen Kindern. Die Sonne scheint, die Kinder lachen. Ich wundere mich jedes Mal, dass es hier so wenig Streit gibt, offenbar ist es mit dem egoistischen Autismus, den engagierte Mütter bei ihren Kindern pflegen, z.T. regelrecht heranzüchten, doch nicht so schlimm, wie ich es manchmal selbst befürchte, oder die Menschennatur, gerade die der Kleinen, ist ihrem Wesen nach doch mehr sozial als egoistisch, so dass sie sich immer wieder einig werden bei dem Wirrwarr von Schippen und Förmchen, die im Sandkasten allen und keinem gehören.

Obwohl: Gerade fällt mir ein, dass zwei kleine Mädchen, einen Jungen, der sie mehrfach freundlich fragte, ob er eine der neben ihnen liegenden Schippen haben könne, die sie, bevor er fragte, keines Blickes gewürdigt hatten, wiederholt abblitzen ließen. Sie beugten sich theatralisch über ihre Schippen, um sie zu „schützen“. Aber dann gab es zum Glück vernünftige Erwachsene, nicht die Eltern der Mädchen, sondern den Vater des Jungen, der diesem erklärte: „Du hast gefragt, sie wollen sie dir nicht geben, da können wir nichts machen“, und der Knabe sah es ein – ich sage es ja: Menschen sind lieb (zumindest zuweilen).

Die Mädchen wurden an einen großen Tisch gerufen, wo auch schon andere Eltern mit ihren Kindern saßen, zum Abendessen. Manchmal ergänzen sich die elterlichen Pflichten, auf das Familienbudget zu achten, und die kindlichen Essensvorlieben auf wundersame Weise: Alle Kinder am Tisch waren glücklich mit einer Portion Pommes mit Majo und Ketschup.

Der kleine Junge, der so lieb war, wurde nun von seinem Papa gerufen: „Komm’, wir müssen nach Hause, Mama wartet mit dem Essen!“ Der Kleine zeigte auf den fröhlichen Familientisch und sagte: „Auch in der Gaststätte essen!“ Das konnte ich verstehen: Die Tische in der Sonne unter großen Bäumen, die schon ein wenig Schatten gaben, und dann extra noch die großen Schirme, die jedem ermöglichten zu sitzen, wie er wollte: in der Sonne oder im Schatten; die kleinen Kinder auf Hochstühlen, die es in ausreichender Zahl gab – alles das machte einen freundlich-geselligen Eindruck, es spiegelte einen Geist der Verbundenheit von Mensch zu Mensch, der offenbar auch den Kleinen erreicht hatte.

Sein Vater erklärte ihm noch einmal geduldig, warum sie jetzt nicht in der Gaststätte essen könnten, schnappte ihn sich und sein Laufrad, und der Junge fing an, sich in ein wütend-trauriges „Nein!“ hineinzuversteigern: Er wollte alles nicht, weder Laufrad fahren, noch sich in den zusammenklappbaren Kinderwagen setzen. Er rief immer: „Auch nicht!“; süß, wie wir Menschen uns in einem Kreislauf des Beleidigt- und Enttäuschtseins verfangen können wie ein armer Fisch, der sich aus einem Netz befreien will und sich dabei letztendlich immer tiefer verheddert. Logische Argumente nutzen dann nichts, der Vater musste sich zu akrobatischen Höchstleistungen aufschwingen, sein quengelndes Kind auf dem Arm, den Kinderwagen mit dem quer darüber gelegten Laufrand vor sich herschiebend. Schließlich wurde es ihm zu viel, und er setzte das Kind, das tobte und protestierte, in den Kinderwagen.

Ein kleines Fenster hin zur Ruhe und zum Frieden öffnete sich: Der Kleine wollte immer selbst den einen Plastegriff mit drei „Zähnen“ in das andere Griffteil stecken, so dass es „klick“ machte. Kurz wurde er ruhig, und ich hoffte schon, dass jetzt die Weiche weg vom Gleis der wütenden Enttäuschung hin zum Gleis des zufriedenen Das-kann-ich-schon-Alleine führen würde. Leider nicht. Kurz danach fing er wieder trotzig an zu quengeln: „Auch nicht!“

Ich bin überzeugt, das sind die Besten, die sich nicht so leicht abfinden, die nicht so leicht zur Tagesordnung übergehen. Auf sie können sich ihre späteren Mitmenschen verlassen. Und der Vater machte jetzt etwas Geniales, das dafür sorgt, dass sich diese Sturheit später einmal in Positives wenden wird: Gerade diese Menschen werden treu anderen zur Seite stehen können, wenn ihr Sich-nicht-so-schnell-abfinden-Können in eine positive Richtung umgelenkt wird. Und das ging in diesem Fall so: Der Vater küsste sein sich windendes, widerstrebendes Kind auf den Kopf und sagte ihm: „Ich habe dich trotzdem lieb!“

Ätschibätschi!“, hätte er beinah noch dazu sagen können: Ich bin auch trotzig so wie du, aber im Guten. Und tatsächlich, kurze Zeit danach war das Kind still, sein Ausbruch aus dem Käfig des Nein („Auch nicht!“) war gelungen; er konnte wieder „Ja!“ sagen zum Leben, zum Fußballplatz, an dem sie vorbei gingen, und zum Auto, das sie zur Mama fuhr. 

 

80. Ach so, ist ja klar. (23.05.2017)

Die deutsche Bundeskanzlerin sagte vor ein paar Tagen, als sie den neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Berlin begrüßte: „Deutschland wird es auf Dauer nur gutgehen, wenn es Europa gut geht. Und Europa wird es nur gutgehen, wenn es ein starkes…“ Deutschland und ein starkes Frankreich gibt. Das hatte ich jetzt erwartet zu hören, in Wirklichkeit hat Frau Merkel, die Kanzlerin aller Europäer, nur von Frankreich gesprochen: „… wenn es ein starkes Frankreich gibt“.

Wie konnte ich nur glauben, sie würde auch an Deutschland denken.

 

79. Die schnelle Theorie, die vielleicht stimmt: Das individuelle Anspruchsdenken verwöhnter Zeitgenossen lässt immer mehr Gastronomen das Handtuch werfen. (22.05.2017)

Wie in jedem Jahr habe ich mich mit meinem besten Freund im Mai ungefähr in der Mitte zwischen unseren Wohnorten, im schönen Oberfranken getroffen. Der nette Wirt dort erzählt uns von seinen Schwierigkeiten, junge Leute für die Arbeit im Hotel und Restaurant zu bekommen. Sie haben in ihrer Schulzeit verinnerlicht (und zwar immer wieder), dass sich im Zweifelsfall nicht sie nach den Notwendigkeiten ihrer Lebensumstände zu richten hätten – in Bezug auf die Gastronomie hieße das zum Beispiel, dass sie bereit sind zu Überstunden, wenn mehrere Familienfeiern zusammenkommen -, sondern umgedreht, die Umstände, in diesem Fall der Hotelbetrieb, sich nach ihnen, nach ihren individuellen Bedürfnissen.

Als Gast, noch einmal umgedreht, sind sie andererseits anmaßend und nervend, erwarten, dass sich alles um sie dreht (und wehe nicht!). Das kann nicht zueinander passen; das muss sich ausschließen. Unser Wirt hält – noch? – wacker durch.

Auf dem Rückweg lege ich wie immer bei Schleiz eine Pause ein, biege von der A 9 ab zu Schloss Burgk. Das kenne ich noch als alten Zeiten, als ich im Wismut-Ferienlager Crispendorf in mehreren Sommern als Leiter einer Kindergruppe und später als pädagogischer Berater arbeitete. Bis heute genieße ich den Ausblick auf Schloss Burgk, nachdem ich ein Stück in Richtung Crispendorf gewandert bin. (Ich stelle mir dann vor, dass ich der Burgherr wäre, der diesen Weg auf einem edlen Rappen entlang reitet und mit Besitzerstolz auf sein Schloss sieht.)

Im Ort Burgk hatte ich mein Auto auf dem Parkplatz abgestellt und wanderte zum Schloss herunter, vorbei an einer Gaststätte, wo sich auf der Terrasse mit Saaleblick immer gut speisen ließ. Und während ich mich freue, dass die Fliederblüte hier noch im vollen Gange ist und ich denke, dort könntest du mal ein paar Tage bleiben, mit dem Klapprechner was schreiben und lesen, sehe ich mit Staunen, dass die Terrasse verwaist ist, trotz wunderbaren Ausflugswetters (und auf dem Parkplatz standen auch viele Autos). Ich gehe zu einem Schaukasten. Dort steht in der Mitte zwischen zwei Bilden von gemütlichen Zimmern: „Pension geschlossen“. Sofort fällt mir der Wirt in Oberfranken wieder ein.

Ich bin ein Mensch, der mit Überraschungen in seiner Welt nur zurecht kommt, wenn er sie einordnen kann, wenn er sich Theorien bilden kann, wie sie zustande kommen. Ist es der Lebensstil des individuellen Anspruchsdenkens, der in Deutschland immer mehr „gepflegt“ wird und der Dienstleistungsberufe im zunehmende Maße verunmöglicht, im oben genannten doppelten Sinne, dass es einerseits nicht mehr genug leistungsbereite Arbeitskräfte gibt und diese sich andererseits als Kunden, als Konsumierende nicht rücksichtsvoll benehmen können, und dadurch noch einmal und erst recht keiner mehr diesen „Job“ machen will. Brauchen wir nun auch hierfür, wie bei der Altenpflege, „Weltoffenheit“, dass wir junge Leute von weit her holen müssen, die in ihrer Kindheit offenbar noch nicht so verzogen wurden wie die eigenen?           

 

78. Ich bin ein Relativierer. (17.05.2017)

Ich brauche Relationen, Analogien und Vergleiche, um mich und die Welt verstehen zu können. Ich muss mich in systemische Zusammenhänge einordnen, um zu verstehen, wer, wann und wo ich bin. Metaphern liegen meinem Wesen deshalb in besonderer Weise nah.

Beziehungsfähigkeit gilt für mich nicht nur in sozialer Hinsicht (Familie, Liebe, Freundschaften, Kollegialität), sondern auch in kognitiver. Nur im Vergleich mit anderen kann ich wertschätzen, was ich habe, und kann ich vermissen, was ich nicht habe und nicht kann.

Das gefährdet mich einerseits, neidisch zu sein, denn wer bewusst vergleichen kann und will, merkt den negativen Abstand zum anderen, das, was ihm im Vergleich zu ihm fehlt, besonders schmerzhaft, es sei denn, ein Anderer ist mir so nah, dass ich ihn zum Eigenen zähle, was nur für engste Familienangehörige zutrifft.

Und es macht mich andererseits dankbar, denn wer bewusst vergleichen kann und will, merkt den Abstand zum anderen auch dann besonders intensiv, wenn er positiv ist, wenn ich stolz darauf sein kann, was ich im Vergleich zum Anderen mehr habe bzw. besser kann.

Insofern höre ich im Krankenhaus gern die Geschichten anderer, denn sie können mich trösten, mein eigenes Leid relativieren, allerdings können sie es auch vertiefen, wenn ein anderer viel geringere, oberflächlichere Probleme hat als ich. Dafür ist dann die Moral da, die mir sagen muss: Gönne es ihm.

Das Denken vergleicht immer, unabhängig davon, ob das politisch korrekt ist oder nicht, unabhängig davon, ob etwas angeblich unvergleichbar wäre, singulär für immer und ewig. Wer das denkt, hört auf mit seinem Denken, er hat einen Denkstillstand. Allerdings kann ein Ergebnis des Vergleichens (Relativierens) auch sein, dass etwas – bisher – tatsächlich singulär ist, in dieser und jener Beziehung. 

 

77. Gerücht: Deutsche Leitmedien verlieren weiter an nationalem Sprachselbstbewusstsein. (15.05.2017)

Zum Glück nimmt heute die neue „Anti-Fake-News-Einheit“ des Bayerischen Rundfunks ihre Arbeit auf. Sie nennt sich auch „BR Social Listening und Verifikation“. Ihre Aufgabe sei es, „nicht nur Gerüchte (zu) entlarven und (zu) widerlegen, sondern auch auf(zu)zeigen, wie sie sich im Internet verbreiten“ (LVZ, 15.05.17, S. 10).

Gerücht widerlegt: Es heißt ja deutschtümelnd immer noch „Einheit“ und nicht „Unit“ – da sind die Schlaganfall-Uniten in den Krankenhäusern schon einen Schritt weiter – und außerdem macht der Bayerische Rundfunk den Leuten immer noch ein „u“ für ein „a“ vor: „Listening und Verifikation“, anstatt international-weltoffen: „Listening and Verifikation“. Hetze entlarvt: Es kann keine Rede sein von der Verleugnung der eigenen Sprache beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk.  

 

76. Ungeheuerlicher Verdacht (14.05.2017)

Hat etwa die Wehrmacht schon die gleiche Kommandosprache benutzt wie die Bundeswehr? Oder schlimmer noch: Benutzt die Bundeswehr immer noch die gleiche wie die Wehrmacht?

Historikerkommissionen werden diesen Skandal aufdecken. Bei dieser Gelegenheit werden sie auch zu prüfen haben, ob das Balkenkreuz immer noch als Hoheitszeichen der Bundeswehr dient und warum es nicht schon längst in einen Balkenkreis umgewandelt wurde. (Auch die Kirche muss sich die Frage gefallen lassen, warum sie nach den Verbrechen der Kreuzzüge immer noch provokativ am Kreuz als ihrem „Markenzeichen“ festhält.)

Vorderhand hat Frau von der Leinen immerhin schon ein paar Teilerfolge errungen. Ein großes Bild von Helmut Schmidt in der Uniform eines Leutnants der “Nazi-Luftwaffe” ist in der Bundeswehrhochschule „Helmut Schmidt“ in Hamburg abgehangen worden. Es war 2013 in einem Flur der Hochschule angebracht worden, bestimmt nicht ohne die Genehmigung von Helmut Schmidt, der damals noch lebte.

Vielleicht kommt es ja auch wieder ran, er diesmal politisch korrekt in der Uniform eines Leutnants der ruhmreichen Airforce, die schon immer nach der Devise handelte, Zivilisten des Gegners massenhaft zu töten, um die Verluste der eigenen Armee am Boden zu verringern.

Auch Oberst von Stauffenberg sollte wenigstens im Nachhinein die Uniform der heldenhaften US-Army tragen und wenn man diese ihm nicht so einfach zubilligen kann, auf Fotos heute Zivilkleidung tragen, zur Not Unterwäsche, damit die unseelige Traditionsbildung von der Wehrmacht hin zur Bundeswehr unterbrochen wird. Auch sollte er aus der Sicht von heute bei seiner Erschießung auf dem Hof des Bendlerblocks nicht gerufen haben „Es lebe das heilige Deutschland!“, sondern „Es lebe die heilige Ei You!“, alles auf Englisch natürlich. 

 

75. Lebenslüge „Multikulti“ (12.05.2017)

Gute Menschen sind besorgt, dass durch die Leitkulturdebatte das gleichberechtigte Miteinander von Kulturen und Sprachen in Deutschland Schaden nehmen könne. Wunschdenken ist ein Hauptgrund für das Scheitern von Staaten und Menschen; das hatte schon Michail Gorbatschow erkannt – er nannte es damals, als er die Notwendigkeit der geistigen Wende in der Sowjetunion begründete, „Voluntarismus“.

Wie absurd die Idee vom gleichberechtigten Miteinander, die sich so schön anhört, ist, sieht man daran, wenn man einmal „umgekehrt“ denkt: Man stelle sich vor, die deutsche Kultur und Sprache solle in einem ausländischen, nicht deutschsprachigen Staat „gleichberechtigt“ neben den dort angestammten Kulturen und Sprachen zur Geltung kommen. Gerade die, die so vehement Multikulti in Deutschland fordern, würden sich niemals für eine gleichberechtigte Rolle der deutschen Kultur, einschließlich Sitten und Gebräuchen, im Ausland einsetzen. Selbstverständlich müsse man als Hinzugekommener die dortigen kulturellen Umgangsformen respektieren und könne z.B. nicht in kurzen Hosen in eine Moschee gehen (wahrscheinlich nicht einmal in eine Schule). Umgekehrt aber beschließt Rot-Grün in Niedersachsen, dass eine Schülerin vollverschleiert am Unterricht teilnehmen können müsse.

Diese Einseitigkeit, dieses Einbahnstraßendenken, anderen zuzubilligen, was „die Eigenen“ nicht (bekommen) dürfen, erinnert mich an eine Flickwerkfamilie, in der die neuen, mitgebrachten Kinder viel mehr Rechte haben, als die Kinder, die schon immer in dieser Familie lebten. Und wenn’s Streit gibt unter den „Geschwistern“, haben immer diese Schuld; sie sollen „vernünftig sein“, ab- und nachgeben, und die anderen werden immer fordernder, ihr Anspruchsdenken steigt beständig.

Es ist ein psychologisches „Naturgesetz“: Immer haben sich die entschieden mehr anzupassen, die neu in eine – bei einer Gesellschaft über die Jahrhunderte – gewachsene Kultur hinzukommen, an die Leitkultur dieser Gesellschaft oder Familie, als die Alteingesessenen an die Neuen, was natürlich auch ein wenig geschehen kann und dann, wenn die Hauptrichtung der Anpassung gewahrt bleibt, tatsächlich eine Bereicherung ist.

Weigern sich die Alteingesessenen, Vorher-da-Gewesenen, gegenüber den neu Hinzugekommenen ihre Leitkultur klipp und klar zu vertreten, z.B. auch die Eltern gegenüber neugeborenen oder später aufgenommenen Kindern, entsteht nun nicht etwa ein lockeres, gleichberechtigtes Neben- und Miteinander von Lebensansichten und -Ansprüchen, sondern es bildet sich eine neue Leitkultur.

“Einer” – es können als Elternpaar auch zwei sein – ist in menschlichen Gruppen, von der Familie bis zur Gesellschaft, immer der „Boss“, zumindest in kultureller Hinsicht in Bezug darauf, was “angesagt” ist. Wenn sich die Vorher-da-Gewesenen weigern, diese Rolle auf eine freundliche und großzügige Weise zu übernehmen, werden es die neu Hinzugekommenen tun. Irritiert und bestärkt durch die Schwäche der alten Führung werden sie dann aber vielleicht nicht mehr so freundlich und tolerant sein. Dass das so ist, lässt sich im Kleinen bereits jetzt in vielen modernen deutschen Familien beobachten, in denen die Kinder das Kommando übernommen haben und ihre Eltern und andere arme Menschen, die ihnen in die Quere kommen, tyrannisieren.

Nicht weil sie böse oder schlechter sind als die Kinder vorheriger Generationen, sondern weil ihnen konsequent eine Leitkultur verweigert wurde, an der sie sich hätten ausrichten können. Es war umgedreht: Ihre fortschrittlichen Bezugspersonen wollten sich ihnen anpassen; das hielten sie für elterliche Liebe, nicht ahnend – oder nur ahnend, aber nicht wissend – dass dies eine dumme, kindische Liebe war, die Kinder zwingt, kindisch zu bleiben und tyrannisch zu werden.    

 

74. Die Trauer meiner 65 Lebensjahre (10.05.2017)

Ich kann nicht mehr viele Orte ausprobieren, schon in einer Stadt, Leipzig, nicht, obwohl es bei weitem nicht meine Lieblingsstadt ist. Gerade heute habe ich ein schönes Gründerzeithaus gesehen, ruhig gelegen, mit kleinem Balkon, und der Flieder blüht davor.

Ich kann nicht den Bäcker kennen lernen im unbekannten Viertel und auch nicht die Kneipe, die es sowieso nicht mehr gibt. Die Leute bleiben heute lieber zu Hause, jeder für sich. Kohlroulade mit Bratkartoffeln gibt es nicht mehr und ein Bier für kleines Geld auch nicht.

Und auch Bahngleise in der Stadt nicht. Abgebrochene Brücken oder solche, die zwar noch existieren, ihren alten Zweck aber verfehlt und noch keinen neuen erlangt haben, stehen, vor sich hinrostend, sinnlos und traurig in der Stadtlandschaft herum. Vergebene Liebes- und Lebensmüh unserer Vorfahren, die nicht mehr auf Eisenbahnschienen vorfahren können, doppelt nicht, weil es sie beide nicht mehr gibt, die Gleise, jedenfalls keine befahrbaren, und sie.

Und die anderen Städte und Landschaften, von Tiefebenen, über Mittel- und Hochgebirge bis hin zu den Meeren. Ich konnte sie noch nie alle ausprobieren und jetzt schwindet auch die Illusion, wenigstens mit ein paar von ihnen in den Ländern deutscher Sprache noch vertraut zu werden.

Bin ich eine Katze, die Orte mehr liebt als Menschen?

Nein, oder ich tue Katzen unrecht, die in Wirklichkeit doch ihre Menschen mehr lieben als ihre Wohnungen. Ich bin auch traurig, weil ich keine Kinder mehr zeugen, keine Familien mit Kindern mehr kennen lernen kann, um sie zu führen. Schlimmes Anspruchsdenken, vielleicht gut, dass es zu Ende geht.

Es bleibt genug zu tun übrig, mit Liebe, zu den Menschen, Kindern, die schon da sind, und es bleiben auch noch ein, zwei, drei Orte übrig, die warten – ich auf sie und sie auf mich.

 

73. Zahlen wie Deutschland in Europa und leben wie Gott in Frankreich (9.05.2017)

Zugegeben: Ich falle ja manchmal auch ins beschränkte eigenverantwortliche, nationale Denken zurück. Zum Beispiel habe ich mir gesagt, wenn die französischen Frauen im gebärfähigen Alter pro Kopf 2,1 Kinder “bekommen” [inzwischen nur noch 1,96 - 15.05.17] und die deutschen nur 1,3 [inzwischen immerhin 1,5 - 15.05.17], dann ist es logisch, dass die Franzosen früher, nämlich mit 60 [spätestens mit 62 - 22.05.17] in Rente gehen, weil es in Frankreich ja mehr junge Menschen gibt, die ihre Rente bezahlen können.

Aber was soll dieses Ausspielen der Nationen gegeneinander? Lasst uns lieber größer, europäisch denken! Wenn sich die Nationen in Europa angleichen, dann natürlich hin zu den besseren, menschenfreundlichen Standards. Also gehen wir in der EU in Zukunft nicht alle mit 67 in die Rente, sondern mit 60, und auch die französische 35-Stunden-Woche finde ich sehr sympathisch.

Da der Fortschritt in der EU zwingend fordert, die Zahlungspflichten gleichmäßig zu verteilen und der deutsche Steuerzahler demnach für die Schulden anderer EU-Länder aufzukommen hat (was er ja zum großen Teil mit seinen Target-2-Salden der Bundesbank schon tut), dann muss das auch für die Rechte gelten. Und da gibt es noch andere interessante, z.B. dass zahlungssäumige Immobilienbesitzer weiter in ihren Wohnungen oder Häusern bleiben können oder Rentner eine 13. Auszahlung im Jahr erhalten.

Gleiches menschenfreundliches EU-Recht für alle!“, das muss doch die Devise sein! Vielleicht findet sich ja ein solventer Zahler außerhalb Europas. China? Wohl eher doch nicht. Aber die Hoffnung keimt: Es sind jetzt schon mehrere Planeten entdeckt worden, die der Erde sehr ähneln, und die Galaxien sind gar nicht so weit entfernt, nur ein paar Hundert Lichtjahre. 

 

72.Ich respektiere sie [Marine Le Pen].“ (8.5.2017)

Können Sie sich vorstellen, dass ein Spitzenpolitiker in Deutschland sagt: „Ich respektiere Frauke Petry“ (oder Jörg Meuthen oder Alexander Gauland)? Ich auch nicht.

Darin liegt der große Unterschied in der politischen Kultur zwischen Frankreich und Deutschland, obwohl die Franzosen ja generell bei weitem nicht so zimperlich sind wie im Allgemeinen die Deutschen.

Emmanuel Macron hat das gestern gesagt bei seiner Rede vor dem Louvre in Paris: „Als Macron den Namen seiner Kontrahentin Marine Le Pen erwähnt, gibt es Pfiffe. Macron: ‘Ich respektiere sie. Aber ich werde in den fünf kommenden Jahren alles tun, damit es keinen Grund mehr gibt, für Extreme zu stimmen.“ (BILD vom 8. Mai, S. 2)

Ganz anders, nämlich aggressiv und gewaltaufwiegelnd der Tonfall in Deutschland: “Fakt bleibt, man muss Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren [!!], weil sie gestrig, intolerant, rechtsaußen und gefährlich sind!” So twittert es Ralf Stegner, der stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD, genau vor einem Jahr, am 8. Mai 2016. Seitdem hat die Gewalt gegen politisch Andersdenkende in Deutschland deutlich zugenommen. Bürger trauen sich nicht, zu AfD-Veranstaltungen zu gehen, um sich ein eigenes Bild zu machen, weil inzwischen nicht mehr nur das Personal der AfD “attackiert” wird, sondern auch der mündige Bürger, der sich bei der AfD informieren will. Die Spaltung der deutschen Gesellschaft vertieft sich weiter. Ihr fehlt ein Macron. 

 

71. Der Mörder von Niklas P. wurde freigesprochen – er erhält Haftentschädigung für die Untersuchungshaft. (05.05.2017)

Am 25.04.17 tritt Tina K., Schwester des auf dem Alexanderplatz in Berlin getöteten Jonny K., die sich inzwischen bundesweit in einem Verein gegen Jugendgewalt engagiert, in der Phönixrunde „Gewalt in Deutschland – Was sind die Konsequenzen?“ auf. Sie betont „weltoffen“ und gar nicht „rechts“, dass dieses Gewaltproblem unabhängig von der Herkunft der Jugendlichen existiert, und berichtet von der Beerdigung des in Bad Godesberg erschlagenen Niklas P.

Alle Beteiligten dort wüssten, wer es war, nämlich der festgenommene Verdächtige, aber es gäbe eine Schweigespirale. Zeugen, die aussagen wollten, würden erpresst und bedroht. [Einer wurde sogar schwer verprügelt. - 18.05.17] Was tut der Staatsanwalt? Er ermittelt nicht etwa wegen [gefährlicher Körperverletzung,] Bedrohung und Nötigung, sondern spricht den Tatverdächtigen Walid S. frei.

[Man stelle sich einmal vor, ein Deutscher hätte einen „Migranten“ zu Tode geprügelt. Und später hätten seine „Kameraden“ die Prügelei fortgesetzt, um einen Belastungszeugen an seiner Aussage zu hindern. Wäre dieser Deutsche freigesprochen worden, weil nun diese Aussage fehlt und er einem anderen Deutschen, der auch am Tatort war, ähnlich sieht, wobei auch für den Richter klar ist, dass es einer von beiden gewesen sein muss?

Das sind ja auch ganz generell perfekte Aussichten für Schwerkriminelle in Deutschland: Wenn man jemand umbringen will, nimmt man sich einen Kumpel mit zum Tatort, der einem ähnlich sieht, und schon werden beide freigesprochen, allerdings dann natürlich nicht, wenn sie etwas offenbar viel Schlimmeres tun, nämlich verkehrte, „rechtsterroristische“ Meinungen zu äußern. - 18.05.2017] 

So sieht es in Deutschland aus – 2017. Sage keiner, es gäbe kein Zusammengehörigkeitsgefühl in der deutschen Gesellschaft; es gibt sogar ein sehr starkes, aber nicht das der deutschen Gesellschaft, sondern ethnischer Gruppen in ihr. Das kann legitim sein, aber nicht als Beitrag zur Strafvereitelung. Was macht der deutsche Staat? Das, was er am besten kann: kuschen. (Es sei denn, jemand vertritt Positionen, die vor kurzem noch von der Mehrheit der CDU geteilt wurden, wie dass die Familie aus Mutter, Vater und Kind Vorrang vor anderen „Familien“ haben muss, z.B. der von Opa und Opa und Dackel. Inzwischen rückt da das Überfallkommando an wegen Rechtsterrorismus.) 

 

70. Die Supergroßmacht USA kann die Mauer nach Mexiko vorläufig nicht bauen… (26.04.17)

weil sie mit 15 Milliarden Dollar (13,8 Milliarden Euro) zu teuer für ihren Haushalt ist. Die Supergroßmacht Deutschland zahlt locker nebenbei für die Flüchtlinge, die sie aufnimmt, über 20 Milliarden Euro und das nicht einmalig, sondern jährlich immer wieder. Dabei ist mir nicht klar, ob diese ca. 21 Milliarden Euro zu den Kosten hinzukommen, die sie sowieso schon immer für Flüchtlinge ausgegeben hatte, oder ob dies jetzt die Gesamtsumme ist.

Eins steht für mich jedenfalls fest: Die Kosten der Explosion der Straftaten um 52 Prozent bei den Zuwanderern, insbesondere Gewaltdelikte, im Vergleich der Jahre 2015 und 2016 sind da noch nicht miteingerechnet. Wir haben’s ja; die eigenen Kranken und Armen sind ja bereits menschenwürdig versorgt. Und das ist erst der Anfang: Weitere Anlockprogramme, diesmal nicht Selfis mit der Bundeskanzlerin, sondern die massive Steigerung der Rückkehr- und Belohnungsprämien für die, die es bis nach Deutschland schafften, obwohl sie hier keinen Asylanspruch haben, sind in Arbeit, damit sich andere Clanmitglieder auch noch ins “gelobte Land” aufmachen oder vielleicht auch dieselben ein weiteres Mal mit neuem Namen.

Ich nehme dies den “Flüchtlingen” nicht übel; wenn ich wie sie in Armut leben würde, könnte ich der Versuchung, die Beschränktheit der Bundesregierung auszunutzen, wahrscheinlich auch nicht widerstehen. Aber den machthabenden Politikern nehme ich es übel, die ihren Amtseid, das Wohl des “deutschen Volkes” zu mehren, fortlaufend verletzen.     

 

69. Haben Nazis einen chinesischen Autokonzern überfallen … (19.04.2017)

… und ihn mit vorgehaltener Pistole gezwungen, sein neuestes Elektromodell „Weltmeister“ zu nennen? Freiwillig kann das ja keiner machen! Sämtliche deutsche Autokonzerne vermeiden es seit Jahrzehnten, ihren Fahrzeugen deutsche Namen zu geben. „Sprinter“ von Mercedes Benz – ist auch ein englisches Wort. „Adam“ von Opel – wird natürlich „Ädemm“ ausgesprochen, obwohl der Opelgründer „Aadam“ Opel hieß und nicht „Ädemm“. „Crafter“ von Volkswagen bezeichnet im Englischen das Handwerk; es darf natürlich auf keinen Fall „Krafter“ heißen, das wäre ja nur dumpf deutsch, pfui, primitiv dem Eigenem verbunden, einer ganz und gar unbedeutenden Dorfsprache, die überhaupt nicht geeignet ist für internationale Produkte.

Dass das die Chinesen anders sehen, liegt natürlich nicht an den Nazis. Ich habe gescherzt, denn diese benutzen, genau wie die Antifaschisten, auch gern Anglizismen wie „Blood and Honour“ oder „Oldschool Society“ (wenn etwas wirklich „alte Schule“ wäre, dann sollte man doch noch in der Lage sein, die Sprache der Großeltern zu benutzen).

Früher hieß der Käfer bei VW noch “Käfer” – der Volksmund hatte ihn so genannt. (War es gar etwa ein “völkischer” Mund und musste er deswegen missachtet werden?) Heute heißt er natürlich “Beetle”. Was soll nur aus einer Gesellschaft werden, die das (ursprünglich) Eigene von Links bis Rechts, von den Autokonzernen und der Wissenschaft bis zur Politik und Verwaltung so abgrundtief verachtet. Wenn ich Türke in Deutschland wäre, dann würde ich mich auch nach meiner stolzen Heimat umsehen und mich nicht in eine Gesellschaft und Kultur integrieren, die sich selbst nicht wertschätzen kann und will.

[Einfühlen ist eine Hauptkunst des Lebens, zum Beispiel: Wie geht es den armen Englischsprachigen mit Marken- und Typennamen: Da steht ganz plump, dumpf und direkt z.B. „Crafter“ = „Handwerker“ hinten auf dem Auto, ganz unverfremdet und gewöhnlich, nichts Exotisches wie „Tiguan“. Sie haben gelernt, mit der Schlichtheit des Eigenen auszukommen; sie müssen und wollen es nicht künstlich aufblasen, interessant und schick machen. Aber warte nur, bald, in nicht ferner Zeit wird auch das Deutsche in „Deutsch“land wieder schick und exotisch, dann heißt das Auto eines deutsches Herstellers vielleicht einfach „Handwerker“, „Geselle“ oder „Meister“ oder „Kapitän“, wie das in den 50ziger Jahren bei Opel z.B. schon einmal war. - 23.04.2017] 

 

68. Übersichtlichkeit ist angesagt in Zeiten mit einem verwirrenden Übermaß an Informationen, Aufgaben und Herausforderungen. (06.04.2017)

Wenn eine Wohnung in Unordnung geraten ist, wie löst der Wohnungsinhaber dann das Problem? Indem er das ganze Mehrfamilienhaus zu seiner Wohnung erklärt und dann das eigene Chaos gar nicht mehr so schlimm findet, weil es sich mit der Sicht auf das Ganze sozusagen „verdünnt“ hat?

Oder indem er konzentriert, Schritt für Schritt vorgeht, mit einem Zimmer beginnt und es so aufräumt, dass er dort erst einmal wohnen kann, um sich einen Ausgangspunkt für seinen weiteren Kampf zu schaffen? Nur so, wenn er selbst die Verantwortung für sich übernimmt und das Problemfeld zunächst „übersichtlich“ einengt, ist er in der Lage, die Hilfe der Nachbarn bei der Säuberung seiner ganzen Wohnung konstruktiv anzunehmen.

Genauso ist es heute in Europa und der Welt. Wir brauchen mehr denn je übersichtliche Einheiten, von denen wir ausgehen, die aber andererseits so groß wie möglich sind, um sich nicht in Einzelheiten zu verlieren. Das sind die Nationen. Einzelne Städte oder einzelne Bundesländer sind zu klein. Wir sollten alles das zusammennehmen, was von der Mentalität, der Sprache und der Kultur her zusammengehört. Das wäre in Deutschland eine große Kraft, wenn nicht jeder Seins in den Bundesländern z.B. bei der inneren Sicherheit und Bildung machen würde. Hier müssen wir erst einmal Zusammengehörigkeit herstellen; da haben wir genug zu tun.

Anstatt dessen geht unsere politische Klasse lieber einen Schritt zu weit und will, weil sie es in der eigenen „Wohnung“ nicht schafft, gleich eine Einheit im ganzen EU-Haus herstellen, in dem es in den meisten anderen Wohnungen noch chaotischer aussieht. Das ist typisch für Menschen: Im Stress gehen sie schnell einen Schritt zu weit, machen den zweiten Schritt vor dem ersten und wundern sich dann, wenn sie stolpern und stürzen. (Da dies in der politischen Geschichte sozusagen in „Zeitlupe“ erfolgt, können die Merkel-Leute, egal welcher etablierten Partei sie angehören, in Deutschland noch lange so tun, als ob ihre Politik der „weltoffenen“ Weitung der Problemräume, des Noch-unübersichtlicher-Machens dessen, was sowieso schon ihrer Kontrolle entglitten ist, tatsächlich die Lösung wäre.) 

 

67. Was wir von den Türken und anderen Europäern lernen können (02.04.2017)

Die Türkei pflegt in Deutschland ein breites Angebot konsularisch betreuten Muttersprachunterrichts, das im Übrigen in keiner Weise von irgendeinem deutschen Amt kontrolliert wird. Auch Kroaten, Portugiesen, Ungarn, Italiener, Polen und Spanier achten darauf, dass die Kinder ihrer (ehemaligen) Staatsbürger, die nun in Deutschland leben, weiter mit der Sprache ihrer Mütter und/oder Väter bzw. Großmütter und/oder -Väter vertraut bleiben. (Es gehören bestimmt auch noch einige andere Länder dazu, Frankreich auf jeden Fall, obwohl sie in der Aufstellung, in der die oben genannten Länder enthalten waren, nicht genannt wurden.)  

[Inzwischen habe ich gelesen, dass der deutsche Steuerzahler von staatswegen gezwungen wird, diesen fremdmuttersprachlichen Unterricht sogar in einem beträchtlichen Maß mitzufinanzieren und das in einem Land, in dem immer weniger Schüler ihre Muttersprache - Deutsch - beherrschen. - 8.4.17] 

Ich habe „konsularischen muttersprachlichen Deutschunterricht“ vergeblich gegoogelt. Dass die Kinder deutscher Muttersprachler im Ausland genauso wie die der meisten anderen europäischen ein Recht darauf haben könnten, dort weiter Unterricht auch in ihrer Muttersprache zu erhalten, kommt deutschen Politikern überhaupt nicht in dem Sinn, obwohl sie – bei allen anderen Kindern, bloß nicht den eigenen – geflissentlich begründen, wie wichtig eine bleibende muttersprachliche Kompetenz für das Erlernen der dazukommenden Sprache im neuen Heimatland sei.

Deutsche sind eben offenbar doch etwas ganz Besonderes, Einmaliges in der Welt: Sie lernen neue Sprachen durch das Vernachlässigen – vielleicht sogar Vergessen – der eigenen, während die anderen das Eigene weiter pflegen, um dann darauf besser das Neue aufbauen zu können.

Ich bin den Türken dankbar dafür, dass sie uns immer wieder den Spiegel vorhalten und zwar ganz unabhängig davon, ob sie nun für oder gegen Erdogan sind: Sie halten in jedem Fall das Eigene hoch, betrachten es als Grundlage für das neue Fremde und nicht als zu vernachlässigendes altes Kulturgerümpel, das entsorgt werden kann.

Jede Nation, die sich darum kümmert, dass ihre Kinder auch im Ausland weiter ihre Muttersprache pflegen und sogar – im Gegenüber mit der neuen Sprache – entwickeln können, ist eine psychisch junge, aufsteigende Nation. Nationen wie insbesondere die deutsche sind in den Augen ihrer Eliten bereits geistig verschlissen, sie hätten sich angeblich überlebt. (Das deutsche Establishment ist so ziemlich das Einzige auf der Welt, das das glaubt.) Den Deutschen bleibt als Nation, da sie ihre eigene Sprache und Kultur vernachlässigen und geringschätzen, gar nichts anderes übrig, als in Stalkerart an die Türen angeblich übernationaler Kulturhäuser – in Wirklichkeit sind es die der kulturellen Siegernationen – zu hämmern und aufdringlich dort um Einlass zu begehren.

Zufälliger Weise entsprechen diese angeblich kosmopolitischen Kulturräume gerade dem, was in der Konsumwelt hochangesehen und auf den Smartphones der Jugend angesagt ist. Sollte „Weltoffenheit“ nicht bei den nächsten Nachbarn beginnen? Komischerweise interessieren sich die jungen progressiven Deutschen nicht für Tschechien, Polen, Ungarn, Rumänen und Bulgarien, Länder, die mit ihrer eigenen Geschichte viel mehr verbunden sind als Neuseeland oder Australien und auch in den USA interessiert sie nicht das gewachsene Eigene im Fremden, sondern sie wollen das Fremde, strebsam wie sie nun einmal sind, zu ihrem angesagten, neuen Eigenem machen.

Wer aber das generationsübergreifende Eigene miss- und verachtet, kann in Wirklichkeit gar keine Kultur, gar keine Menschlichkeit wertschätzen, direkt proportional dazu, wie viel Getue er um seine „Weltoffenheit“ macht.

 

66. Maybrid Illner und das große Rätselraten (23.03.2017)

Alle Teilnehmer – einschließlich des angeblich konservativen Vorsitzenden der Jungen Union in der CDU – an der Gesprächsrunde setzen mit der größten Selbstverständlichkeit voraus, dass junge Türken, besser gesagt: Kinder türkischer Eltern, die als Neugeborene das Licht der Welt in Deutschland erblickten, nicht nur ein Anrecht auf die deutsche Staatsbürgerschaft haben, sondern – natürlich auch – auf die türkische. Unzumutbar wäre das – und faschistisch? -, ihnen das zu verwehren.

Vergleichen ist ja eine Grundoperation des Denkens. Vergleichen wir das einmal mit Kindern, die in den USA geboren werden und deren Eltern aus Deutschland kamen. Nach dieser deutschen Merkel-Logik der doppelten Staatsbürgerschaft müsste Trump auch deutscher Staatsbürger sein; das müsste ihm zugestanden haben wie den armen jungen Türken, die in Deutschland geboren wurden und die angeblich ethnisch diskriminiert werden würden, wenn sie nicht auch noch Türken bleiben könnten.

Warum wollen die Kinder deutscher Eltern nicht Deutsche bleiben, warum legen ihre Eltern, im Gegensatz zu den Türken, bei der Erziehung ihres Nachwuchses keinerlei Wert auf ihre eigene Herkunftssprache und Kultur? Weil sie weder Nationalstolz noch Nationalbewusstsein besitzen. Da wird gerätselt und gegrübelt: Warum bloß stimmen die Türken, obwohl sie hier in Deutschland geboren wurden und alle Freiheiten und Vorzüge einer hochentwickelten Industriegesellschaft genießen, z.B. die medizinische Versorgung, trotzdem für Erdogan und seine Diktatur?

Worin auch sollten sie sich integrieren? Da gibt es keine selbstbewusste deutsche Kultur, diesbezüglich nur ein Vakuum. Imaginäre „westliche Werte“ sind das einzige, was ihnen die deutsche Gesellschaft für ihren Stolz bietet. Das ist zu wenig, viel zu wenig. Es ist auswechselbar, übergreifend abstrakt, es gilt von Kanada über die USA, Australien und Portugal in vielen Ländern: Nichts für Menschen, die heißblütig lieben können, nicht nur ihre Partner und Kinder, sondern auch ihr Land. Keiner aus der klugen Runde kommt auf diese Idee.

Armes Deutschland.

[Wie so oft zweierlei Maß: Vorrechte für die Ausländer, Nachteile für die Inländer. Die Merkelianer in allen „mitteextremen“, zumindest „mittepopulistischen“ Parteien, auf jeden Fall: CDU, SPD und Grüne, vertreten ja ein modernes Staatsbürgerschaftsrecht, das endlich Abschied vom alten, reaktionären „Blutsprinzip“ nimmt und sich anstatt dessen auf den Ort orientiert, an dem Kinder geboren werden. Wichtiger als die Staatsbürgerschaft der Eltern ist also der Ort, an dem die Kinder geboren werden. In den USA geborene Kinder sind so von vorneherein US-amerikanische Kinder, auch wenn ihre Eltern nur die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.

Diese Klarheit gilt aber nur für die Deutschen. Bei den Ausländern – und nur bei diesen - kehren die fortschrittlichen Parteien zum kaiserdeutschen Abstammungsprinzip bei der Staatsbürgerschaft zurück: Die Kinder ausländischer Eltern, die in Deutschland geboren werden, dürfen ausdrücklich neben ihrer neuen deutschen Staatsbürgerschaft auch die ihres „Blutes“ behalten, sie müssen sich nicht einmal mehr beim Erreichen ihrer Volljährigkeit für eine entscheiden. Wer sagt's denn: Auch Merkel und ihre Anhänger haben etwas für Kaiserdeutschland übrig, vertreten zumindest in dieser Beziehung reaktionärere Positionen als die AfD. - 23.04.2017]  

 

65. (22.02.2017) Wie der Papa des Wünschens das Denken steuert.

Auf meiner Suche nach Sehbarem war ich gestern Abend bei RBB hängengeblieben. In den Nachrichten ab 21.45 Uhr regen sich echte Berliner zum „Tag der Muttersprache“ darüber auf, dass Kunden Frikadellen anstatt Buletten verlangen oder Brötchen anstelle von Schrippen. Das gehe gar nicht. Wer in Berlin lebe, müsse sich auch berlinerisch ausdrücken.

Gleich danach kommt ein Beitrag über einen jungen Mann, einen isländischen Klaviervirtuosen, der in Berlin seine neue Heimat gefunden hätte und sich hier sehr wohl fühle. Er spricht kein Wort Deutsch, weder in einer berlinerischen Variante, noch in einer anderen, und es ist ganz offenkundig, dass er auch nicht vor hat, Deutsch zu lernen. Jedenfalls wird dieses Thema, ob er als jemand, der sich für längere Zeit in Berlin niedergelassen hat, die Landessprache lernen wird, von den Journalisten – natürlich – nicht berührt.

So kann man den „Tag der Muttersprache“ natürlich auch verstehen. Die Englischsprachigen haben in ihren Kolonien ja nie die Sprache der Eingeborenen gelernt, sondern diese hatten sich gefälligst die Sprache ihrer Eroberer anzueignen. Das zieht sich offenbar durch die Zeiten.

Nach den Nachrichten kommt eine mir bisher unbekannte Talkschau mit Jörg Thadeusz. Lauter gut gelaunte, im deutschen Leben offenbar wohlangekommene Journalisten etablierter Zeitungen, zum Teil sich albern neckend, diskutieren miteinander. Als das Gespräch auf Donald Trump kommt, wird der ARD-Korrespondent aus Schweden zugeschaltet. Zuerst ist ein neues und wiederholtes Amüsement angesagt, weil Donald Trump einen Terroranschlag oder zumindest schwerwiegende Probleme mit Flüchtlingen erfunden hätte, die es an dem Tag, auf den er sich bezog, gar nicht gab. (Schaut euch an, was letzte Nacht in Schweden passiert ist! In Schweden!“) In der Tat: Trump meinte kein konkretes Ereignis, sondern bezog sich auf eine Dokumentation über Schweden, die am Abend zuvor in dem ihm nahestehenden Fernsehsender Fox News “gelaufen” war.

Und diese Probleme bestätigt der ARD-Korrespondent. Er sagt, dass die schwedische Gesellschaft gespalten sei, dass es unter den Schweden eine hochemotionale Diskussion darüber gebe, wie es sein könne, dass es in ihrem Land weite Gebiete gibt, in denen normale Polizeiarbeit nicht mehr möglich ist, weil die Polizisten, die nicht mit Panzerfahrzeugen und in großer Anzahl kämen, sofort von Einwanderern attackiert, z.B. mit Steinen beworfen werden würden. Beflissentlich fügt er hinzu, dass dies aber Einwanderer seien, die schon länger in Schweden wären und nicht die Flüchtlinge, die erst seit 2015 dazu gekommen waren.

Genau das hatte auch die Kölner Oberbürgermeisterin bei ihren ersten Pressekonferenzen nach dem Silvesterdesaster behauptet. Warum sollten sich alte und neuer Einwanderer nicht zusammentun, besonders wenn die Lage für sie schwieriger geworden ist? In Köln haben sie es getan, wie wir inzwischen wissen. Im Prinzip hat der ARD-Korrespondent bestätigt, dass sich in Schweden in den letzten Jahren durch die Einwanderer eine katastrophale Verschlechterung der Sicherheitslage ergeben hat.

Die lustigen Journalisten hören aufmerksam zu. Aber keiner sagt danach: Dann hat Donald Trump, abgesehen von der Ungenauigkeit („letzte Nacht“), also doch Recht gehabt. Das wäre mal ein unparteiischer, objektiver Journalismus gewesen, aber der funktioniert in Deutschland im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu manierlichen Sendezeiten nicht mehr. Bestallte Journalisten sehen ihre Aufgabe nicht mehr darin, schlicht, einfach und genau zu beschreiben, was passiert, sondern sie glauben, dem Zuschauer/Zuhörer/Leser eine Interpretationshilfe der Tatsachen mitgeben zu müssen, damit er weiß, wie er etwas zu verstehen hat: Der politisch korrekte Wunsch ist in den etablierten Medien Deutschlands der Vater der Berichterstattung und nicht die Realität selbst.

 

64. (16.02.2017) Der Erste Minister (Premierminister) Tunesiens hat Recht: Tunesien muss eher Gefährder in die EU zurückschieben als umgedreht.

Youssef Chahed im BILD-Interview am 14.02.17 (S. 2): „Die tunesischen Behörden haben keine Fehler gemacht! Als Anis Amri 2011 Tunesien verlassen hat, war er kein Terrorist, es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass er sich radikalisieren würde. Amri hat sich erst im Gefängnis in Italien radikalisiert.“ Herr Chahed war höflich genug, nicht hinzuzufügen: Und in den islamischen Parallelgesellschaften Deutschlands mit ihren Moscheen, in denen seit Jahren, ungestört von deutschen Behörden, Terrorismus gepredigt werden kann (siehe Gedankensplitter 36).

Im Merkel-Land der doppelten Identitäten, bis in den zweistelligen Bereich hinein, wie sich inzwischen herausstellte, und der grenzenlosen Freiheit, so lange einer sich nur für andere Werte als „deutsche“ begeistert, findet der Islamismus ein günstiges Klima und einen günstigen Nährboden wie kaum sonst noch irgendwo. So war Anis Amri ja auch noch direkt vor seinem Massenmord in der Moschee, nicht in einer tunesischen, sondern in einer Berliner.  

Nicht umsonst wird in den USA Deutschland schon als „gefallener”, also gescheiterter Staat gehandelt.

PS: Das erwiesene 7-fache Abkassieren von Sozialleistungen durch einen Betrüger führte nicht etwa zum Stopp seines Asylverfahrens, da er ja nur auf Bewährung verurteilt wurde. Aber wehe, jemand zahlt die GEZ-Zwangsgebühr nicht, nicht für 7 Personen nicht, sondern nur für sich selbst nicht. Derjenige landet, wenn er trotz Mahnungen nicht zahlt, unweigerlich im Gefängnis, jedenfalls, wenn er deutscher Staatsbürger ist.  

 

63. (15.02.2017) Jetzt weiß ich endlich, was „völkisch“ ist.

Gestern vormittag im Deutschlandfunk die Sendung „Tag für Tag“. Ein Thema: Die Katholiken und die AfD. Ein verantwortlicher katholischer Christ: Man müsse nur in das Programm der AfD sehen, dann merke man, wie „völkisch“ sie ist. Jetzt war ich aber gespannt, denn das wollte ich schon immer einmal wissen, was an den Positionen der AfD „völkisch“ sein soll.

Im AfD-Programm würde doch tatsächlich gefordert, eine Willkommenskultur nicht nur für erwachsene und halberwachsene Menschenkinder aus aller Herren Länder zu etablieren, sondern auch eine für die noch ungeborenen eigenen Kinder deutscher Staatsbürger (die ja nicht immer deutscher Herkunft sein müssen). Nicht zu fassen! Eine totale Benachteiligung der ungeborenen nichtdeutschen Kinder, die ja allerdings sowieso schon – pro Elternkopf – um ein Vielfaches häufiger das Licht der Welt in Deutschland erblicken als der Nachwuchs der Alteingesessenen.

Demnach sind Eltern und Großeltern, die ihre eigenen Kinder und Enkelkinder gegenüber fremden bevorzugen und z.B. nur ihnen etwas vererben und nicht rundherum gleichmäßig verteilt allen etwas, rechtsextrem oder familiär, was auf das Gleiche hinauskommt, wenn die Logik des „weltoffenen“ Katholiken stimmen sollte.

Ich jedenfalls trete zuerst für meine eigene Familie und mein eigenes Volk ein. Nur dann, wenn dieses Fundament meines Lebens stimmt, kann ich wirklich großzügig zu anderen Menschenkindern sein.  

 

62. (8.2.2017) Der Orientierung beraubt, werden sie gesenkten Blickes im Kreis umhertapsen.

Es gibt einen guten Film über Erich Mielke, den ehemaligen Minister für Staatssicherheit der DDR, den ich vor kurzem, ich glaube, es war auf Arte, sah. Wieder fiel mir auf, dass das hämische Lachen all der besseren Menschen damals in der Volkskammer, als er sagte: „Ich liebe doch alle Menschen…“ diesen teuer zu stehen kommen wird, falls es einen Gott gibt. Denn der alte, gebrochene Mann geistig schlichten Gemüts hatte diesen Satz subjektiv ehrlich gemeint. Das sagt mir meine Menschenkenntnis, und das wäre ein Moment gewesen zum still werden, ein Moment, der die übermächtige Kraft der Liebe zeigt, selbst in herausgehoben „falsch gelaufenen“ Leben.

Wenn diejenigen, die Mielke in seiner Not auslachten, vor Gott über eigene Fehler sagen werden, aber das habe ich doch nur gemacht, weil ich es gut meinte, wird er sie auslachen; so stelle ich mir jedenfalls christliche Gerechtigkeit vor.

Worum es mir jetzt aber eigentlich geht: Mielke war im letzten Jahr der DDR, wie der Film zeigt, mehrmals in der sowjetischen Botschaft. Er konnte nicht glauben, dass der „große Bruder“ der DDR, der letztendlich immer bestimmt hatte, was in der DDR läuft und was nicht, die Klassenbrüder, die große, siegreiche Sowjetunion, die DDR jetzt im Stich lassen und sie nicht wieder retten würde mit ihren Panzern wie im Juni 1953. Als er begreifen musste, dass das diesmal nicht geschehen wird, verließ ihn immer mehr die Lebenskraft und die Lebensmotivation.

Ähnlich kommt mir unser Establishment heute vor, gegenüber ihrem „großen Bruder“, den USA. Das Vasallentum tief verinnerlicht, ohne die Fähigkeit, sich bei dem, was sie tun, an Deutschland und seinen Interessen zu orientieren, klammern sie sich nun in ihrer Not an die Nato und die EU. Ein großes und „gesundes“ – nicht durch mehrere verlorene Kriege mental gebrochenes – Volk, die Briten, steigt bereits aus aus der EU. Wenn das ein anderes großes europäisches Volk, die Franzosen, auch tun wird, sind die jetzt – noch – etablierten deutschen Eliten orientierungslos: Sie werden dann, siehe oben, gesenkten Blicks im Kreis umhertapsen. 

 

61. (2.2.2017) “Deutschland, was ist das für ein Land?“,

fragte Homer Simpson am 24.01. auf Pro Sieben, weil Deutsche das Atomkraftwerk kaufen wollten, in dem er arbeitet. Die Antwort: Eine der Weltwirtschaftsmächte. Haben Sie so etwas schon einmal von unseren eigenen Politikern gehört? Wir müssen mehr „Die Simpsons“ gucken.

Deutschland könnte wirklich allein eine wirtschaftliche Rolle in der Welt spielen, es ist stark genug dafür; es könnte wirklich allein schaffen, was die Briten als „zweitgrößte“ Volkswirtschaft Europas, als fünftgrößte der Welt sich anschicken zu tun. Wir sind nämlich die größte in Europa und die viertgrößte in der Welt.

Wir müssten nicht auf die Dauer Länder in Europa finanzieren, denen auf diese Weise, ähnlich wie bei den eigenen Hartz-4-Empfängern, die nie gearbeitet hatten (ich rede nicht von denen, die mit 50 arbeitslos werden und jämmerlich darunter leiden), jeder Rest an Wille zur eigenen Anstrengung abtrainiert wird oder wie bei verwöhnten, übergewichtigen jungen Volljährigen, die sich so an das Hotel Mama gewöhnt haben, dass sie bequem immer so weiter leben wollen. Wir könnten Patenschaften zu Ländern in Europa, in Asien und Afrika eingehen, die tatsächlich willens sind, Hilfe als Hilfe zur Selbsthilfe anzunehmen (wie das der Entwicklungshelfer Rupert Neudeck gefordert hatte), und die dafür bereit sind, die deutsche Kultur und Sprache in ihren Ländern zu fördern.

Bei meinen Vorträgen frage ich regelmäßig meine Zuhörer, wo sie denken, Deutschland bezüglich des Bruttosozialprodukts in der Welt steht. Kaum einer weiß, wie gut wir sind. Die meisten ordnen uns im Mittelfeld ein und das, obwohl schon die DDR behauptete, zu den zehn stärksten Industrienationen der Welt zu gehören (was so falsch bestimmt nicht war, wenn ich bedenke, welche hervorragenden Industrieprodukte nach der Wende in der DDR abgewickelt wurden).

Ich frage das nicht, weil ich meinen Patriotismus nicht für mich behalten kann, obwohl allein das auch schon ein berechtigter Grund wäre, so etwas zu sagen, wenn es die eigenen Politiker nun einmal partout nicht tun. Ich sage es, um zu verdeutlichen, welche Bedeutung Sekundärtugenden wie Pflichtbewusstsein, Gründlichkeit, Disziplin, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gerade auch für den wirtschaftlichen Erfolg haben und damit für den Lebensstandard und dass wir angefangen haben, diesen deutschen Standortvorteil zu verspielen, indem wir unsere Kinder nicht mehr dazu erziehen, weil das altmodische Werte seien und „gender mainstreaming“, zum Beispiel, viel wichtiger.

(Wenn wir dann überall Unisex-Toiletten haben und dafür von der Produktivität auf griechischem Niveau gelandet sind, wird den Grünen und Nettoempfangsländern in der EU auffallen, dass man die deutsche Kuh, die man melken will, nicht voreilig schlachten sollte. Aber sie sind so ideologisch fixiert, dass sie weiter auf sie einhacken müssen, während sie sie melken. Das geht auf die Dauer auf keine Kuhhaut, nicht einmal auf eine deutsche.)

Wenn wir alles zusammenrechnen, was Deutschland aufgrund seiner großen wirtschaftlichen Potenz, seiner gewaltigen Außenhandelsüberschüsse, einschließlich der TARGET-Salden der Deutschen Bundesbank für andere bezahlt in der EU, in der Welt für die UNO und für Entwicklungshilfe sowie im eigenen Land für die “Flüchtlinge”, und endlich einmal anfingen, die Eigenen bei den Ausgaben an die erste Stelle zu setzen, könnten wir das Kindergeld für die deutschen Staatsbürger, die es nötig haben, bestimmt verzehnfachen, wobei ich es vom 5. Kind an wieder deutlich senken würde, damit keiner auf die Idee kommt, die „Kinderproduktion“ als Wirtschaftsmodell zu nutzen; aber für das erste und zweite Kind je 1500 Euro Kindergeld – das wäre doch mal ein klarer Grund, sich Kinder doch zuzutrauen.

Dass nichtdeutsche Staatsbürger davon ausgeschlossen bleiben, ist gar nicht ungerecht, denn jeder, der lange genug hier lebt, ohne kriminell zu werden, der richtig gut Deutsch „kann“ und seine Steuern zahlt, kann ja Deutscher werden. Für Doppelstaatler sollte das allerdings nicht gelten, es sei denn, jeder Deutsche bekommt das Recht, sich eine zweite Staatsbürgerschaft zu wählen (–> 24. Gedankensplitter).  

 

60. (31.01.2017) Alternative Fakten

Da sind sie, all die Etablierten, die Angekommenen beim angesagten und üblichen Denken, aus der selbstständig dastehenden, kleinen Wohneinheit. Das könne doch gar nicht sein, ha, ha, „alternative Fakten!“, das sei ja genauso populistisch wie das postfaktische Denken (Gedankensplitter 48)!

Dass es alternative Fakten gibt, ist eine philosophische Binsenweisheit. Die Dialektik der klassischen deutschen Philosophie, insbesondere die von Hegel, die Marx gekonnt aufgegriffen hat, zeigt das: Die eine, heilige Wahrheit gibt es nicht, es gibt sie desto weniger, je komplexer ein Geschehen ist. Immer ist die Frage, ob etwas, in einer bestimmten Hinsicht mehr richtig als zugleich falsch ist und umgedreht. 100 Prozent JA, Null Prozent NEIN gibt es nur bei so elementaren Fragen wie ob Menschen ein Recht darauf haben zu leben und nicht einmal bei dieser gibt es ein klares JA, wie uns der Geist unserer Zeit belehrt, der uns erlaubt, ungeborenes Leben, ohne Not, einfach, weil es gerade nicht passt, zu töten.

Der Euro ist auch so ein Beispiel. Ich persönlich denke, dass ca. 80 Prozent der Fakten dagegen sprechen, dass er als gemeinsame Währung für die beteiligen Länder nützlich und hilfreich sei. Aber vielleicht 20 Prozent der Fakten sprechen durchaus für ihn, auch für Deutschland gibt es Vorteile durch ihn, die Frage ist bloß, ob die Nachteile nicht viel größer sind.

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Die Erinnerungskultur in Deutschland. Hat Björn Höcke Recht, dass wir sie um 180 Grad drehen müssen? Ich persönlich denke, er hat mehr Recht, als er Unrecht hat. Natürlich übertreiben Menschen, die kämpfen, im Eifer des Gefechts auch. Wäre das nicht so, könnten sie sich gleich zum Politik-Roboter ernennen lassen. Was er meint, ist, denke ich: Wir müssen unsere Erinnerungskultur radikal ändern. Das einfache glatte Gegenteil vom gegenwärtig Üblichen zu tun, wäre aber falsch. Es ist schon gut, dass wir Deutschen zu den ganz wenigen Völkern in der Welt gehören, die die Verbrechen, die die „Eigenen“ verübten, beim Namen nennen, sie aufarbeiten und sie bereuen.

Aber dürfen wir deswegen den Kontext vergessen, aus dem heraus es zu ihnen kam? („Der Krieg, der viele Väter hatte“ [Internetseite von Generalmajor a.D. der Bundeswehr Gerd Schultze-Rhonhof], nicht nur der erste Weltkrieg, sondern auch der zweite.) Und dürfen wir deswegen die Glanzleistungen vergessen, die Deutsche vollbrachten? Und dürfen wir unschuldig Ermordete vergessen, deren einziger Fehler darin bestand, dass sie zu einer verkehrten Ethnie, den Deutschen, gehörten? Sind ermordete deutsche Kinder und Frauen nur Opfer zweiter und dritter Klasse, die man ruhig vergessen kann, derer man nicht gedenken muss, weil sie ja selbst Schuld an ihrem Schicksal waren: Warum ließen sie sich denn bloß als Deutsche gebären?

Und können wir Teile der deutschen Volksfamilie, die Schlesier, Ost- und Westpreußen einfach sang- und klanglos vergessen oder muss eine gute Familie nicht wenigstens die verlorengegangenen Familienmitglieder betrauern dürfen, anstatt so zu tun, als wenn sie nie zur Familie gehört hätten? Aus der Psychologie wissen wir, welche katastrophalen Auswirkungen das hat: Es hindert die Überlebenden an einem gesunden Weiterleben.

Insofern würde ich sagen: Wir müssen unsere Erinnerungskultur um 90 Grad wenden, wir müssen das Eine weitermachen, die Erinnerung an unsere Schuld, aber das Andere deutlich dazu nehmen: Die Erinnerung an unsere Leistungen und an das, was wir selbst erlitten haben. Nach dem Ersten Weltkrieg waren sich alle Parteien in Deutschland von den Rechten bis zu den Kommunisten einig, dass der Versailler Vertrag Unrecht war, genauso wie die These von der deutschen Alleinschuld am Kriegsausbruch, was inzwischen heute die meisten Historiker auch so sehen. Schon die Gebietsamputationen 1918 waren also Unrecht. Von den zusätzlichen nach dem zweiten Weltkrieg redet inzwischen in Deutschland kaum noch einer. Die politische Klasse tut geflissentlich so, als wenn Deutschland im Osten schon immer an der Oder endete.

[Vor nicht langer Zeit habe ich auf Arte Folgen über die geschichtliche Entwicklung Europas gesehen. Während die Verkleinerung Deutschlands nach dem 1. Weltkrieg durch den Versailler Vertrag noch als problematisch dargestellt wurde, hieß es zu den nochmaligen Gebietsabtrennungen nach dem 2. Weltkrieg: "Großdeutschland wurde auf Normalmaß zurechtgestutzt". Einfach mal so. Weil es keine Rechtfertigung nach dem Völkerrecht dafür gibt, weil auch nach moralischen Maßstäben ein Unrecht nicht durch weiteres Unrecht "ausgeglichen" werden kann, bleibt auch nichts anderes übrig als diese schnoddrige Gefühlskälte gegenüber dem eigenen Volk oder Ignoranz, Vergessen, nicht mehr darüber reden. - 16.05.2017]     

Nein, wir müssen trauern. Wir müssen darüber reden dürfen, dass die „großen westlichen Demokratien“ damals Stalin das Völkerrecht opferten, um ihm zu gefallen, um Koalitionen mit ihm schmieden zu können. Warum sollen wir mit ihnen eigentlich jetzt gegen Putin zusammenstehen, wenn sie uns selbst damals so hängen ließen? (Zumal Putin nicht Stalin ist, absolut nicht.) Das ist auch eine sehr dialektische Frage mit vielem alternativen Für und Wider. Eine Ahnung davon – es kommt alles wieder und jedes unaufgearbeitete Unrecht rächt sich – hatte die US-Amerikanische Regierung nach dem zweiten Weltkrieg offenbar, denn sie prüfte im Ernst die Möglichkeit eines Kompromisses: Die neue deutsche Ostgrenze nach Kohlberg zu verlegen. Aber die Deutschen selber waren sich ja bald nicht mehr einig, sogar bei dieser nationalen Grundfrage nicht…  

 

59. (25.01.2017) Im Zweifel für die Ermordeten

Ein anerkannter Asylbewerber, Mohamed H., hat im Juli vergangenen Jahres eine 45-jährige Arbeitskollegin mit einem 60 Zentimeter langen Dönermesser ermordet und zwei weitere Menschen schwer verletzt. Gestoppt konnte er erst durch einen Autofahrer werden, der geistesgegenwärtig genug war, ihn anzufahren und damit wahrscheinlich Menschenleben rettete. Jetzt vor Gericht will der Messerstecher plötzlich ein halbes Jahr jünger sein, um noch nach Jugendstrafrecht verurteilt zu werden.

Wenn wir nicht sicher sind, gilt der Grundsatz ,In dubio pro reo‘, und wir würden an die Jugendkammer abgeben“, kündigte der Vorsitzende Richter an. Das Gericht hat bereits die Eltern des Beschuldigten in Aleppo angerufen. Nach deren Aussage soll ihr Sohn im Juli 2016 schon 21 gewesen sein. Der Richter schlägt nun eine nochmalige Kontaktaufnahme mit Aleppo vor, um ganz sicher zu gehen.

Sehr nobel, allerdings nicht für die, die sowieso schon schwer vom Leben getroffen wurden, in einem Fall sogar tödlich, sondern für den Täter. Wenn seine Schuld zweifelsfrei feststeht, sollte es dann nicht besser heißen: „Im Zweifel für die Ermordeten“? Schließlich klappt das bei deutschen Tätern ja auch: Da werden über 90-Jährige vor Gericht gestellt und verurteilt, obwohl ihnen eine individuelle persönliche Schuld nicht nachgewiesen werden kann.

Und hier wird alles getan, damit sich der Mörder seiner vollen Verantwortung entziehen kann. Deutschland 2017.

 

58. (12.01.2017) Wir brauchen nicht mehr Europa, sondern zuerst mehr Deutschland!

Was ist wichtiger: Immer noch mehr Beziehungen aus sich selbst heraus zu entwickeln, also die Beziehungen an und für sich, das Wir-Gefühl sozusagen, oder das Selbst-Ich, das zusammen mit anderen, erst zum Wir führen kann?

Was ist wichtiger: Immer noch mehr Europa, noch mehr Mannschaftsgeist, noch mehr Gruppenarbeit zwischen den Nationen oder diese selbst?

Ich glaube, bevor eine Beziehung gut und hilfreich sein kann, müssen die Einheiten, zwischen denen sie geschieht, stark und in der Lage sein, ihre eigenen Interessen zu vertreten. Was nutzt ein guter Familiengeist, wenn nicht mehr klar ist, wer Mutter, Vater, Kind, Oma und Opa ist und worin seine speziellen Aufgaben und Interessen bestehen. Ein Gemeinschaftsgeist, der nur wachsen kann, wenn sich die Grenzen zwischen den Einzelnen verwischen, ist kein guter. Das Gegenteil ist der Fall: Eine Familie ist nur dann eine gute, wenn die Konturen der unterschiedlichen Familienpositionen klar sind: Ein kindlicher Opa mag ja noch angehen, ab und zu, aber ein mütterliches Baby ist schon sehr verwirrend und schlicht unmöglich, genauso wie ein pubertärer Vater nicht konstruktiv ist.

Ich bin sehr für das WIR, ein familiäres, schulisches, auch ein europäisches, aber ich vergesse dabei nicht, dass es nur stark und gut sein kann, wenn seine Einheiten ihre jeweilige Position auch stark und gut ausfüllen. Diese wechseln im psychologischen Zusammenhang altersmäßig, was das Leben interessant macht. Im Zweifelsfall letztendlich doch das machen zu müssen, was die Eltern sagen, wäre für ein ganzes Leben lang eine unerträgliche Zumutung, für ein Kindergarten- und Schulkind ist es aber durchaus passend.

Immer nur, auch im eigenen Land, Englisch, Französisch oder Deutsch reden zu müssen, wäre für alle Europäer eine Zumutung, es im europäischen Parlament zu tun, logisch; dann müsste aber die deutschsprachige Einheit genauso selbstbewusst zu sich stehen wie die englisch- und französischsprachige.

Insofern kommt die Stärkung der Konturen des Eigenen immer vor dem Brückenschlagen aus ihnen hinaus. Aus einem wackeligen Eigenen heraus lassen sich auch gar keine Brücken schlagen, die halten; die konturenlose Pfeiler würden bald knicken.

Wir Deutschen haben einen Riesennachholbedarf im Definieren der Konturen des Eigenen, im Definieren eigener, nationaler Interessen. Wollen wir z.B. die schlesische, west- und ostpreußische Kultur einfach ins Nirwana wegrutschen lassen, während sich deutsche Wissenschaftler mit deutschen Steuergeldern darum kümmern, dass Kulturen auf polynesischen Kleininseln nicht verloren gehen?

Mit einem Wort: Frau Merkel hat – wie so häufig – Unrecht: Wir brauchen nicht mehr Europa zur Lösung der Probleme, sondern zuerst mehr Deutschland!

 

57. (10.01.2016) Der Koloss wankt, und er wird kippen.

Der „Koloss“ ist die Lebensphilosophie einer Epoche, der Geist einer Zeit. Ich finde, man kann diesen 68-ziger Geist auf ein Kredo zusammenfassen: Was der einzelne Absonderliche sich wünscht, ist wichtiger als das, was eine „normale“ Gemeinschaft, die überhaupt erst die materiellen Grundlagen des Lebens schafft, will. Zum Beispiel wird in der „Lindenstraße“ über Wochen das schwerwiegende Problem gewälzt, wie ein Mann, der gerne Frau sein will, trotzdem glücklich werden kann. Es ist einfach angesagt – noch -, was ganz Besonderes, Uneindeutiges, Schillerndes, was zwischendrin zu sein, z.B. auch eine weiblich attraktive Frau mit Bart, und für diesen Typ Mensch stellen die Grünen extra Wahlurnen auf, wobei die Männer da gleich mit “reingemährt” werden (Eberhard Cohrs), während die Frauen extra eine für sich haben. Wie fortschrittlich! Weit fortgeschritten in der Tat von den Problemen der “normalen” Menschen, die mit Leistungsbereitschaft etwas schaffen, geschafft haben oder schaffen werden, weil sie es wollen, für diese Gesellschaft. 

Oder: Arme ADHS-Kinder und solche mit Asperger-Autismus haben Hochkonjunktur und alles läuft darauf hinaus, dass die Schule, die Klasse sich ihnen anpassen soll anstatt umgedreht, was hieße, ihnen zu helfen, vollwertige Persönlichkeiten zu werden. Sie sollen lieber was Besonderes, „anders“ bleiben mit dem „kleinen“ Preis, dass die anderen, die sich bisher benehmen konnten, dann auch so eine schicke Sonderrolle haben wollen.

Geflüchtete“ sind natürlich auch was Feines, was Besonderes im Alltag gelangweilter Pfarrersfrauen, Zahnarztgattinnen und Bundeskanzlerinnen. Da war’s doch schön, sich auf die „humanitäre Katastrophe“ in Ungarn zu stürzen, wo die Flüchtlinge im Bahnhof angeblich unter unmenschlichen Bedingungen kampieren mussten. Sie weigerten sich, sich registrieren zu lassen, zeigten die Lebensart, die viele von ihnen auch hier praktizieren, dass sie als Gäste bestimmen wollen, wie sie beim Gastgeber leben und wie er sein Geld für sie auszugeben hat, schon damals massiv in Ungarn.

Aber da gab es keine Solidarität von EU-Land zu EU-Land, obwohl Ungarn zu den deutschfreundlichsten gehört (aber das ist ja etwas, was Frau Merkel sowieso am wenigsten an anderen Ländern interessiert, eher wahrscheinlich als Ausschlusskriterium), sondern ein Fallen in den Rücken der Ungarn: Die armen Flüchtlinge, „humanitärer Sonderfall!!“, sie müssen sofort geholt werden.

JETZT, Frau Merkel, gibt es wirklich humanitäre Katastrophen in Griechenland, Mazedonien und Serbien! Das Leben der Flüchtlinge ist dort im Winter um Vieles mehr gefährdet, als es das jemals in Ungarn war!

Warum holt sie sie jetzt nicht? Weil Flüchtlinge nicht mehr so was feines Besonderes sind? Vor allem, weil sie genau weiß, dass ihr Volk, dessen „bessere Teile“ vor kurzem noch euphorisch „Welcome!“ geklatscht haben, da nicht mehr mitspielt. Deutschland allein hat inzwischen entschieden mehr Flüchtlinge aufgenommen als alle anderen 27 EU-Länder zusammengenommen, auch im Pro-Kopf-Vergleich (https://www.welt.de/politik/deutschland/article160804721/Mehr-Asylantraege-in-Deutschland-als-in-allen-anderen-EU-Staaten.html). Tragisch, jetzt werden Menschen, die wirklich in Not sind, und die sich wahrscheinlich, hoffe ich doch, auch nicht mehr weigern, sich registrieren zu lassen, hängen gelassen, weil Deutschland gegenüber Wirtschaftsflüchtlingen nicht „Herr im eigenen Haus“ sein wollte und viel zu viele von ihnen hereinließ.

Überquellende, wohlfeile Menschenfreundlichkeit ist im Grunde böse, weil sie dann schnell alle ist.

Der Koloss wankt, weil er einfach nicht lebenspraktisch ist. Und plötzlich fordern sogar Grüne und SPD-Genossen Haft vor der Tat für Gefährder bis zu 18 Monaten, nachdem gerade noch der NRW-Innenminister Jäger, der lieber “Hase” heißen sollte (weiß nichts, trau’ mir nichts), dem verdutzten Publikum erklärt hatte, dass man nichts falsch gemacht habe und auch nichts besser machen könne, weil der Rechtsstaat eben nun einmal so sei, dass potentielle Mörder nicht durch Vor-Urteile diskriminiert werden dürfen. (Ich schätze, die SPD wird dieses besonders aussagekräftige Teil des Kolosses bald “opfern”, einerseits zu Recht natürlich und andererseits, um den ganzen Koloss retten zu können.)

Hochentwickelte Technik im LKW – ich vermute, deutsche – hatte durch automatische Bremsung nach dem Aufprall verhindert, dass der LKW-Terrorist noch mehr Menschen ermorden konnte. Auch das Justiz- und das politische Wesen müssen sich entwickeln, sonst kippen sie zusammen mit dem Koloss, und das macht ihnen Beine. Ein Hoffnung für uns alle, aber wir müssen dranbleiben, noch ist der Koloss nicht umgefallen, obwohl sogar ein solcher Mitverursacher des ganzen Dilemmas wie der SPD-Justizminister inzwischen Kohle frisst.

 

56. (6.1.2017) Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen

Das müssen Menschen lernen, davon hängt der gesamte Lebenserfolg oder Misserfolg ab. Eine Gesellschaft ist desto dekadenter, je mehr sie dieses Lebensgesetz aushebelt. Die deutsche Gesellschaft ist führend in der Welt in Bezug auf diese Dekadenz: Den Genuss und den Gewinn will ich persönlich sofort, aber wenn Schaden aus meinem Handeln entsteht, soll ihn gefälligst die gesamte Gesellschaft, die deutsche, versteht sich, für mich tragen.

Das gilt für Börsenspekulanten ab dem Maß, wo sie wirklich unverschämt geworden waren; das gilt für haltlose Suchtabhängige aller Art, einschließlich der Zu-viel-Esser, wie auch ich einer bin. (Da mir Geld wichtig ist, würde ich weniger essen und mich mehr bewegen, wenn ich für meine Diabetes-2-Medikamente ab einer Gewichtsüberschreitung, die über leichtes Übergewicht hinausgeht, zumindest anteilig selbst aufkommen müsste.)

Das gilt auch für Leute, die unbedingt hochriskante Sportarten treiben wollen. Sie müssten diese extra auf ihre persönlichen Kosten versichern. Darüber werden wenigstens immerhin Diskussionen geführt, aber mit der größten Selbstverständlichkeit werden die Geltungsprimitivlinge, die in Deutschland unbedingt mit Feuerwerkskörpern hantieren müssen, die hier nicht zugelassen sind, auf Kosten aller, die in die Krankenkassen einzahlen, kuriert.

Sie müssen natürlich sofort behandelt werden, wenn sie verletzt sind, aber danach sollen ihnen die Kosten in Rechnung gestellt werden, die sie gegebenenfalls auch abstottern können. Das wäre doch auch ein gutes Argument für Eltern, die oft auf verlorenem Posten stehen, wenn sie ihren Nachwuchs, der schon ganz stark sein will, obwohl er es erst halb ist, zur Vernunft bringen wollen:

Bis 13 müssen wir voll für den Schaden aufkommen, den du an dir und anderen mit nicht tüv-zertifizierten und/oder nicht für dein Alter zugelassenen Feuerwerkskörpern anrichtest, denn bis dahin müssten wir unsere Aufsichtspflicht noch durchsetzen können, wenn wir zuvor bei deiner Erziehung nicht alles falsch gemacht haben. (Was dann wieder eine Folge unseres eigenen Handelns für uns selbst wäre.) Ab 14 trägst du eine Mitverantwortung und kannst stottern, zumindest finanziell (vielleicht kommt dann das andere vor Schreck auch noch dazu), bis die Kosten erstattet sind.

Ähnlich würde ich auch verfahren, wenn die Feuerwerkskörper in Deutschland zwar zugelassen waren und altersgemäß gehandhabt wurden, der Unfall aber vor oder nach der Silvesternacht geschah.

Die Gesellschaft muss gegenüber denen, die ständig für sich Sonderrechte beanspruchen, wieder in die Offensive kommen. Seit Ende der Sechziger Jahre wurde das Gegenteil zur grundlegenden Mentalität in den westlichen Gesellschaften und wahrscheinlich hier in Deutschland besonders, weil wir alles besonders akkurat machen wollen, auch das Falsche. Die, die hier ab dieser Zeit zu den neuen Eliten aufstiegen und es bis heute sind – inzwischen sind sie allerdings die alten -, wollten und wollen es so. Das Leben selbst wird sie auf den Boden der Tatsachen zurück holen: Eine Gesellschaft ist gerade auch den „Halbklugen“ selbst eine offensive Durchsetzungskraft schuldig, denn diese werden ja sonst zu immer schlimmeren Gesetzesübertretungen verleitet, die schließlich auch ihnen selbst den Hals brechen können und anderen natürlich auch, die das Pech haben, ihnen in die Quere zu kommen.

Falls das bisher nicht geschah durch Glück, würden sie sich so später wenigstens nicht mehr wundern, dass sie für die Schäden ihrer Kraftfahrzeuge, auch für die, die sie bei anderen verursachen, dann selbst aufkommen müssen, wenn sie ihre „Lieblinge“ zuvor entgegen der Zulassung und ohne Genehmigung der Führerscheinbehörden technisch verändert haben.

Vorschriften, auch technische, sollten in Deutschland nicht nur auf dem Papier, sondern zuverlässig auch in der Realität noch etwas gelten, sonst können wir gleich einpacken und haben einen Standortvorteil, der früher einmal zum „deutschen Wesen“ gehörte, endgültig verspielt.

 

55. (5.1.2017) Es gibt Auf- und Absteiger im beginnenden postglobalen Zeitalter,

in dem es nun bereits einigen Vorletzten zu dämmern beginnt, dass die Lösung der zunehmenden Probleme nicht dadurch gelingt, dass die menschliche und moralische Verantwortung ihrer Lösung auf immer größere und abstraktere, übernationale Einheiten übertragen wird.

Das wäre so, wie wenn Eltern in einem großen Mehrfamilienhaus mit ihren eigenen Kindern und ihrem eigenen Haushalt nicht mehr zurecht kommen und die Lösung nun darin gesehen wird, dass die Hausgemeinschaftsleitung die Verantwortung dafür übernimmt. Wenn sie es nicht mehr schafft, die Leitung des Stadtbezirks und wenn diese schließlich auch kapitulieren muss, der Oberbürgermeister, die Landesregierung, die Bundesregierung, die EU und schließlich die UNO.

Das hilft dieser armen Familie nicht, die unter oder über ihre Verhältnisse lebt. Verantwortung und Demokratie können immer nur konkret sein, wenn der, den man wählt, die eigenen Interessen zu vertreten, die gleiche Sprache spricht; sonst ist das eine abstrakte Pseudodemokratie, gestraft durch lächerlich geringe Wahlbeteiligungen, wie das bei den Wahlen zum europäischen Parlament der Fall ist.

Der Absteiger ist VW, der die Zeichen der Zeit nicht erkennt und gerade in der Krise auf Globalisierung setzt, als Konzernsprache 2022 Englisch einführen will und damit die eigenen, deutschsprachigen Stammkunden vor den Kopf stößt, ohne dadurch neue, internationale zu gewinnen, denn diese kaufen ein deutsches Auto ja gerade deswegen, weil es ein deutsches ist und nicht ein verwechselbares, globales Erde-Auto, dessen Konstruktion und entscheidenden Systemteile von überall her kommen. (→ 46. Gedankensplitter) Ich hoffe, es gibt genug Deutschsprachige wie ich, die sich die Verbundenheit mit dem Konkret-Eigenen, in diesem Fall ihrer Sprache, bewahrt haben und keinen People Car mehr kaufen werden, solange diese Entscheidung gilt.

Der Aufsteiger ist Bayern München mit seinem Präsidenten Uli Hoeneß: In diesem allgemeinen Trend des Verrats am Eigenen, der allerdings unter den großen Industrienationen in der Welt dank unserer politischen, medialen und kulturellen Klasse fast nur für Deutschland gilt, setzt er sich für eine Deutschpflicht bei Bayern München ein: „Es muss wieder Deutsch in der Kabine gesprochen werden, die Sprache ist ein Bindeglied. Ansonsten gibt es Grüppchen.“ (Bild, 5.1.2017, S. 15) Und warum nicht die VW-Lösung Englisch? Schließlich ist Bayern München ein absolut internationaler Fußballclub, die Mehrheit seiner Spieler spricht Deutsch nicht als Muttersprache. Ich kann’s Ihnen sagen: „Mia san mia!“ (Wir sind wir!), nur so wird man etwas in der Welt und im Leben.  

 

54. (2.1.2017) Die Straffeigheit und hinterhältige Gnadenlosigkeit der deutschen Gesellschaft gehören zusammen.

Immer wieder erlebe ich in Seminaren für Fahranfänger junge Männer, die ihr Leben in eine Sackgasse manövriert haben. Sie wollen weiterkommen, nicht der Dumme sein, der auf dem Bau oder auf Montage „im Dreck steht“. Am Anfang reizte sie die Freiheit nach der Schule, die Neugier auf die Welt. Jetzt mit Anfang Zwanzig wollen sie „Karriere machen“, sie sind regelrecht zum „Spießer“ geworden, wollen zur Polizei, zum Zoll oder zur Bundeswehr, und sie haben keine Chance, denn ihr Führungszeugnis ist auf Jahre hinaus „versaut“.

Als sie noch große Jungen waren – z.T. sind sie es immer noch -, brauchten sie Führung und Grenzen, aber nicht abstrakte, sondern konkret spürbare, weil die wenigsten mit 12, 13, 14, 15, 16 Jahren von Beruf Philosophen sind. Diesen Typ junge Menschen gibt es auch, die Grübler, die Nachdenklichen, die ihr Leben in den Griff bekommen, indem sie bewusst einordnen, wozu es führt, wenn sie weitermachen mit einem bestimmten Handeln und nicht anfangen können mit einem anderen.

Viele sind praktischer, körperlicher veranlagt. Deswegen „rennen“ sie fast täglich ins Fitnessstudio oder verausgaben sich bei harten Sportarten wie Kickboxen oder American Football. Ein Teil der Menschen sind weder Philosophen noch Sportler, sie verdämmern ihr Leben. Die Praktisch-Körperlichen wollen etwas erreichen in ihrem Leben, ebenso wie die Philosophen, aber sie haben keine Geduld, keine Ausdauer für die Tippeltappel-Tour des Erfolgs. Beim Sport geht es noch am schnellsten, Erfolg zu haben. Integralrechnung dauert länger, genauso wie Faust I und II zu lesen und zu verstehen, dafür braucht es mehr Voraussetzungen. Typisch für fast alle Teenies ist, nicht warten zu können. Zugleich kann der praktisch-körperliche Typ in seiner Sturm- und Drang-Zeit nur schlecht über die Situation, in der steckt, hinausgucken. Er ist gefangen im Moment, in der aktuellen Situation; er denkt nicht weiter und „baut“ deswegen als Jugendlicher allzu oft „Mist“.

Und dann kamen die BRD-Demokratie-Pädagogen, haben mit ihnen geredet und geredet, warum sie das nicht machen können. Das hat sie nur gelangweilt und sie haben es wieder getan. Was hätten sie gebraucht? Raus aus dem Hotel Mama, mal ein paar Wochen richtig „rangenommen“ zu werden bis zur Erschöpfung unter spartanischen Bedingungen, aber nicht im Jugendgefängnis, das ihnen den gesamten Lebenslauf versaut, sondern in einer vorjuristischen „Strafanstalt“, in einem pädagogischen „Camp“. (Anglizismen sind wirklich was Schönes: „im Lager“ dürfte ich natürlich nie und nimmer schreiben, obwohl auch die Englischsprachigen „Lager“ hatten, die jeden Menschenrechten Hohn sprachen und das sogar noch vor den Deutschsprachigen.)

Die Strafe ist kein nachpädagogisches Instrument, um junge Menschen zu führen, das allein den Gerichten vorbehalten bleibt, nein, sie gehört direkt zur Erziehung dazu, genauso wie das Belohnen, vor allem, wenn sie mehr Gebot, etwas zu tun, ist als Verbot, z.B. Freiheitsentzug.

Im Kontext harter körperlich-sportlicher Anforderungen im Sinne von „Bootcamps“, für die nicht wenige Erwachsene sogar viel Geld bezahlen, ist reden zu dürfen, eine besondere Vergünstigung, ein Luxus, der nun wertgeschätzt werden kann, und nicht nur reden, sondern auch schreiben und zwar ordentlich.

Wessen Deutsch zu schlecht dafür ist, der schreibt einfache und kluge Texte ab, fehlerfrei und entschieden „schöner“, als er bisher schrieb, und er lernt Teile davon auswendig. Und wer sich verweigert und diesen Luxus immer noch nicht zu schätzen weiß, der muss ins Gelände nach der Devise „Was der Geist nicht hergibt, muss der Körper doppelt leisten“. Und wer sich auch dagegen sträubt, dessen gesetzlich mögliche Aufenthaltsdauer wird ausgeschöpft, während die Einsichtigen vielleicht schon nach ein, zwei Wochen wieder nach Hause dürfen.

Solche praktische Strenge und Härte brauchen große Jungen und Mädchen, die zu oft über die Stränge schlagen und nicht eine abstrakte und symbolische, die dafür aber gnadenlos beim Beschneiden zukünftiger Lebenschancen ist. Zugleich muss es sich im „Erziehungslager“ unbedingt lohnen, sich wenigstens jetzt nun anzustrengen und sich zu bemühen. Was in der Vergangenheit passiert ist, muss vernachlässigbar werden können, es muss möglich sein, es schneller mit eigener besonderer Mühe und Anstrengung hinter sich zu lassen, als das die Verjährungsfristen im Führungszeugnis vorsehen. Setzen die „Delinquenten“ sich tatsächlich nun voll ein, körperlich und geistig, ohne eigenes Leid zu scheuen, wenn es nötig ist, und eigene Unbequemlichkeiten sowieso nicht, müssen die alten Delikte dann aber auch getilgt sein und dürfen dem Jugendlichen nicht mehr vorgehalten werden:

Eine lange Strecke “lauen” Leids, die aber in Wirklichkeit gar nicht lau, sondern gnadenlos ist, weil sie Lebenschancen verbaut, wird getauscht gegen eine entschieden kürzere Strecke ehrlich-harten, weil sofort spürbaren Leids, wodurch sich aber der verbaute Lebensweg nach vorn schneller wieder öffnet. Zu überlegen wäre, ob betroffene Jugendliche je nach Temperament und Charakter selbst zwischen dem normalen, langen Weg ihrer Rehabilitation und seiner kurzen Intensivform wählen können sollen. So wären diejenigen, die sich für das “Camp” entscheiden, jedenfalls von vornherein motiviert, es erfolgreich zu beenden.     

Die gesetzlichen Möglichkeiten dafür gibt es in Form des Jugendarrestes bis zu vier Wochen. Sie werden viel zu wenig genutzt, weil diese Gesellschaft Jugendliche, die man nicht durch Diskutieren überzeugen kann, lieber immer weiter in ein falsches Verhalten hineinlockt, indem ewig gegen ihre konkreten, praktisch-körperlichen Verfehlungen nur Abstraktes gesetzt wird (Hurra! Wir erziehen rein demokratisch und rein gewaltfrei!), anstatt die Strafe ähnlich konkret-praktisch sein zu lassen wie die Verfehlung, wobei jetzt aber die Täter mal selbst die Leidtragenden sind. Nur das befähigt sie, in den „Luxusgesprächen“ Empathie, ein echtes Einfühlungsvermögen zu lernen.

Den meisten wird der Arrest im „Camp“ eine Lehre sein, nicht nur durch den körperlichen Stress, die Schreibarbeiten und das Auswendiglernen, sondern auch durch die Gespräche, die sie nun wertschätzen konnten. Gerade diese Mischung macht’s. Andere werden ein zweites Mal antreten müssen und immer noch wäre ihr Führungszeugnis nicht „versaut“. Den ganz Uneinsichtigen, die wieder und wieder auffallen und sich dauerhaft der vorjuristischen, also pädagogischen Strafe, verweigern, werden dann in der Tat juristische Strafen mit den entsprechenden Eintragungen im Führungszeugnis nicht erspart bleiben können. 

 

53. (30.12.2016) Ideologischer Starrsinn gefährdet Menschenleben. Oder: Sie wollen einfach nicht hinsehen – aus Prinzip!

Weder mit Kameras, noch mit den eigenen Augen. Auch der Deutsche Richterbund verkündet – im Gegensatz zur Polizei -, dass Videoüberwachung keine „spontanen Straftaten“ verhindern könne.

Die Selbstverständlichkeit der Überlegung, dass die schnellere oder so überhaupt erst mögliche Aufklärung von Straftaten auch neue verhindert, schon allein dadurch, dass ein paar überführte Täter aussortiert werden konnten, erschließt sich den Richtern und den anderen Gegnern der Videoüberwachung offenbar nicht.

Das wird ein Lagerwahlkampf zwischen denen, die die individuelle Freiheit, auch die eines Straftäters, an zentralen Punkten des öffentlichen Raums persönliche Vorlieben auszuleben, ohne Angst, dabei beobachtet zu werden, über das Recht potentieller Opfer auf Schutz durch Beobachtung stellen und denen, die sagen, alles, was sich an solchen Orten abspielt, muss Zeuge-fähig sein.

Ich erinnere mich noch, wie in einer Straßenbahn am hellichten Tag einer von den „Kaputten“, die augenscheinlich in unserer Gesellschaft zunehmen, ausflippte, einen jungen Mann grundlos ohrfeigte und schließlich ein Messer zückte. Alle waren verängstigt, saßen geduckt da, nur ein alter Mann sagte lapidar: „Das wird alles gefilmt“, und er wies auf eine der Kameras. Wutentbrannt lief der Schläger auf den alten Mann zu, machte ruckartig kehrt, trat die Tür der inzwischen haltenden Straßenbahn auf und entschwand.

Wie dankbar war ich für die Kamera, sie kam mir vor wie ein Auge Gottes.  

 

52. (29.12.2016) Wer Angst hat, zu kurz zu kommen, kommt zu kurz,

jedenfalls dann, wenn seine Angst darauf fokussiert ist. Das ist meine Lebenserfahrung: Wer keine Abstriche dulden will gegenüber anderen Vergleichbaren, wer sich nicht damit abfinden kann und will, aus konkreten, einzelnen Gründen ihnen gegenüber die „Nummer zwei“ oder „drei“ zu sein, steigt nicht in der Zukunft, sondern sinkt weiter, zumindest auf diesem Gebiet.

Deswegen liebe ich das Silber; bei mir muss es gar nicht Gold sein, und Vizechef gefällt mir auch besser als Chef. Wer das wertschätzen und ausfüllen kann, wird bald Chef; wer nicht, Verlierer.

 

51. (25.12.2016) “Wir sind Kinder! Platz da!”

Weihnachtsspaziergang: Ich gehe auf einem breiten Bürgersteig. Zwei kleine Jungen, vielleicht drei und vier Jahre alt, kommen wir entgegen. Sie jagen sich gegenseitig. Die Eltern und Großeltern trotten hinterdrein. Der Größere, den der Kleinere fangen will, rennt vorneweg auf mich zu und weicht kurz zuvor knapp aus. Der Kleinere kommt mit Abstand, ohne Chance, ihn zu kriegen, hinterher. Er macht keine Anstalten, mir auszuweichen, obwohl ich schon am Rand hin zur Straße gehe und neben mir bis zum Zaun noch ca. anderthalb Meter Platz sind.

Kurz, bevor er dann doch noch ausweicht, ruft er: „Weg!“ Die Eltern und Großeltern finden offensichtlich nichts dabei. Für mich spricht dieses Erlebnis Bände über die Alltagskultur in Deutschland: Diese Kinder lernen nicht, sich nach ihren Eltern und anderen Erwachsenen zu richten, sondern sie gehen mit der größten Selbstverständlichkeit davon aus, dass diese es tun. Arme Kinder! Armes Deutschland!

 

50. (19.12.2016) Tröstliches zu Weihnachten

Eine liebe Freundin, die partout nichts für dieses anonyme Internet schreiben will, auch nicht anonym, verunsichert mich – auf positive Weise – hinsichtlich meiner Abneigung gegen das ewige Weiterleben nach dem Tod in einer Endlosschleife (Gedankensplitter 44 und 11).

Sie meint, nach dem Tod würde das, was gut an einer menschlichen Seele war, was gut bleiben konnte trotz der vielen Versuchungen der Welt, sich als persönliches, mehr oder weniger helles bzw. warmes Licht mit dem großen Gottes vereinigen und dieses dadurch immer weiter anreichern und stärken.

Das Letzte hat sie nicht gesagt, das überlege ich gerade selbst. Ist Gottes Strahlkraft, wenn es „ihn“ gibt, nicht sowieso schon und von vornherein groß und unendlich? Andererseits: Ist es nicht ein schöner Gedanke, dass wir alle nach Hause kommen und etwas mitbringen, jeder seines ohne Neid und Eifersucht, das unserer aller Urheim weiter verschönert im Sinne dessen, was reine, sanfte Liebe ausmacht?

 

49. (19.12.2016) Karl-Eduard und die Journalisten der deutschen Qualitätsmedien

Ergänzung zum 2. Punkt des 47. Gedankensplitters: Diese Ungerechtigkeit – deutsches Kindergeld für EU-Ausländer, deren Kinder nicht in Deutschland leben – zu Lasten des deutschen Steuerzahlers hat im übrigen nicht ein Journalist unserer angeblich so kritischen und unvoreingenommen Qualitätsmedien, der gedruckten, ebenso wie der gesendeten, aufgedeckt; das musste ein angesagter Repräsentant der politischen Klasse selbst tun.

Von wegen vierte Macht im Staate, die die Politiker kontrollieren würde, sie ist vollauf damit ausgelastet, “Populisten” zu entlarven, so wie weiland Karl-Eduard, der nicht aufhörte vor der ausgekochten Raffinesse der Demagogie des Westfernsehens zu warnen und der am liebsten gewollt hätte, dass die braven DDR-Bürger es nur durch die von ihm sorgsam pädagogisch aufbereiteten Ausschnitte kennen lernen.

Ich glaube, so ähnlich würden es einige Politiker heute am liebsten auch mit dem Internet halten. Pech für sie, aber das hat selbst in Dresden guten Empfang. Eine andere Sache ist, Beleidigungen und Bedrohungen gegenüber konkreten Personen im Rahmen des allgemeingültigen bürgerlichen Rechts zu ahnden. Dafür bin ich auch, denn es ist möglich, scharf zu kritisieren, ohne Menschen persönlich zu diffamieren, wobei Amtsträger dabei desto mehr aushalten müssen, je größer ihr Amt ist.

Nachdem ein führender Politiker, Sigmar Gabriel, das Problem, worauf Journalisten nicht von alleine kamen, genannt hat – es gäbe ganze Straßenzüge mit Schrottimmobilien, in denen sich EU-Bürger nur zum Zweck des Kindergeldkassierens gemeldet hätten – haben Journalisten nun wenigstens nachgehakt (immerhin): Die Zahl der betreffenden EU-Ausländer, die für ihre Kinder, die nicht in Deutschland leben, deutsches Kindergeld erhalten, und die Gabriel nannte – 120 000 – stammt vom Dezember 2015 und ist inzwischen, in weniger als einem Jahr um 54 Prozent auf 185 149 Fälle gestiegen. (Bild, S.2)

 

48. (18.12.2016) Uneinholbar vorn beim “postfaktischen” Denken

Wer in ideologischem Wunschdenken verharrt,

dass nicht sein kann, was nicht sein darf (der Euro muss partout für alle EU-Länder passen, zur Not wird am Land herumgeschnitzt, so wie die böse Stiefmutter in Aschenputtel den Fuß ihrer eigenen Tochter doch noch passend für den königlichen Schuh schneiden wollte: er muss passen, koste es – die Deutschen -, was es wolle)  

und dass sein muss, was nicht sein kann (Deutschland ist das einzige Land in Europa und wahrscheinlich auch der Welt, das unbegrenzt, bis heute ausdrücklich ohne jede Obergrenze Flüchtlinge aufnimmt),

unterstellt anderen gern „postfaktisches“ Denken.

Dabei ist er selbst ein Meister darin und liegt damit uneinholbar vorn, im Übrigen auch im Begehen nationaler Sonderwege und Alleingänge, solange sie nur der eigenen Nation schaden. (Hans-Olaf Henkel und Joachim Starbatty, die aus der AfD austraten, weil sie ihnen zu rechts war und mit Bernd Lucke eine neue Partei gründeten, haben vor kurzem ein neues Buch geschrieben: “Deutschland gehört auf die Couch: Warum Angela Merkel die Welt rettet und unser Land ruiniert”.) 

[Wolfgang Bosbach, heute in der Bild: „Postfaktisch! Post was? … Beispiel: Wenn demnächst wieder behauptet wird, dass sich die Lage in Griechenland seit dem Ausbruch der Krise durch die milliardenschweren Rettungspakete deutlich gebessert habe, dass an der Schuldentragfähigkeit keine Zweifel bestünden, und dass das Privatisierungsprogramm schon bald die erhofften Milliardenerlöse bringen werde, dann ist das postfaktisch.“ Weil „beim Thema Euro Emotionen regelmäßig mehr Bedeutung haben als nüchterne Fakten.“ (S. 2.) - 19.12.2016]

 

47. (17.12.2016) Ach so, es geht ja nur um Deutsche…

1. Sie würden freidrehen,

wenn ein junger deutscher Mann heimtückisch und mit lässiger Menschenverachtung (Zigarette im Mund und Bierflasche in der Hand) so ganz nebenbei und trotzdem mit voller Kraft einer jungen ausländischen Frau, einer Roma vielleicht gar noch, auf der U-Bahn-Treppe in den Rücken tritt, so dass sie kopfüber nach unten stürzt und sich einen Arm bricht.

Und zwei, drei Kumpels von ihm sind noch dabei und finden nichts… dabei. Es scheint so, als wenn sie das für das Selbstverständlichste der Welt halten, mitten in Berlin, vor den Augen der Öffentlichkeit, einschließlich der Überwachungskameras, die angeblich sowieso nichts nutzen. (Nur durch sie konnten die Täter überführt werden, kann die Gerechtigkeit hergestellt und können Nachahmer abgeschreckt werden.)

Die Erfahrungen in Deutschland sagen solchen Typen, dass sie absolut nichts zu befürchten haben. Aber Hochmut kommt vor dem Fall, zuerst für das Opfer und dann auch für den Täter durch sein Gefilmtwerden.

Die Kanzlerin hätte das Opfer längst besucht und der Bundespräsident ihre Familie eingeladen, um sich in pastoraler Form für sein Volk zu schämen und der Frau alle erdenkliche Unterstützung zu versichern.

Ja, wenn es nicht bloß einfach nur eine Deutsche wäre, nicht einmal behindert, einfach nur dumpf normal deutsch. Das reicht nicht für die Empathie unserer Repräsentanten, obwohl ihre Politik dafür verantwortlich ist, dass solche Typen in Berlin ungestört ihr Unwesen treiben können.

Und der Täter ist ein Bulgare, vielleicht sogar ein Roma. Na dann ist klar, dass die Veröffentlichung des Videos, die schon viel früher zur Identifizierung des Täters hätte führen können, sechs Wochen verhindert wurde, bis sich ein Mensch bei der Polizei erbarmte und das Video unerlaubter Weise BILD zuspielte. (Er sollte nach der Wende zwo, der Vollendung der friedlichen Revolution von 1989, die diesmal einfach durch Wahlen bewerkstelligt werden kann, das Bundesverdienstkreuz bekommen.)

PS: Wer hat Belohnungen ausgesetzt für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen? Wir brauchen nicht lange zu raten. Der Staat jedenfalls nicht. Das haben private Geschäftsleute getan. 

2. Der Unterhaltsvorschuss für Kinder bis zu ihrem 18. Lebensjahr kommt vorläufig nicht.

Er ist dringend nötig, aber es fehlt an Geld dafür. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, der öfter einmal einen lichten Moment hat, weist darauf hin, dass sich Bundesfinanzminister Schäuble weigert, die Vereinbarung des Koalitionsvertrags umzusetzen, dass EU-Bürger, die in Deutschland arbeiten, nach britischen Vorbild Kindergeld für ihre Kinder, die nicht in Deutschland leben, nur in der Höhe bekommen, die dem Niveau ihrer Heimatländer entspricht. Da käme bei 120 000 Fällen (–> siehe Gedankensplitter 49) schon einiges Geld zusammen, das für den Unterhaltsvorschuss genutzt werden könnte.  

Passiert nicht. Schließlich wären die Profiteure in ihrer Mehrheit deutsche Familien – und was interessieren die einen BRD-Politiker schon groß? – und die, die Nachteile hätten, wären Ausländer. Das geht im Deutschland von heute natürlich gar nicht, egal, was andere große Nationen der westlichen Welt machen.

 

46. (15.12.2016) Ich kauf’ keinen „PC“ – Peoplecar – mehr.

Meine letzten drei Autos waren Golfs, die letzten beiden GTDs. Ich kauf’ keinen VW mehr, obwohl ich mit den Autos zufrieden war und bin, und das liegt an folgender Nachricht, die ich heute in der Zeitung gelesen habe:

VW spricht Englisch: Ab 2022 sollen bei Volkswagen alle internationalen Sitzungen des Managements auf Englisch gehalten werden. Der Konzern will nicht mehr deutsche Spitzenkräfte anziehen.“ (BILD, 15.12.16, S.1)

Wieso „deutsche“? Deutschsprachige müsste es heißen. Ich stelle mir vor, wie Führungskräfte der VW-Töchter Skoda, Seat, Lamborghini, Bentley, Bugatti, Scania, die angefangen hatten, Deutsch zu lernen bzw. ihr Deutsch zu verbessern, weil sie im VW-Konzern etwas werden wollten, nun erleichtert umschwenken auf das Überallspracheinerlei Englisch und das, obwohl zumindest Tschechien und wohl auch Italien mit einer deutschsprachigen Industrietradition enger verbunden sind als mit einer englischsprachigen.

Ich bin überzeugt, dass Sprache das Denken formt – so wie über die Jahrhunderte auch umgedreht: Die deutsche Sprache hatte dem Denken der Ingenieure ihren ganz eigenen und unverwechselbaren Zugang gegeben.

Ich hatte diesbezüglich den Chef des Norwegischen Staatsfonds Yngve Slyngstad schon zitiert in „Zackerbörg oder des Rätsels Lösung“. Ich will es hier wiederholen, weil es so gut passt:

Ich glaube, die Deutschen sind nicht stolz genug auf ihre Sprache. An Heideggers Ausspruch, nur Deutsch und Griechisch seien fürs Philosophieren geeignet, ist vielleicht doch irgendwas dran. Ich glaube jedenfalls nicht, dass es ein Zufall ist, dass es in der Vergangenheit so viele deutsche Denker und Komponisten gab. Oder in der Gegenwart, dass die Deutschen so einzigartig gute Maschinen und Motoren bauen. Die Komplexität ihrer Sprache bereitet sie genau darauf vor.“ (Yngve Slyngstad, Chef des Norwegischen Staatsfonds, in: FAS vom 7.2.2016, S. 40)

Dieser eigene, unverwechselbare deutschsprachige Zugriff der Gedanken soll nun dem Allerweltszugang Englisch weichen. Dann bitte aber konsequent, dann sich nicht außen mit deutschen Sprachfedern („Volkswagen“) schmücken, obwohl innendrin nur noch englisches Denken übrig geblieben ist, das es authentischer bei General Motors und FORD zu kaufen gibt.

Vielleicht kann ich, so gesehen, gar kein „deutsches“ Auto mehr kaufen, weil die Lage bei BMW, Mercedes und Audi nicht anders und Porsche mir zu teuer ist. Kann sein. Aber dann habe ich wenigstens ein authentisches anglophiles Auto und nicht eins, das vortäuscht, ein „deutsches“ zu sein, es sei denn, VW nennt sich 2022 in PC um, dann wär’ es auch wieder authentisch; ich kaufte dann aber trotzdem lieber das US-amerikanische oder asiatische Original. 

 

45. (14.12.2016) Im Land der gewohnheitsmäßigen Missachtung geltender Gesetze oder: Regeln, die nicht durchgesetzt werden, sind schlimmer als gar keine.

Gerade habe ich in den Nachrichten des Deutschlandfunks gehört, dass nicht nur Kinder bis zu ihrem 10. Lebensjahr auf dem Bürgersteig radeln dürfen, sondern nun offiziell auch ihre Eltern bzw. beauftragte erwachsene Begleitpersonen. Als wenn sich vorher irgendjemand daran gehalten hätte!

Menschen jedes Alters fahren auf dem Bürgersteig mit und ohne Kinder! Oft schon habe ich beobachtet, wie Polizeistreifen – natürlich nur im Auto, nicht etwa zu Fuß – das kommentarlos zur Kenntnis nehmen. Wozu neue Gesetze, wenn die alten, die das Gleiche betreffen, sowieso und selbstverständlich nicht eingehalten werden? Was lernen Kinder und Jugendliche aus dieser Erfahrung, die sich alltäglich über die Jahre wiederholt? Die Gesetze dieser Gesellschaft muss ich sowieso nicht ernst nehmen; die Scharia aber sehr wohl, wenn ich in eine Schule gehe, in der genug ihrer Anhänger sind, denn diese spaßen nicht.

Der Leipziger Kabarettist Bernd-Lutz Lange zitiert in seinem Buch „Das gabs früher nicht“ den Satiriker Hans Zippert: „… Kritisiert wurde auch das Verhalten von Fußgängern, die häufig den gesamten Bürgersteig blockierten, sodass für Radfahrer kein Durchkommen sei. Viele der Befragten sind der Ansicht, dass Fußgänger auf die Fahrbahn gehören, damit der Bürgersteig den Radfahrern zur Verfügung steht.“

Er teilt auch eine Erfahrung mit, die genauso von mir stammen könnte:

Ich selbst habe in über fünfundzwanzig Jahren, die ich im neuen Deutschland lebe, in Leipzig – übrigens ein Mal! – eine Kontrolle von Radfahrern durch die Polizei gesehen. In der Petersstraße im Zentrum der Messestadt ist tagsüber das Radfahren verboten. Mitunter sehe ich gerade dort Radler, die Menschen wie Hütchen beim Geschicklichkeitsfahren umkurven.“

Ich ahne schon, wie unsere Oberen das Problem lösen werden, um damit die nervige Meckerei von Leuten wie mir und Bernd-Lutz Lange gegenstandslos zu machen: In Zukunft wird das Fahrradfahren in Fußgängerzonen generell erlaubt, und sie werden mit einem Schild versehen: Fahrradfahrende haben Vorrang, zu Fuß Gehende benutzen die „Fußgänger“zone auf eigene Gefahr!

Und wenn sie schon einmal dabei sind, dann können sie gleich die Silvesterknallerei im ganzen Jahr ohne jede Einschränkung erlauben. Ist ja sowieso schon so. Und das Rauchen auch für Kinder: Schluss mit der spießigen Verbieterei! Die Polizei ist diesbezüglich Vorreiter, sie tut sowieso nichts, wenn sie Minderjährige mit einem Glimmstängel und/oder einer Bierflasche sieht, aber wehe, einer parkt in Leipzig falsch. (Das ist nicht Schuld der Polizisten, sondern der etablierten Politiker, die immer mehr Stellen abgeschafft haben und im Zweifelsfall nicht hinter ihren Polizisten stehen.) 

 

44. (13.12.2016) Sind Christen und andere Gläubige, die an das ewige Leben glauben, schlechte Verlierer?

Ich glaube, ehrlich gesagt, ja und das, obwohl ich befürchten muss, damit meinen Freund R. zu verletzen. Aber was hilft’s? Denken muss erlaubt bleiben, nur so gewinnen wir Klarheit im Welten- und Seelenwirrwarr. Wir Menschen sind schon erstaunlich widersprüchlich in sich, zum Beispiel wir beide. Ich kann und will akzeptieren, dass irgendwann Schluss ist, dass mein Leben zu Ende ist, nur mit dem einem Aber: Wenn ich Glück habe, lebe ich in der Seele von Menschen, die mich liebten (und ich sie wahrscheinlich auch), noch eine Weile fort, aberaber auch das hat sein unweigerliches Ende (→ 11. Gedankensplitter):

Die meisten wissen noch nicht einmal, wo und wie ihre Urgroßeltern gelebt und was sie gemacht haben.“

Ein Federballspiel kann ich allerdings nur schlecht verlieren: Ich kann nur schwer akzeptieren, dass es jetzt und für heute unwiderruflich zu Ende ist und ich keine Chance mehr haben soll, doch noch einen Gewinn zu erzielen.

Damit kann mein Freund R. viel besser umgehen: Für heute ist unwiderruflich Schluss, und das kann er sogar dann ohne Seelenpein akzeptieren, wenn er verloren hatte (was selten genug passiert). Aber dass das Leben nach dem Tod zu Ende sein soll, das sieht er nun gar nicht ein. Das Spiel soll nicht aufhören, sondern auf einer höheren, überirdischen Liga in einer Endlosschleife weiterlaufen. Das ist für mich keine Verheißung, sondern eine Bedrohung; alles muss ein Ende haben, sonst wird es belastend, so schön es auch war. Es kann sogar nur deswegen schön gewesen sein, weil es ein Ende hatte, und zwar ein „richtiges“, unwiderrufliches.

Das macht mir nicht Angst, sondern es tröstet und beruhigt mich eher, und der Sinn meines Lebens erhöht sich sogar, wenn ich weiß, ich habe nur jetzt meinen Auftritt, nur diese eine Chance, mein Inneres zur Geltung zu bringen. Das Wissen, dass es hinter der Bühne oder über ihr nicht weiter geht, wenn der Vorhang gefallen ist, hilft mir, das gespielte Stück richtig ernst zu nehmen, und so lange ich mitspielen kann, dies mit vollem Einsatz, der ja auch ein vertiefter sein kann, zu tun.

An das ewige Leben zu glauben, finde ich kindlich, wenn nicht kindisch, ähnlich wie meinen Widerstand, ein (verlorenes) Spiel mental abzuhaken (und unser Leben ist doch nie vollständig und rundherum gewonnen).

 

43. (5.12.2016) Vier Landessprachen reichen nicht: Ich muss wieder umschalten.

Am Sonntagabend wollte ich nach langer Zeit wieder einmal einen Tatort sehen, diesmal vom Bodensee, einen deutsch-schweizerischen. Schon im Vorspann erklingt englischsprachige Musik. Ich muss umschalten, ich ertrage das nicht. Ich schalte auf Phönix. Es geht um Island. Eine lange Weile hält der Sender durch, dann erklingt auch dort ein englischsprachiges Lied. Ich informiere mich im Internet:

Isländisch (íslenska) ist eine Sprache aus dem germanischen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie. Sie ist die Amtssprache in Island. Derzeit wird Isländisch von circa 300.000 Menschen gesprochen. Bis heute hat sie viele historische Eigenschaften bewahrt. Der isländische Sprachpurismus sorgt dafür, dass Fremdwörter durch isländische Wortschöpfungen ersetzt werden. Über die Reinhaltung der Sprache wachen die Isländer so sehr, dass es oftmals sowohl die isländischen Begriffe als auch deren fremdsprachlichen Varianten in der jeweiligen Fachsprache gibt, obwohl dieses in der Zeit, da die Informatik die Welt mit neuen Wörtern überflutet, nicht hundertprozentig durchgesetzt werden kann.“  http://www.island-profi.de/de/island-sprache/

Obwohl das so ist, sucht die Redaktion eines deutschen Nachrichtensenders bei einem Film über Island natürlich kein Lied in isländischer Sprache heraus, sondern in… russischer, Entschuldigung, ich war ein bisschen in den Zeiten verrutscht; aber das kann es ja auch nicht ganz sein: Die DDR hatte sich selbst in den höchsten Zeiten der Abhängigkeit vom großen Bruder Sowjetunion niemals so russifizieren lassen, wie sich die Westdeutschen – mit Lust – amerikanisieren ließen.

Dazu passt dann auch dieser Nachtrag zum vorigen Gedankensplitter (Die Matheleistungen deutscher 10-Jähriger liegen unter dem EU-Durchschnitt):

Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe unter Berufung auf den Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) berichtet, sollten von den 317 neuen Stellen beim BKA für dieses Jahr 120 durch Kommissaranwärter besetzt werden. Bislang traten aber nur 62 ihre Ausbildung beim BKA an.

Grund dafür ist nach Angaben des BDK-Vorsitzenden Andre Schulz vor allem der Rechtschreibtest im Aufnahmeverfahren, an dem viele der Bewerber trotz Abitur scheiterten. “Die Hürden bei der Aufnahmeprüfung wurden schon in den vergangenen Jahren bei der Polizei in den Ländern und beim Bund gesenkt: sei es beim Mindestalter, bei der Mindestgröße oder beim Sporttest”, sagt Schulz. “Wenn nun auch der Deutschtest reduziert oder gar abgeschafft wird, muss man sich schon fragen, was mit unserem Bildungssystem nicht in Ordnung ist.”

Walter Jens (1923 – 2013):

Wenn es so weiter geht, dann können die Deutschen in zehn Jahren nicht mehr richtig Deutsch und noch nicht richtig Englisch.“ (Sprachnachrichten Nr. 72 [IV/2016], S. 20)

 

42. (1.12.2016)Wir verprassen Oma ihr klein Häuschen“

(unmetaphorisch gesagt: den Wohlstand des deutschen Volkes und seiner Gäste), singen die, die sich in Deutschland etablieren konnten, im Chor und Frau Merkel dirigiert ihn.

Wie komme ich drauf? Ganz aktuell durch die Meldung, dass die Matheleistungen deutscher 10-Jähriger unter dem EU-Durchschnitt liegen (TIMSS-Studie 2015).

Das ist der eine Grund für die Gefährdung unseres gewohnten Lebensstandards:

Die hier gültige Erziehungsphilosophie, dass Lernverweigerer damit belohnt werden, dass der Unterricht immer lustbetonter werden und alles entfernt werden muss, was die Schüler anstrengen könnte. Sie führt ins Desaster. Für ein erfolgreiches Lernen brauchen Menschen Pflichtbewusstsein, das sie über Durststrecken tragen kann, bis das Lernen wieder Spaß macht, weil durch die „erzwungene“ Beschäftigung mit einem Lerngegenstand, ein Lerner nun langsam zu begreifen beginnt, dass er ja doch interessant ist.

Wenn der Sprössling nörgelt: „Ich habe aber keine Lust, das Einmaleins oder das Gedicht zu lernen! Was soll dieser uralte Scheiß denn?“, müssten Eltern und Lehrer, die sich wenigstens die Hälfte des Selbstbewusstseins bewahren konnten, das „ihre“ Kinder, weiter rasant steigend, schon erreicht haben, nicht zu umständlichen Überzeugungsversuchen ansetzen, warum das auch heute noch nötig und interessant ist, sondern sie müssten einfach sagen: „Du brauchst auch keine Lust zu haben, das interessiert mich, ehrlich gesagt, überhaupt nicht. Hauptsache, du lernst es, dann und dadurch wirst du schon merken, dass es dir gefällt und wenn immer noch nicht, ist das dein Pech und dein Problem und nicht meins. Ob du es gelernt hast, interessiert mich aber sehr, das kontrolliere ich genau und bevor du nicht das und das geschafft hast, gibt’s kein Playstation, kein Fernsehen o.ä.“

(Na gut, einen kleinen Überzeugungsversuch können Eltern und Lehrer schon vor der strikten Anweisung unternehmen, aber lassen Sie sich nicht auf eine langatmige Diskussion ein, die nur einem dient: Dem Vermeiden von Anstrengung. Kinder sind clever, und Eltern und Lehrer verantwortlich dafür, ihnen die Welt beizubringen, und zu der gehört Anstrengung, nicht nur dann, wenn gerade die Lust darauf jubiliert: Der Appetit muss nicht immer schon vorher da sein, er kommt auch beim Essen.)

Das wär’ mal ein vorgeführtes Selbstbewusstsein, und Kinder lernen immer noch am meisten durch die Nachahmung der Menschen, die für sie wichtig, ihnen nah sind und die sie beeindrucken, z.B. durch eine solche unaufgeregte Konsequenz.

Das ist schwierig in einer Welt, in der „Goethe!“ ein gängiges Schimpfwort unter den Jugendlichen in Deutschland geworden ist. Da müssen die Alten schon zusammenhalten.

Wer steht, wie immer, ganz vorn in der internationalen Rangreihe der Matheleistungen 10-Jähriger? Die asiatischen Länder Singapur, Hongkong, Südkorea, Taiwan, Japan. (618 – 593 Punkte) Als erstes europäisches Land kommt Nordirland (570), dann Russland, das mit 564 Punkten signifikant – “überzufällig“ – besser ist als Deutschland mit seinen 522 Punkten (EU-Durchschnitt: 527). („Die Praxis ist das Kriterium der Wahrheit“, hatte schon Wladimir Iljitsch zu Recht gesagt, und nicht der Grad, wie gut sich eine Theorie anhört, in der viele schöne Worte vorkommen.)

Finnland gehörte bei den vorherigen Studien zu den Spitzenreitern, es steht mit 535 Punkten immer noch über Deutschland, ist aber stark zurückgefallen. Ich habe eine Hypothese, warum: Inzwischen ist dort auch die moderne westliche Lernkultur mit vielen Frei- und Projektarbeiten angekommen. Die vorherigen Studien hatten noch geerntet, was der Unterricht früher in Finnland zu den Fähigkeiten und Kenntnissen der Schüler beigetragen hatte: er war nämlich straff lehrerzentriert und erfolgte zumeist frontal. Gleich geblieben sind die kleineren Klassen als in Deutschland und das gemeinsame Lernen bis zumindest zur 8. Klassenstufe.

Was ist das Gemeinsame an der Lernkultur aller führenden Länder, besonders der asiatischen? Dort sind Lehrer und Eltern, die streng auf die Lernleistungen ihrer Kinder achten, kein Fall fürs Jugendamt, wenn sie zugleich auch gerecht und einfühlsam sind. Dass das beides zusammen gut möglich ist, versuche ich in allen meinen Büchern zu erklären.

Mit der Paukerei wird es dort aber wahrscheinlich tatsächlich übertrieben (ich war noch nicht da), es kann jedenfalls nicht gut sein, wenn schon Kinder an jedem Tag bis zum späten Abend lernen müssen. Ich wär’ da viel gelassener und würde sagen: Streng’ dich an, aber was du trotz ehrlichen Bemühens und trotz Hilfe nicht bis zum Abend in deinen Kopf gekriegt hast, so dass deine Nachtruhe noch lang genug ist und du dich auch einmal bei Spiel und Spaß entspannen konntest, hast du eben nicht drin. Da müssen Eltern, Lehrer und Kinder die Realitäten anerkennen, wie sie nun einmal sind, aber sie sollen sich bitte auch nicht zu schnell täuschen lassen:

Manchmal sind die Lücken im Schulwissen und in den Lerngewohnheiten nur schon zu groß und ein Kind wäre intellektuell durchaus in der Lage, das zu bewältigen, was es jetzt aus diesen anderen Gründen nicht schafft. Dann muss langsam mit ihm die Disziplin beim Lernen (wieder) eingeübt werden: Weniger verlangen, aber das konsequent und es Schritt für Schritt ausbauen.

“Das Ideal einer Schule wäre für mich erreicht, wenn es ein solches gegenseitiges Wohlwollen zwischen Lehrern, Schülern und Eltern gibt, dass sowohl Schüler wie Lehrer ehrlich bekennen können: ‘Ich hab’ es gestern einfach nicht mehr ganz geschafft, meine Hausaufgaben zu machen, meinen Unterricht vorzubereiten: Wir schauen jetzt zusammen, wie wir das hinkriegen.’ Das geht natürlich nur mit Menschen, die Rücksicht und Umgangsformen kennen, die Unsicherheiten nicht sofort mit Lautstärke und Disziplinlosigkeiten füllen müssen. Ich jedenfalls möchte dieses ‘Gesetz’: Nach 18 Uhr gibt es keinen Stress mehr, weder für Schüler, noch für Lehrer – und wie immer bestärken Ausnahmen die Regel.“ (R.H.: Pädagogisch inkorrekt. Erziehungsnotstand in Deutschland. Leipzig 2010, S. 47.)

Grundsätzlich geht es schon um eine Kultur der Leistungsbereitschaft, stabilisiert durch Pflichtbewusstsein, das im häuslichen Alltag, z.B. beim Grüßen und Danken, bei der Übernahme häuslicher Pflichten eingeübt wird:

‘Lieber mit dem Fahrrad zum Strand als mit dem Mercedes zur Arbeit’

Das lese ich an Häuserwänden und an dieser Lebensphilosophie ist viel dran (abgesehen von der Arroganz, ungeniert einfach das Eigentum der Mitmenschen zu beschmieren), ich persönlich habe dafür sogar etwas übrig. Aber ich sage eindeutig zugleich: Wenn du so leben willst, dann auf deine eigenen Kosten, nicht auf Kosten der Gesellschaft.

Lebenschancen kann man nicht „gegeben bekommen“, man muss sie sich aktiv nehmen, wenn sie auf dem „Buffet des Lebens“ aufgebaut sind. Wer mit ihnen gefüttert werden will, beansprucht für sich als Erwachsener (Eltern) und Schulkind die Baby-Position im Leben.

Je mehr das so machen, desto knapper werden die Babysitter, und sie werden bald nicht mehr reichen, weil sie sich mit Recht fragen, warum sie selbst nicht auch auf die andere Seite des Lebens wechseln sollen: Laut schreien, jammern und einfordern ist doch alle Mal viel bequemer als sich immer wieder aufzuraffen und zur Verfügung zu stehen.“ (R.H.: Die ungezogene Gesellschaft und ihre Herausforderungen. Leipzig 2015, S. 76f.)

Der zweite Grund, der unseren Wohlstand gefährdet:

Unsere politische Führung schüttet unbeirrt weiter unser Geld in ein Fass ohne Boden: die Eurorettung. Die Griechen, zum Beispiel, wären ja dumm, es nicht zu nehmen, da Frau Merkel und ihrem Gefolge ihr Versprechen reicht, nun diesmal aber nun wirklich wenigstens ein, zwei der eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen. Tatsächlich umsetzen müssen sie sie dann ja sowieso nicht und so kriegen sie bald wieder eine neue Tranche, weil nicht sein kann, was nicht sein darf: Das Scheitern des Euro.

Der dritte Grund:

Die Finanzierung illegaler Einwanderer fast auf dem gleichen Niveau wie das, was Inländer, die hier jahrzehntelang gearbeitet und Steuern gezahlt haben, auch bekommen, wenn sie länger arbeitslos sind. Wäre ich Afrikaner, Lateinamerikaner, Araber oder Afghane würde ich auch nach Deutschland kommen, zumindest um die Rückkehrprämie, z.B. bei Afghanen 700 Euro pro Kopf, „abzuschöpfen“. Da kommt bei einer Familie schon ganz schön was zusammen. Diesen Menschen, die aus bitterer Armut kommen, nehme ich es gar nicht übel, dass sie ein solches Angebot nicht abschlagen können. Ich könnte es an ihrer Stelle wahrscheinlich auch nicht.

Wer heute noch „Refugees Welcome!“ verkündet, sollte etwas genauer, persönlicher und konkreter werden: “Welcome to me!” und dann sollte er seine Adresse angeben. Es war schon immer so: Derjenige, der einlädt, muss auch bezahlen. Er kann nicht seine ganze Wohnung mit Gästen überfüllen und dann die Hausgemeinschaft, deren Zustimmung er nicht hatte, die Rechnung zahlen lassen wollen.

Wer in seinem Land politisch verfolgt wird und um seine Gesundheit und sein Leben fürchten muss, soll bei uns ein Dach über den Kopf und Verpflegung erhalten und medizinische Betreuung, was alles schon sehr viel ist, aber kein Geld. Das kann er sich durch kleine Hilfstätigkeiten wie Reinigungsarbeiten, Schneeschippen u.ä. verdienen, und er muss Deutscher werden können mit dann allen Rechten und Pflichten, wenn er unsere Sprache gut beherrscht (wer wirklich will, kann mit Hilfe seines Smartphones schon lange vor den Kursen mit dem Lernen anfangen), ein paar Jahre beweist, dass er unsere Sitten respektiert und nicht kriminell wird.

[Wer unbedingt nach Deutschland will, aber Englisch gelernt hat, dem würde ich seinen Irrtum, dass in Deutsch-Land Englisch gesprochen wird, nachsehen und ihn umgehend in ein Land seiner sprachlichen Wahl weiterleiten. Falls es für ihn einen realen Asylgrund gibt und er unbedingt in Deutschland bleiben will, würde ich ihm Fristen setzen, bis zu denen er wachsende Deutschkenntnisse nachzuweisen hat. Wer gut und schnell Englisch gelernt hat, kann dies auch mit Deutsch, wenn er will. - 13.12.16]  

Wenn Merkels Flüchtlingsphilosophie schon 1940 angesagt gewesen wäre, hätten viele junge französische Männer in Großbritannien Asyl beantragt, weil sie sich von der deutschen Wehrmacht bedroht und unterdrückt fühlten und erst die Millionen russischer Männer, die 1941 mit noch mehr Recht das Gleiche hätten tun können, weil Nazideutschland seinen Krieg in der Sowjetunion ja noch viel grausamer führte. Anstatt dessen haben sie gekämpft, und es war nicht von vornherein sicher, ob sie gewinnen würden, im Gegenteil. Kämpfen ist, zumindest für junge Männer, auch eine Lösung und viele tun es ja auch wie die kurdische Peschmerga gegen den IS.      

[Einen 4. Grund habe ich noch vergessen: Den ideologisch motivierten Ausstieg aus der Atomenergie im hysterischen Eselsgalopp in einer Zeit, in der die Bedeutung der Atomenergie in Europa und der Welt wieder zunimmt. Frau Merkel ist die Mutti aller deutschen Sonderwege: Es gibt kein anderes führendes Industrieland in der Welt, das aus der Atomenergie aussteigt. - 2.12.16]

 

41. (28.11.2016) Ich bin ein absolut häuslicher Typ.

Ich wäre beinahe “zu Hause” geblieben und nicht geboren worden.

Nun bin ich draußen in der Welt und will meine Ruhe und will wenigstens jetzt zu Hause bleiben und von dort losgehen und wieder zurückkommen am liebsten für mich allein, es sei denn, ich könnte noch einmal einen tief vertrauten Menschen finden.

Zum Glück besteht diese Chance schon in Gestalt meiner Enkel.

 

40. (25.11.2016) Respekt ist das Wichtigste

Ich höre am Nachmittag im Auto Deutschlandradio: Kakadu, eine Sendung für Kinder. Denen wird wenigstens ab und zu noch deutschsprachige Musik gegönnt. Heute geht es um Tomi Ungerer, einen elsässischen Schriftsteller und Kinderbuchautor. Was ich über ihn erfahre, beeindruckt mich: Er hat nicht diese süßlichen, schon oberflächlich menschenfreundlichen Geschichten geschrieben, sondern er sagt: „Das Gute kann viel vom Bösen lernen und das Böse vom Guten.“ Kinder können auch Böses im Kinderbuch verkraften und das Gute, politisch und moralisch Korrekte, muss nicht immer schallend, sozusagen mit Marschmusik gewinnen (so drücke ich es jetzt aus).

Eines seiner Bücher handelt z.B. von einem Menschenfresser-Riesen, der immer Hunger hat und am liebsten zarte Kinder verspeist. Ein solches – ein sechsjähriges Mädchen – kocht für ihn ein fulminantes Menü ohne Menschenfleisch und fortan will der Riese nichts anderes mehr essen. Das Mädchen und er heiraten sogar, und sie bekommen einen Jungen, der auch gern an den opulenten Mahlzeiten, die seine Mutter kocht, teilnimmt. Aber nach dem Essen steht er da, hat Messer und Gabel hinter seinem Rücken versteckt und hantiert damit. Kommen da etwa die bösen Erbanlagen wieder durch? Die Antwort bleibt offen.

Oder: Er fabuliert von einer Schweinefamilie, die emsig spart und als der „Sparmensch“ voll ist, schlachtet sie ihn. Das ist böser, inkorrekter Humor; er bringt das Denken in die Gänge. Was mich aber am meisten beeindruckt hat, ist sein Resümee:

Respekt ist das Wichtigste, Respekt vor dem Essen, vor der Arbeit anderer, vor dem, was in der Natur gewachsen ist. Nur so, sagt er, wird Frieden möglich.

Und ich frage mich: Was ist mit dem Respekt vor den Eltern – ein eigenes Gebot in der Bibel -, vor dem Lehrer, vor anderen Erwachsenen, die mit den Kindern zu tun haben. Positiv oberflächlich denkende Menschen sagen jetzt: Wer die Kinder respektiert, wird auch von ihnen respektiert. Das ist leider nicht so. Ihre unbändige Lebenskraft verlangt nach mehr: Sie braucht auch Stärke und Standfestigkeit und daran mangels im Revier.

Ich fürchte, so gesehen, sieht es düster aus mit dem Frieden in Deutschland.

 

39. (24.11.2016) Vergesslichkeit ist schön.

Sie erleichtert das Abschiednehmen. Deswegen hat Gott wahrscheinlich nicht vergessen, sie zu erfinden. Allerdings muss sich der Mensch, den sie betrifft, fügen können, und er darf sich selbst nicht zu wichtig nehmen. Das ist, glaube ich, genau das Gleiche beim Einschlafen-Können. Es geht immer um die Fähigkeit zum gelassenen Loslassen und Annehmen dessen, was ist: Gut, dann schlafe ich jetzt eben nicht und mache was Anderes. Wenn uns unsere Seele diese Gelassenheit glaubt, sträubt sie sich nicht weiter vor dem Hinabrutschen in das Haltlose, Zerbröselnde, in den Verzicht auf das bewusste Kontrollieren der eigenen Gedanken, wie das beim Vergessen, beim Schlafen und beim Todsein ist. (Siehe auch den 11. Gedankensplitter „Der Tod ist stärker als die Liebe“.)

Aber vergessen ist auch schlimm, wenn wir noch etwas leisten müssen und wollen.

Wissen Sie, wie ich auf diesen Gedankensplitter gekommen bin? Plötzlich in den letzten Tagen fiel mir wieder ein, wie positiv es mich berührt hatte, die Bekanntgabe eines Nobelpreises durch das verleihende schwedische Komitee auf Deutsch zu hören. Ich dachte, ich höre nicht richtig und habe sie allerdings in keiner anderen Nachrichtensendung noch einmal auf Deutsch gehört. Typisch Deutschland. Die Systemmedien verwenden lieber das, was sie für das Original halten: die englischsprachige Bekanntgabe, obwohl die, für die sie berichten, deutschsprachig sind. Es ist ihnen unmöglich, sich vorzustellen, dass Deutsch von einem internationalen Gremium gleichberechtigt mit Englisch verwendet wird. Wie konnte ich diesen Triumph für meine geliebte Muttersprache zwischendurch nur vergessen haben? Offenbar, weil ich loslassen kann (siehe oben und → 33.7.).

 

38. (23.11.2016) Das Schamgefühl und die Ehre

Der Verlust des Schamgefühls ist das erste Anzeichen von Schwachsinn“, soll Sigmund Freud gesagt haben. Das wird richtig sein, wenn man bedenkt, dass Menschen erst ab ca. 18 Monaten in der Lage sind, sich zu schämen, weil sie erst ab diesem Alter beginnen, ein Bewusstsein von sich selbst zu entwickeln. Und der, der „schwachsinnig“ wird, der in die Demenz „rutscht“, beginnt, die Fähigkeit, sich zu schämen, wieder zu verlieren.

Und wie ist das mit dem Ehrgefühl? Wenn deutsche Künstler und andere Angehörige der Elite ihrer Nation sich mit Inbrunst zu den kulturellen und sprachlichen Vasallen der US-amerikanischen Kultur machen? (Ich habe gestern in den Nachrichten gesehen, wie hemmungslos sie auf Englisch schluchzen, wenn die USA geruht haben, sie zu bemerken und ihnen einen “Emmy” verleiht.) Jetzt allerdings bekommen sie mit ihrer sprachlich-kulturellen Hörigkeit gegenüber einer scheinbar als selbstverständlich vorausgesetzten Höherwertigkeit des US-Amerikanischen im Vergleich zum Deutschen Schwierigkeiten. Donald Trump ist zum neuen Präsidenten der USA gewählt worden. Dabei ist er ein geradliniger Politiker und Denker. Allerdings ist die Welt krumm. Ob da gerade Linien ein Vor- oder ein Nachteil sind, wird sich noch zeigen.

 

37. (13.11.2016) Ich lebe mein Leben in Schleifen, die zurück führen und dann – hoffentlich – ein kleines Stück weiter „nach vorn“.

Wahrscheinlich meint Rainer Maria Rilke mit folgender Gedichtstrophe das Gleiche:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

Dieser Gedanke durchzieht mein Leben und Schreiben: Auch hier auf dieser Seite hatte ich ihn schon einmal berührt:

Zufrieden… setze ich mich wieder an den angefangenen Gerne-schreib-Text. Gerade hatte ich mich wieder eingeholt, verstanden, was ich bisher schrieb, einem treuen Hütehund gleich, der seine Schafe umkreist und dabei die zurückgebliebenen wieder nach vorn zur Herde treibt…“ (30. Gedankensplitter)

Und zu Beginn des 7. Gesetzes („Zwölf Gesetze der Erziehung“ in Erziehen. Hickethiers Ratgeber, S. 180):

Etwas zu verstehen, ist wie eine Wanderung in das Gebirge der Erkenntnis.

Langsam gewinnen wir an Höhe und Überblick. Dann ist es wichtig,

innezuhalten und ein Zwischenlager aufzuschlagen. Denn wenn wir uns

zu schnell fortbewegen, kommen unsere Seele und unser Geist nicht hinterher.

Das ist wie bei einem Überschallflugzeug am Himmel. Ich habe es

nur durch einen Zufall entdeckt, denn es fliegt lautlos. Nach einer Weile

höre ich den Schall, da ist der Düsenjäger schon nicht mehr zu sehen.

So fühle ich mich manchmal. Ich habe mich selbst überholt. Ich komme

mir nicht mehr hinterher. Wir alle brauchen Ruhe, Zeit und Muse, um uns

selbst wieder einzukriegen, sonst zerreißt es uns, denn eine Seele ist nicht

so leicht vom Körper zu trennen, so lange er lebt, wie der Schall vom Flugzeug.“

Heute morgen um 9.30 Uhr habe ich mich wieder eingeholt. Mich diesbezüglich zu überholen wird noch eine Weile dauern, aber ich werde das, woran ich heute morgen erinnert wurde, wieder mehr in mein Denken einbeziehen. Deutschlandfunk: Essay und Diskurs: Ist Marxens Kapital heute noch aktuell? („Aktuelle Brisanz der Marxschen Kategorie“ von Mathias Greffrath). Marx sei angeblich Murks, das sagten die intellektuellen Schnösel der Neuzeit, nachdem der reale Sozialismus gescheitert war. Mir war immer klar, dass er – höchstens – so viel mit der Marxschen Vorstellung vom Sozialismus zu tun hatte wie der Neandertaler mit dem Homo Sapiens. Honecker und sein Politbüro waren beschränkt, das war ganz offensichtlich; mit einem kühlen analytischen Blick hinter die Erscheinungen der Gesellschaft in ihrer Zeit, den Karl Marx anstrebte, hatte ihre enge ideologische Sicht, die weder willens noch in der Lage war, das Richtige an der gegenteiligen Auffassung zu erkennen, nicht das Geringste zu tun.

(Ähnlich ideologisch verengt ist die Denkkultur in der heutigen BRD. Wer von den heutigen Eliten ist schon ernsthaft in der Lage, sich zu fragen, was könnte richtig an dem sein, was Trump, Marine Le Pen oder Frau Petry sagen. Angesagt ist eine hysterische Abgrenzung von den „Populisten“, ganz ähnlich wie in der DDR von denen, die keinen „Klassenstandpunkt“ hatten oder ihn angeblich verrieten wie Gorbatschow. Da das Verhalten der heutigen „Hetzer“ und „Hatespeaker“, die dem Vorurteil von ihnen schon insofern nicht gerecht werden, indem sie hier in ihrer Mehrheit nicht auf Englisch „haten“, völlig unbegründet und unerklärlich sei, bleiben als seine Ursache bloß genetische Defekte übrig, ähnlich der Vogelgrippe. Warum hassen böse Deutsche bloß gute Flüchtlinge? Da es keine realen Gründe, z.B. massive Fehlentscheidungen der politischen Klasse, dafür geben darf, bleibt nur die biologische Minderwertigkeit der Hetzer und Hater als Erklärung übrig.)

Der Beitrag im Deutschlandfunk zeigt mir, dass Marx keineswegs Murks ist, sondern dass er ein großer Denker war, mit Irrtümern natürlich. So wie jedem, der viel arbeitet, Fehler unterlaufen, muss dies auch bei jemanden sein, der viel und tief denkt. Ich fühle mich rehabilitiert. So bekloppt war ich damals also doch nicht: Es kann nicht richtig sein, dass immer weniger Menschen über immer mehr Reichtum verfügen, weil sie die Produktionsmittel besitzen und die anderen gezwungen sind, ihre Arbeitskraft an sie zu verkaufen.

Wie habe ich mich damals aufgeregt über die Bonzen im Politbüro, die in ihrer Wandlitzsiedlung über einen eigenen Intershop verfügten, in dem sie für Ostgeld Westwaren kaufen konnten. Das war eine schreiende Ungerechtigkeit. Wenn ich das aber mit kühlen Verstand analysiere, verfügten die obersten Bonzen in der DDR nach meiner Schätzung ungefähr über die zehnfachen Geldmittel dessen, was ein Facharbeiter verdiente.

Wie ist das heute? Heute verdient ein Konzern- oder Bankvorstand oder auch ein Fußballprofi oder Schaumeister das über 250fache dessen, was ein Facharbeiter erhält. Das ist einfach nur krank. Man könne das nicht beschneiden, weil die besten Kräfte dann woanders hin gehen würden. Sind das die besten Kräften, die uns die Finanzkrise eingebrockt haben und die das deutsche Nationalvermögen, einschließlich der staatlichen Goldvorräte, gnadenlos weiterreichen und durch eine zukünftige Inflation – alles Leben pulsiert in großen Rhythmen: nach der langen und weiten Inflationsebbe kommt die umso größere Flut – total entwerten? (Immerhin hat sich die Euro-Geldmenge seit Mario Draghis Machtübernahme in der EZB bisher schon verdoppelt und steigt weiter.) 

Wer nicht in einem Land und für ein Land leben will, das alles, was über das Zehnfache (in kurzen, begründeten Phasen auch darüber hinaus) eines Facharbeiterverdienstes hinausgeht, für die Allgemeinheit kappt, der kann mir gern davon gegangen bleiben, den brauche ich nicht, weil er moralisch minderwertig ist. Wenn er einmal gegangen ist wie viele, die unentwegt in deutschen „Shows“ auftreten, dann soll er die Ehre einer deutschen Staatsbürgerschaft erst nach gehörigen Ausgleichszahlungen und vielleicht erst nach 10 Jahren wieder erhalten können. Die Lebensqualität in den deutschen Ländern ist sehr hoch, schon landschaftlich und meteorologisch; wer sie nicht mehr zu schätzen wusste, soll nicht so leicht wieder ihre Vorzüge genießen können.

 

36. (27.10.16) Wir leben in einer „lustigen“ Gesellschaft,

die ihre eigenen Regeln nicht ernst nimmt, geschweige denn durchsetzt. Gestern Abend im Magazin „Exakt“ des MDR. Eine Familie mit 16 Kindern wird vorgestellt. Die älteren, aber noch nicht volljährigen Kinder rauchen im Kinderzimmer. Das ist ein Gesetzesverstoß: Rauchen ist für unter 18-Jährige in Deutschland verboten, egal ob in geschlossenen Räumen oder außerhalb.

[Ich wurde darauf hingewiesen, dass ich mich irre: Das Rauchen für unter 18-Jährige ist laut Jugendschutzgesetz in Deutschland nur in der Öffentlichkeit verboten. Eltern können ihren Kindern demnach tatsächlich erlauben, in der Wohnung zu rauchen. Schade, damit ist den Eltern, die ihre Kinder am Rauchen hindern wollen, ein Stück gesellschaftlicher Rückhalt genommen. Die Sprösslinge können damit argumentieren: Was ich in meinem Zimmer mache, geht keinen etwas an. - 28.10.16]

Für die Journalisten ist das nicht einmal eine Nachfrage wert. Was für ein Bild von Deutschland wird da transportiert: Wenn der Tag lang ist, wird viel beschlossen, aber eingehalten werden muss es sowieso nicht. Das Gleiche bei der schulschwänzenden Tochter. Es wird nicht nachgefragt und recherchiert, warum diese Ordnungswidrigkeit, die offenbar schon lange anhält, von den zuständigen Behörden nicht geahndet wird. So lernen die jüngeren, nachrückenden Kinder: Kann ich ruhig auch machen, passiert sowieso nichts.

Das Land der doppelten Maße: ZDF-Zoom am gleichen Tag: Ein Imam fordert die Gläubigen seiner Moschee in Deutschland auf, einen „Verräter“ zu ermorden. Er bietet 200 Euro für jeden Messerstich. Wenn sich kein Gläubiger finde, dann soll ein dummer Deutscher dafür gekauft werden: „Die Kosten werden übernommen“. Obwohl alles dies in der Moschee öffentlich geschieht, das Leben eines Menschen konkret bedroht und die Moschee vom Verfassungsschutz beobachtet wird, ermittelt der deutsche Staat nicht und der Imam kann ungestört weiter Hass predigen. Wenn aber jemand auf Facebook Bürgermeister als „Deppen“ bezeichnet, weil sie sich für die Aufnahme von Asylbewerbern eingesetzt haben, die ihnen nun Schwierigkeiten bereiten, kommt die Staatsmaschine sofort in Gang. Er wird zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.

Deutschland – du mieses Stück Scheiße!“ oder “Deutschland verrecke!” darf man hier sagen und schreiben auf Internetseiten und Häuserwände. Dort, z.B. in Leipzig, steht es Monate lang. Wie lange würde wohl da stehen “Frankreich, Polen… ” oder „EU … “? Die Empörung wäre riesengroß. Gute Menschen hätten es längst überpinselt und würden Preise dafür bekommen; die Polizei würde ermitteln. Aber wenn’s bloß das eigene Land ist… Das hat offenbar keine Würde und braucht sie in den Augen der eigenen politischen Klasse, wie’s scheint, auch nicht. Dabei gehört es zum elementaren psychologischen Grundwissen, dass nur Diejenigen (Personen und auch Nationen), die sich selbst wertschätzen, mit anderen – wirklich – das Gleiche tun können.

       

35. (21.10.16) Deutschland ist unwichtig und nachgeordnet in der EU.

Das lässt sich an fast jedem Abend in den Nachrichtensendungen des Fernsehens feststellen. Kommt die EU mit einem ihrer repräsentativen Gebäude ins Bild, steht dort in großen Lettern der „Europäische Rat“ und/oder “Europäische Kommission” nur in Englisch und Französisch, auf der Seitenwand eines Hochhauses auch in Spanisch.

Ich finde es für die Seele und den Charakter gar nicht so schlecht, sich ein- und unterordnen zu können und bescheiden im Hintergrund zu bleiben. Nur sollte das dann für alle Bereiche gelten, auch den finanziellen zum Beispiel: Finden wir uns also endlich damit ab, dass wir unwichtig und nachrangig in der EU sind. Es lebt sich auch gut als kleines Land, wie Luxemburg beweist. Passen wir unseren Beitrag in den EU-Haushalt an, tun wir uns auch hier nicht so wichtig: Die großen “Player” – dieser Anglizismus ist hier nur logisch – sind Großbritannien, Frankreich und Spanien. Frühestens nach ihnen sollten wir mit der Höhe unseres EU-Beitrags kommen (vielleicht lassen wir bescheiden auch noch Italien den Vortritt).

[Da ich mir nicht sicher bin, ob die deutsche "Kleinmannssucht" nicht schon so im Denken seiner Bürger angekommen ist - und die DDR allein war ja in der Tat ein eher kleines Land - , dass sie das vorher Geschriebene gar nicht mehr als Ironie verstehen können, sondern für bare Münze nehmen, hier noch einmal die Fakten: Die Deutschsprachigen sind in der EU die mit weitem Abstand größte Sprachgemeinschaft, ungefähr doppelt so viele wie Englisch- oder Französischsprachige. Deutschland zahlt den bei weitem größten Beitrag in den EU-Haushalt ein. Im Jahr 2014 hat es 15,5 Milliarden Euro mehr eingezahlt, als es zurückbekommen hat. Frankreich folgt mit großem Abstand mit weniger als der Hälfte (7,2 Milliarden). Danach das Vereinigte Königreich (4,9 Milliarden, also nicht einmal ein Drittel des deutschen Überschusses), dem das aber so viel zu viel ist, dass es sich aus der EU verabschiedet, wodurch der Beitrag für Deutschland, der sowieso ständig wächst, noch einmal extra anwachsen wird. Deutschland zahlt netto also weit mehr in die EU ein als Frankreich und Großbritannien zusammengenommen. Zum Dank dafür wird seine Sprache gegenüber Englisch und Französisch massiv benachteiligt und das, obwohl, abgesehen davon, weitere deutschsprachige Länder, nicht nur Österreich, sondern auch Länder, in denen Deutsch eine der Amtssprachen ist (Luxemburg, Belgien und Italien), Mitglieder der EU sind und die deutschen Muttersprachler die mit Abstand größte Sprachgruppe bilden. Ich habe das Gefühl, die wirtschaftliche Dominanz Deutschlands in der EU ist so groß, dass seine offiziellen Vertreter geflissentlich vermeiden wollen, auch noch den Eindruck einer sprachlich-kulturellen Dominanz entstehen zu lassen. Es geht aber nicht um Dominanz, von der die Realität, zumindest in sprachlich-kultureller Hinsicht, sowieso meilenweit entfernt ist, es geht um Gleichberechtigung, um das Ende einer jahrzehntelangen Diskriminierung. Gelingt dies nicht endlich, ist es weiter so, dass ein wirtschaftliches Plus einer Nation, das den anderen ja schon durch ihre höheren Beiträge zugute kommt, außerdem noch mit einem kulturellen Minus dieses "Strebers" ausgeglichen werden muss: Weil du so gut bist, musst du dich noch mehr zurückhalten, das hast du nun davon. Strafe für Leistungsfähigkeit, das kann und darf nicht sein. - 28.10.16]      

Sieht es diesbezüglich bei den Vereinten Nationen nicht ähnlich aus? Wir sind der drittgrößte Beitragszahler, aber unsere Sprache gehört nicht zu den sechs offiziellen UN-Arbeitssprachen (Arabisch, Chinesisch, Französisch, Englisch, Russisch, Spanisch). Nicht ganz, denn hier hat Deutschland, genauer gesagt die Bonner Republik, selbst verhindert, dass Deutsch zur sechsten UN-Amtssprache aufstieg. Im Artikel „Warum Deutsch so wichtig ist“ habe ich mich schon darauf bezogen:

“Ich hatte – ich glaube, es war 1973 – mit klopfendem patriotischen Herzen dem ‘Neuen Deutschland’ entnommen, dass die deutschsprachigen Länder, nachdem die BRD und die DDR gleichzeitig in die Vereinten Nationen aufgenommen wurden, nun gemeinsam den Antrag stellen würden, Deutsch zu einer offiziellen Weltsprache, zu einer Amts- und Arbeitssprache der Vereinten Nationen zu machen. Jetzt lese ich bei Wolf Schneider: ‘… Da zusammen mit Österreich nunmehr drei deutschsprachige Staaten der UNO angehörten, erwarteten viele Mitglieder ganz selbstverständlich ihren Antrag, Deutsch zur sechsten Amts- und Arbeitssprache der Vereinten Nationen zu machen… Da Deutsch immer noch das Esperanto Osteuropas war und in Asien sein Ansehen nie eingebüßt hatte, standen die Chancen für eine Mehrheit in der Vollversammlung nicht schlecht. Aber der Antrag wurde nie gestellt – und auf den sechsten Platz rückte das Arabische vor.’ (Speak German! Warum Deutsch manchmal besser ist. Rowohlt 2008, S. 112f.) An der DDR (siehe ‘Neues Deutschland’) lag es offensichtlich nicht.”

Und an Österreich und der Schweiz bestimmt auch nicht. Wieso Deutschland sich damals selbst torpediert hat, wird – hoffentlich! – eine zukünftige deutsche Regierung aufklären, sachlich und ohne Schaum vorm Mund.

 

34. (10.10.16) Es sind ja bloß Fahrräder!?

Ich komme auf meinem Weg in den Park kurz vor dem Straßenbahnhof an einem kleinen Flüsschen vorbei. Es ist eine vielbefahrene und -begangene Straße. Ich schaue von der Brücke ins Wasser. Dort liegt ein Fahrrad, nicht neu, aber auch nicht alt, offenbar funktionstüchtig mit allem, was dazu gehört.

Hätte ich zu DDR-Zeiten deswegen die Polizei angerufen, wäre das, glaube ich, für sie ein Thema gewesen. Heute würden die Beamten wahrscheinlich sagen: „Na und? (Oder die, die besonders fortschrittlich sind bzw. für die Deutsch zu schwer ist: So what?) Was geht’s uns an? Wir haben Wichtigeres zu tun!” (Womit sie nach den systematischen Personalkürzungen der vergangenen Jahre ja auch recht hätten.)

Ein paar Meter weiter an der Straßenbahnhaltestelle ein in Folie regengeschützter Zettel: „Bitte hier keine Fahrräder abstellen! Sie werden geklaut!!! (Auch mitten am Tage und wenn sie abgeschlossen sind.)“

Früher war mehr Vertrauen.

 

33.7. (24.11.2016) Das schwedische Nobelpreiskomitee tümelt Deutsch

Ich habe aus Wikipeda Folgendes kopiert (die Vorgeschichte dazu steht im 39. Gedankensplitter):

„Da es keine öffentliche Nominierung gibt und die Preisträger schon vor der Preisverleihung bekanntgegeben werden, genießt der Preis am Tag der Bekanntgabe sehr große Aufmerksamkeit. Die Bekanntgabe der Preise findet traditionell Anfang bis Mitte Oktober statt. Die Preise werden üblicherweise in folgender Reihenfolge bekanntgegeben:

  • Medizin: Die Bekanntgabe findet an einem Montag Anfang Oktober im Wallenberghörsaal des Karolinska-Instituts statt. Sie ist prinzipiell für die Öffentlichkeit zugänglich. Allerdings erhalten mittlerweile Besucher mit Presseausweis bevorzugt Einlass, während alle anderen Besucher nur Restplätze erhalten. Die Veranstaltung war zuvor so gut besucht, dass nicht alle Besucher einen Sitzplatz fanden. Traditionell wird die Bekanntgabe in den Sprachen verlesen, die Alfred Nobel selbst sprach: SchwedischEnglisch,Französisch, Deutsch und Russisch. An die Bekanntgabe schließt sich eine Präsentation der Arbeit der Preisträger sowie eine Pressekonferenz an. Unterdessen werden die offiziellen Pressemitteilungen ausgegeben.
  • Physik: Die Bekanntgabe findet im Gebäude der Akademie der Wissenschaften statt, wobei es sich um eine Pressekonferenz handelt, zu der normalerweise nur Pressevertreter zugelassen sind, so dass die Anzahl der Zuhörer kleiner ist. Die Bekanntgabe erfolgt auf Schwedisch, Deutsch und Englisch. Im Anschluss wird die Arbeit des bzw. der Preisträger präsentiert. Sofern möglich, wird eine Telefonverbindung zu einem der Preisträger hergestellt, damit er vor der anwesenden Presse einige Fragen beantworten kann. Sollte einer oder mehrere der Preisträger nicht aus einem englisch- oder schwedischsprachigen Land kommen, sind die Pressemitteilungen auch in deren Sprache verfügbar. Als Termin wird üblicherweise der Tag nach der Bekanntgabe des Medizinpreises gewählt.
  • Chemie: Der Ablauf ist im Wesentlichen derselbe wie bei Physik. Der Termin ist üblicherweise der Tag nach der Bekanntgabe des Physikpreises.
  • Frieden: Einige Tage später wird der Preisträger des Friedenspreises in Oslo bekanntgegeben. Üblicherweise wird hierfür ein Freitag gewählt.
  • Literatur: Während die Termine der Pressekonferenzen für die anderen Preise schon Wochen vorher feststehen, wird der Termin der Bekanntgabe für den Literaturpreis traditionell erst wenige Tage vor deren Stattfinden öffentlich gemacht. Üblicherweise wird ein Termin nach dem Chemienobelpreis gewählt, meist ein Donnerstag. Ort der Bekanntgabe ist ein Saal im oberen Stockwerk der Schwedischen Akademie in der Altstadt Stockholms. Zur Zeit der Bekanntgabe tritt der Ständige Sekretär der Akademie aus einer Tür und verliest nach einer sehr kurzen Begrüßung stehend den Preisträger sowie die Preisbegründung. Dies erfolgte in der Zeit des Ständigen Sekretärs Horace Engdahl (1999-2008) wie beim Medizinpreis in den Sprachen, die Nobel selbst sprach: SchwedischEnglischFranzösischDeutsch und Russisch. Seine Nachfolger Peter Englund (2009-2014) trug es nur noch auf Schwedisch, Englisch sowie in der Sprache des jeweiligen Preisträgers vor. Sara Danius (seit 2015) verliest die komplette Erklärung in Schwedisch und Englisch, die Begründungen darüber hinaus auch auf Französisch und Deutsch. …“

Und jetzt, im Herbst 2016, habe ich die Bekanntgabe der Nobelpreisverleihung wieder auf Deutsch gehört (–> 39. GS). Gegen diesen Gebrauch mehrerer internationaler Wissenschafts- und Kultursprachen müssen die deutschen Universitys (of Applied Science), die Englisch in vielen Fällen bereits zur einzigen Sprache ihrer Forschung gemacht haben und dies nun auch noch auf die Lehre übertragen wollen, aber entschieden protestieren, auf Englisch natürlich.

 

33.6. (18.11.2016) Nachlese zum sprachlichen Landesverrat

Ich bin kein Eiferer und kein Purist, sage selbst ab und zu „okay“ oder „cool“ („kühl“ würde in der Tat weniger ausdrücken), aber die vorauseilende Wichtigtuerei mit englischen Versatzstücken geht mir so auf die Nerven, dass ich doch noch etwas nachliefern muss:

Ich musste zu einem Vortrag, Im Auto höre ich meistens Deutschlandfunk. Gestern Nachmittag eine Sendung zu Wissenschaft und Technik: Es geht um einen neuen Raumgleiter, an deren Entwicklung die Europäer mitbeteiligt sind. Sein Vorteil: Er könne auf allen Flughäfen – ein Wunder, dass jetzt nicht von „Airports“ die Rede war – mit geeigneten

ranwäs

landen. Warum bloß sind Roll- oder Landebahnen nicht mehr gut genug?

Ein Stau, ich stehe still. Ich schalte wegen dem Verkehrsfunk auf MDR 1 um, einen Sender, den ich normalerweise ganz und gar nicht mehr höre. Vor ein paar Jahren wechselten sich dort englisch- und deutschsprachige Schnulzen im Verhältnis 1:1 ab. Das war auch schon krank, wenn man bedenkt, dass es für die älteren Zuhörer genug deutsche Schlager und Chansons gibt und gegen ein paar französische oder russische ja auch nichts auszusetzen ist. Jetzt kommt höchstens ein deutschsprachiger „Song“ auf zwei englischsprachige. Wahrscheinlich setzt die Musikredaktion die kulturelle Umerziehung der Deutschen freiwillig fort, obwohl der zweite Weltkrieg längst zu Ende ist.

Dort höre ich dann in einem Bericht über den Elektro-Golf, dass der

pönt of ritörn,

wenn mehr Elektrofahrzeuge hergestellt werden als welche mit Verbrennungsmotoren dann und dann erreicht sei. „Wendepunkt“ kennt der Autor nicht. Ich frage mich, wann er in Bezug auf die deutsche Sprache erreicht ist. (Wenn ich jetzt bei Google nachschaue, gibt es dort nur einen „point of no return“, der Punkt, an dem eine Umkehr nicht mehr möglich ist. Sollte ich mich verhört haben? Aber auch das hätte natürlich auf Deutsch ausgedrückt werden können und müssen.)

Oder das ständige Gerede von

Ei Tie,

das ist die Abkürzung von Informationstechnologie und müsste demnach „Ie Tee“ ausgesprochen werden. Nirgendwo zeigt sich die Mentalität, das Lebensgefühl einer Zeit und einer Gesellschaft, persönliches und gemeinschaftliches Selbstbewusstsein oder das Gegenteil davon so deutlich wie in solchen Kleinigkeiten und angeblichen Nebensächlichkeiten.

Ich bin trotz allem zuversichtlich: Die deutsche Sprache ist stark, sie lässt sich nicht von ein paar Angebern und Wichtigtuern unterkriegen, zumal es noch einen anderen “point of return” gibt:

Irgendwann kippt es um, dass die Deutschen alles mit sich machen lassen und das dauert nach meinem Gefühl nicht mehr lange.   

 

33.5. (13.11.2016) Ich geb’s auf: Ich komm’ mit den Anglizismen nicht hinterher.

Das hatte ich ja gleich befürchtet. Diese verlogene und sich selbst verleugnende Gesellschaft hebt immer weiter ab. Der kulturelle Bodenkontakt reißt. Es ist wie anno dazumal, als der Adel unter sich französisch sprach und der Pöbel nicht verstehen konnte und sollte, was sie sich erzählten. Ähnlich geht es heute einfachen Menschen, die für das Verfolgen einer Gesprächsrunde im Fernsehen („Talkschau“) oder für das Verstehen der Hintergrundmusik „deutscher“ Filme Wörterbücher brauchen; kein Wunder, dass sie sich solche „Shows“ nicht mehr antun.

Luther hatte seiner Kirche vor 500 Jahren gesagt, „schaut dem Volk aufs Maul!“, hört auf mit eurer abgehobenen internationalen, lateinischen Wichtigtuerei, predigt deutsch. Fürwahr ein Reaktionär, er hätte die Bibel gleich ins Englische übersetzen sollen, wenn es nach den Eliten des heutigen Zeitgeistes in Deutschland gehen würde.

Das, was ich hier bisher im 33. Gedankensplitter aufgeführt habe, kann und soll vorläufig reichen. Es steht exemplarisch für die Entfremdung und Entfernung der deutschen Eliten vom einfachen, aber nachdenklichen Volk der Deutschsprachigen, gerade auch der, die sich diese Sprache erst mühsam angeeignet hatten. Das „dumme Volk“, das nicht nachdenkt, kann gar nicht genug Anglizismen bekommen; da schließt sich der Kreis zwischen den „dummen“ Eliten und dem „dummen“ Pöbel.

 

33.4. (21.10.16) Da bin ich aber eingesnapt.

Gestern Abend auf Dreisat. Es ging um die „dunkle Materie“. Gar nicht so leicht zu fassen, die dunkle, böse. Eine Astrophysikerin erklärte das damit, dass wissenschaftliche Untersuchungen ja immer nur einen „snapshot“ ermöglichen würden. Ich denke, ich höre nicht richtig. Warum hat sie das schöne deutsche Wort „Schnappschuss“ entsorgt? Wo ist der Erkenntnisgewinn von

“snepshot” (9)

gegenüber Schnappschuss?

Muss ich mich wundern? Wir kennen ja auch schon lange kein Fotoschießen mehr, in meiner Jugend noch normal, sondern nur noch

“Foto Schuting” (10).

Mal sehen, wie lange es dauert, bis es in Deutschland kein Autoparken mehr gibt, sondern nur noch ein “car parking”.

Anstatt einer europäischen Fußballliga gibt es nur noch eine

europäische

“lieg” (11),

„europäisch“ inkonsequenter Weise noch auf Deutsch und nicht Englisch.

Meisterliga“ – wie ehrlich und direkt könnte sich das anhören und es wäre auch noch kürzer. Aber nein, es muss natürlich eine

“Schämpienslieg” (12)

sein. 

 

33.3. (7.10.16) Abgehärtete / hartgesottene Gebirgsradler auf dem Steinmann-Weg

lassen sich im Erzgebirge auch durch das raue Herbstwetter nicht von ihrem Sport abhalten. So habe ich es gerade im Sachsenspiegel des MDR gehört und gesehen, allerdings hieß das dort so: „Hardcore-Mountainbiker (würden trotz des Wetters weiter) auf dem Stoneman-Road Rad fahren“, Entschuldigung, “biken” natürlich; ich hatte einen Moment vergessen, dass ich in Deutschland deutsches Fernsehen gesehen habe, öffentlich-rechtliches, da kann man natürlich nicht einfach “radeln”, da muss man

“beiken” (8).  

 

33.2. (2.10.16) Die hereinstürzenden Züge der Deutschen Reichsbahn und das Licht

Ich traue den emsigen und strebsamen „Ich-weiß-was!“-Vertretern meines Volkes zu, dass sie die Eilzüge der Deutschen Reichsbahn von anno dazumal auch noch im Nachhinein in „braeking trains“ umtaufen, geradeso wie es heutzutage keine „Eilmeldungen“ mehr gibt, sondern nur noch

bräcking njus“ (6),

hereinbrechende Neuigkeiten, sozusagen.

Gestern Abend auf Phönix eine sehr gelungene Dokumentation über James Simon, den großen jüdischen Deutschen, einen inzwischen fast vergessenen Mäzen, der dem Ägyptischen Museum in Berlin unter anderem die Nofretete schenkte. Zweimal wurde sie im Film als

haileit“ (7)

bezeichnet.

Wie verflacht – in dieser Beziehung – muss man sein, nicht zuerst in den Tiefen der eigenen Vorratskammer nach passenden Wörtern zu suchen, sondern dem Nachbarn lieber gleich auffällig flatternde Sprachstücke von der Wäscheleine zu klauen. „Höhepunkt“ wäre schon einmal die bessere Bezeichnung gewesen, wenn es ein ganz besonderer sein soll, hätte auch „Glanzstück” bzw. “Glanzlicht“ oder „Lichtblick“ gepasst. Aber das reicht alles nicht den eifrigen Verächtern der eigenen Sprache – wahrscheinlich ist es den Textautoren bei diesem Film unbewusst, sozusagen nebenbei („by the way“) passiert. Aber auch das ist schlimm genug, es zeigt, wie unachtsam wir inzwischen mit unserer eigenen Sprache umgehen.  

 

33.1. (1.10.2016) Das Standing ist priblisitelno (ganz schön) wacklig

Weil ich mich immer so ärgere über die beflissene Unterwürfigkeit, mit der Vertreter unserer politischen, medialen und wirtschaftlichen Klasse ihre eigene Mutter-Sprache missachten und sich dafür bei der angesagten englischen Tante einschleimen, fallen mir dann oft vor lauter Emotionen keine Beispiele ein, um das zu belegen.

Deswegen schreibe ich sie jetzt immer in diesen 33. Gedankensplitter und werde sie regelmäßig ergänzen (werde gar nicht hinterherkommen).

Gestern in der Tagesschau: Der Chef der Commerzbank nimmt mit ernster Miene Stellung zu den Problemen seiner Bank: Sie würden alles nach dem

stend of sie art“ (1)

tun. Ich erinnere mich, dass es noch vor gar nicht langer Zeit selbstverständlich war, zu betonen, dass alle Maßnahmen, zum Beispiel auf medizinischem Gebiet, dem „Stand der Kunst“ entsprechen würden.

Wahrscheinlich sind die deutschen Banken in den letzten Jahren immer „erfolgreicher“ geworden, weil sie sich durchweg amerikanisieren ließen, in jeder Beziehung. Auf einer der letzten Hauptversammlungen der Deutschen Bank, wo einer der beiden damaligen Geschäftsführer, ein Inder, den Rechenschaftsbericht vortrug, sagte dieser nach ein paar Worten auf Deutsch, er bitte um Verständnis, dass er diese „schwierige Materie“ nun lieber weiter in seiner Muttersprache, Englisch, vortragen wolle. Habe ich volles Verständnis dafür, wenn er nicht gerade ein Repräsentant der Deutschen Bank gewesen wäre. Abgesehen davon, dass die jetzige Nummer 1 der Deutschen Bank, ein sympathischer Brite, ein perfektes Deutsch spricht, geht es mir mit diesem Verweis um Folgendes:

Warum haben die Deutschen so selten den Mut, zu sagen, dass sie eine komplizierte Materie lieber in ihrer Muttersprache, auf Deutsch, vortragen wollen? Haben sie kein Lebensvertrauen, auch keins zu professionellen Fachübersetzern? (Ich dachte bisher, dass es eine Spezialität der ehemaligen DDR-Deutschen sei, heimwerkerisch alles selbst machen zu wollen. Irrtum, die Westdeutschen streben genauso danach, zumindest bei der Umwandlung des Deutschen in Englisches.)

In irgendeiner Gesprächsrunde, bei uns Talkschau genannt (meistens geht es ja in der Tat mehr darum, eine Schau aufzuführen oder sie jemand zu stehlen, anstatt ernsthaft und respektvoll miteinander zu reden): Jemand hätte kein gutes

stending“ (2).

Ich dachte, Englisch würde bevorzugt, weil es knapper und damit effektiver etwas Gemeintes ausdrücken könne. Diesmal nicht: „Er hat keinen guten ‘Stand’“, ist kürzer und war immer selbstverständlich, bevor die Deutschen, die ihre Sprache selbst abschaffen wollen, immer mehr zur Eisenbahn – zum Zug – gekommen sind.

Schon lange ärgere ich mich über die

pulposischen“ (3).

Warum wird nicht einfach „Spitzenposition“ gesagt, dann käme auch kein armes Kind auf die Frage, was die „poolposition“ mit dem „swimminmg pool“ zu tun hat.

Bei der

quolifeiing“ (4)

erfolgt die Anbiederung vor allem lautlich und nicht so sehr mit den geschriebenen Buchstaben. Was ist an „Qualifizierung“ schlecht? Ich kann’s Ihnen sagen: es hört sich nicht so angeberisch und wichtigtuerisch an wie „Quolifeiing“.

Der Vizekanzler aller Deutschen vor ein paar Monaten in der Tagesschau: Irgendetwas sei

ebaut eraund“ (5)

so. Meine alte Mutter versteht dieses Wort nicht. Ich sage ihr: „priblisetelno“. Versteht sie leider auch nicht. Zu alt für Englisch und Russisch. Ich nehme mir vor, Leuten, die mir mit „about around“ kommen, bei Gelegenheit mit „priblisitelno“ zu überraschen, damit sie dann auch so dumm aus der Wäsche gucken wie all die älteren Leuten, die dieses Land aufgebaut haben und nun verwundert feststellen, dass sie seine Sprache von Jahr zu Jahr immer weniger verstehen. Das ist wie mit der Sozialdemokratisierung der CDU. Sie ist immer weiter auf die linke Seite gerutscht, so dass rechts ein Vakuum entstanden ist. Genauso ist es mit der Sprache: Das ganze Deutsche rutscht immer weiter ins Englische, so dass ein deutschsprachiger Leerraum entsteht, eine Unfähigkeit und Unwilligkeit, für Neues, egal ob es technischer oder kultureller Art ist, Worte und Wortverbindungen der eigenen Sprache zu finden und/oder zu bilden.

Eine Sprache, die so nicht mehr wachsen darf, stirbt, langsam und unsicher. „Plattenspieler“ war noch selbstverständlich. CD- oder DVD-Spieler geht schon nicht mehr. Es muss unbedingt ein „Player“ sein. Natürlich wächst eine Sprache auch, indem sie Fremdwörter einbürgert. Das beides, die Bezeichnung von Neuem durch Übernahmen aus anderen Sprachen und durch Neubildungen in und aus der eigenen Sprache, muss in einer guten Balance sein. Würde die „Zylinderkopfdichtung“ heute erfunden, hätte sie bestimmt einen englischen Namen, auch dann, wenn sie in einem deutschsprachigen Land entwickelt worden wäre.

Ein Glück, dass das vor 100 Jahren noch anders war. Und so hat(te) sich die größte deutsche Fluglinie (“Airline”) einen schönen, starken Namen in der ganzen Welt gemacht: „Lufthansa“. Nicht eine einzige Fluglinie aus deutschsprachigen Ländern hat in den letzten Jahrzehnten einen Namen erhalten, der auch nur aus einem deutschen Wort bestünde. Bewahre! Undenkbar! Anstatt dessen wimmelt es nur so von austauschbaren, schwachen Anglizismen wie „Air“ und „Wings“. Ein Glück, dass unsere Vorfahren noch nicht so “modern” und “flexibel” – wahrscheinlich sollte ich besser sagen: unselbstbewusst – waren, wie es die meisten Vertreter unserer Eliten heute in Bezug auf ihre eigene Sprache sind.  

 

32. (17.09.16) Ich habe einen neuen Helden: Konfuzius

Da habe ich nun heute Vormittag meinen Vortrag beim 11. Sächsischen Grundschullehrer- und Erziehertag des Sächsischen Lehrerverbandes in Dresden gehalten. Er hat mich insgesamt, auch wenn es keiner glaubt, mindestens 50 Stunden Vorbereitungszeit gekostet. (Das ergibt ein Honorar weit unter dem Mindestlohn.)

Ich habe Angst vor dem Versagen und formuliere bei solchen “offiziellen” Terminen sicherheitshalber alles genau aus, dadurch komme ich vom Hundertsten ins Tausende und habe Riesenprobleme, mich wieder einzufangen.

(So bald nicht wieder. Jedenfalls wenigstens nur zum doppelten Mindestlohn. Schließlich bin ich hochqualifiziert [Dr. habil.]. Sonst geselle ich mich zum trauten Verein der Menschen, die hier in Deutschland, habe ich das Gefühl, immer mehr werden: die sich nicht mehr ausliefern und stellen wollen – sie wollen ihre Ruhe, keine Angst mehr vor dem Versagen haben. Auch ich hab’ mir diese Ruhe verdient, bin bald Rentner. Allerdings beim Schreiben liefere ich mich noch gern aus. Das ist die Art, mich öffentlich einzubringen, die mir noch am meisten liegt.)

Mein Vortrag heute Vormittag: Eine seiner Quintessenzen war: Nur durch Rituale kann der Zusammenhalt einer Gemeinschaft, angefangen mit der Familie über den Kindergarten und die Schule, gewährleistet werden und nur dadurch wird sie attraktiv für Noch-Außenstehende, dazu gehören zu wollen.

Durch Rituale, Umgangsformen und Zeremonien, die von Kindesbeinen schon in den Familien, Kindergärten und Schulen eingeübt und gepflegt werden, können die Zentrifugalkräfte einer Gemeinschaft wachsen, die verschiedensten Charaktere zusammenzuhalten, zu zivilisieren und zu kultivieren.

Und da sehe ich heute Abend auf Arte eine Dokumentation über Konfuzius. Sie hat mich sehr beeindruckt und gibt – vielleicht – meinem Leben auf meine alten Tage noch einmal eine neue Wendung.

Stellen Sie sich – zum Beispiel – das einmal vor: Die Schüler verbeugen sich vor jeder Unterrichtsstunde vor ihrem Lehrer, nicht einmal, sondern viele Male, und nicht ein bisschen, sondern richtig tief. Können sie ihn danach noch missachten? Kaum möglich, wenn sie sich nicht selbst ad absurdum führen wollen. Und ein schlecht vorbereiteter Lehrer, wird er am nächsten Tag wieder so antreten, nachdem er erlebt hat, welchen Vorschuss an Ehrung ihm seine Schüler entgegenbringen?

Wir alle sind dem Zufall unserer Geburt ausgeliefert. In welche Zeit wirft sie uns? Welche Eltern haben wir? In meiner Jugend in der DDR war zum Beispiel Maxim Gorki präsent und meine junge lebens- und liebesgierige Seele hat ihn aufgesaugt, ich habe ihn als einen meiner ersten Helden angenommen, danach Anton Semjonowitsch Makarenko, den großen „preußischen“ Pädagogen aus der Sowjetunion (Ukraine), dann durch den Deutschunterricht in der Erweiterten Oberschule Johann Wolfgang Goethe. Die Schilderungen der Naturliebe in „Die Leiden des jungen Werther“ hatten mich sehr beeindruckt, ebenso wie der Mephistopheles im Faust. Später kamen Karl Marx und Friedrich Engels dazu, die ich beide nach wie vor für große Philosophen halte – wer darüber die Stirn runzeln möchte, soll mir erst einmal beweisen, dass er die „Dialektik der Natur“ von Friedrich Engels auch nur halbwegs verstanden hat. Noch später: Thomas Mann und Hermann Hesse.

Viele, die meiner Seele vielleicht noch näher sind, habe ich nicht kennengelernt. So ist das, so geht es uns allen, auch in Bezug auf konkrete Lebens- und Liebespartner. Irgendwo ist da draußen ein Mensch, der total zu mir passen würde; leider kennen wir uns nicht.

Jetzt immerhin und wenigstens habe ich Konfuzius kennengelernt. Das, was ich mal von ihm aufgeschnappt hatte, gefiel mir schon immer. Aber ich bin langsam. Ich hänge zu lange fest mit „Sachen“, mit denen ich mich gerade beschäftige. Ich kann nicht so schnell umschwenken. Ich habe leider zu wenig Zeit, mich in Neues, das mich fasziniert, zu vertiefen. Jetzt werde ich es mit Konfuzius tun. Ich möchte den VDH gründen, einen „Verband der Hickethiere“. Da wird Konfuzius eine große Rolle spielen. (Wie das beides zusammenhängt, dazu später einmal.)

 

31. (7.9.16) Die übliche Litanei und ein Haus im Wald

Gestern Abend im ZDF, im Frontal21-Magazin die übliche Jammer-Litanei: Der Leistungsdruck wäre so gestiegen in den deutschen Schulen, dass sich immer mehr Schüler fürchteten, hinzugehen und die Schule lieber verweigerten. Ich stelle sie mir vor, die 12, 13, 14-Jährigen, die nachts vor Angst in ihren Betten wimmern, weil in ihren Alpträumen immer wieder der strenge Lehrer auftaucht, der sie mit dem Rohrstock bedroht, den er im Schulschrank mit lässiger Selbstsicherheit nur notdürftig versteckt hat und den er jederzeit dort herausholen kann. Dass einige von ihnen trotzdem tatsächlich Angst vor der Schule haben, liegt vor allem daran, dass sie sich vor den strengen Anforderungen angesagter Mitschüler fürchten. Die Lehrer können die Bedrängten unter ihren Schülern nur schlecht schützen, weil sie selbst vom gleichen Typ Schüler und Eltern bedroht und angegriffen werden, von einer Arroganz der Dummheit, ohne dass ihnen die Gesellschaft dabei zur Seite springen würde. Im Gegenteil, sie zitiert Lehrer, die eine elementare Disziplin im Unterricht gewährleisten wollen, vor Gericht (–> 29. Gedankensplitter)

Grundsätzlich ist die Realität so, dass seit 1968 die Rechte der Schüler in Deutschland immer weiter gestärkt wurden, dass die Konzepte eines „schülerorientierten“, partnerschaftlichen Unterrichts mit immer längeren Phasen selbstbestimmten Lernens in der Projekt- und Freiarbeit im gleichen Maße gewachsen sind, wie die elementaren Kenntnisse deutscher Schüler zum Gebrauch ihrer eigenen Muttersprache und beim Rechnen seitdem immer weiter zurückgingen. (Die ungezogene Gesellschaft, S. 8f.) Woran liegt das? Gab es vor 1970 weniger Leistungsdruck in deutschen Schulen, der erst danach zunahm und die Schüler nun lähmte und hinderte, leistungsfähiger zu werden? Es gibt ein Wort, dass das Schulschwänzen und die mangelnde Leistungsbereitschaft viel besser erklärt: Überdruss.

Es ist nicht damit getan, einem demotivierten Kind immer noch ‘schmackhaftere’ Angebote zu machen, damit es nun vielleicht doch Interesse und Lust an einer Sache findet. Das ist ein Teufelskreislauf wie bei einer völlig überfütterten Katze, der immer feinere Delikatessen angeboten werden müssen, damit sie überhaupt noch etwas frisst. Da hilft nur eins: Ihr wenig und ganz normales Futter anzubieten. Sie wird es natürlich beleidigt in den ersten Tagen verschmähen und sehr vorwurfsvoll durch die Wohnung schleichen. Nach ein paar Tagen wird sie aber dieses Wenige, Normale, nicht künstlich Versüßte oder Aromatisierte zu schätzen wissen, wenn sie nicht von einem, der es ‘gut meint’, heimlich doch wieder Leckereien bekommt.

Genauso ginge das mit Menschenkindern, die mit ‘interessanten’ Angeboten überschüttet wurden und die gerade deswegen bei der ersten kleinen Durststrecke jedes Mal wieder aussteigen, weil sie genau wissen, dass sie ‘dafür’ nun noch interessantere Angebote bekommen werden. Eine Mutter allein hat es schwer, ihr Kind auf gesunde Naturkost zu setzen. Es gibt zu viele, die es ‘gut meinen’ in unserer sich vereinzelnden Gesellschaft. Sie sind ausgehungert nach Liebe, so dass sie sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, die Dankbarkeit eines Kindes einzuheimsen, dem sie heimlich doch wieder ‘Süßes’ zustecken.“ (Die ungezogene Gesellschaft, S. 46)

Ich fühle mich unter Pädagogen und Psychologen zuweilen einsam, böse und schlecht, weil ich mir und anderen das Schuleschwänzen vor allem so erkläre und nicht psychische Krankheiten suche, die dazu führen, dass die armen Kinder, völlig schuldlos daran, nun eben nicht anders können und sich deswegen die Schule und die Welt für sie radikal ändern müssten, damit sie es selbst nicht müssen: sich ändern, sich entwickeln.

Da naht ein Lichtblick, eine völlig andere Konzeption, wie auch ich sie vertrete. Die Redaktion hat offenbar nicht verstanden, dass sie hier zwei entgegengesetzte Konzepte zusammengeschnitten hat, die sich gegenseitig ausschließen: a) Wir brauchen noch mehr Psychologen und ihre Helfer, die für jedes einzelne Kind den Widerspruch zwischen dem, was es selbst will, und dem, was die Gesellschaft in seinem Alter von ihm fordert, überbrücken und zwar so, dass sich die Gesellschaft dem Kind anpasst. b) Ein Haus im Wald, das Hofgut Rössle im Südschwarzwald, fünf Kilometer von der nächsten Bushaltestelle entfernt. Keine Armada von hauswirtschaftlichen Hilfskräften “umsorgt” die Kinder und Jugendlichen, sondern diese versorgen sich selbst, stehen um 6 Uhr auf, die eine Gruppe bereitet das Frühstück für alle vor, die anderen melken inzwischen die Kühe, per Hand natürlich. Handy, Fernsehen und Computer sind verboten, damit die Jungen (Menschen) zu sich selbst finden können. (Das müssten sich mal “normale” Eltern ohne den Rückhalt eines solchen pädagogischen Systems erlauben wollen – da wär’ die Hölle los und so manches “unterdrückte” Kind würde vielleicht den Polizeinotruf wegen Nötigung wählen –> siehe den 29. und 22. Gedankensplitter.) 

Zum Unterricht im eigenen Haus danach gehen nur die, die sich bei den praktischen Hauswirtschafts-, Garten- und Landwirtschaftsarbeiten bewährt und das Recht dazu erarbeitet haben, nur sie dürfen zur Schule gehen. So wird ein Schuh daraus, so wird die Welt wieder vom Kopf auf die Füße gestellt: viel besser als Worte motiviert die Anstrengung bei der praktischen, schmutzigen Arbeit, sich hochzuarbeiten für das Recht, im „Büro“, im Klassenraum, zu sitzen, um dadurch noch weiter zu kommen und später vielleicht sogar wieder auf eine ganz normale Schule im alten Wohnumfeld gehen zu dürfen. (Genau das beschrieb einer der Jungen, ein Dreizehnjähriger, als sein aktuelles, großes Lebensziel.)

Ich sehe sie schon vor mir, die Anwälte, die sich auf diesen „Skandal“, dass Kindern angeblich das Recht auf Bildung vorenthalten wird, stürzen wollen, wenn sie nur gut genug von Verbänden dafür bezahlt werden, ähnlich wie sie Asylbewerber mit Erfolg vertreten, damit diese nicht zu 1-Euro-Jobs gezwungen werden können, so lange sie wie die Hartz-4-Empfänger auf Staatskosten leben. Sie werden es zum Glück nicht so leicht haben, denn selbst der Frontal-Redaktion hat es schließlich gedämmert, dass Kinder und Jugendliche erst außerhalb des Unterrichts viel lernen gekonnt haben müssen und dass die Überdrüssigen diese Erfahrung aufs Neue brauchen, bevor sie das Lernen im Unterricht (wieder) wertschätzen können und dass damit gerade der zeitweise Unterrichtsentzug pädagogisch und therapeutisch die beste Möglichkeit ist, diesen Kindern und Jugendlichen ihr Recht auf Bildung dauerhaft und nachhaltig zu verschaffen.

 

30. (4.9.16) Wie ich das hasse oder: Ich heiße Albert Hasenklei

Da saß ich am Computer, hatte eine anstrengende, aber notwendige Schreibarbeit gerade beendet und freue mich auf den Text, den ich nun gerne schreiben möchte (diesen hier). Ich weiß, die Gedanken werden wie von allein kommen, ein Satz wird den nächsten erzeugen. So fühle ich mich wohl, weil ich mein Inneres, meine Gedanken und Gefühle in die Welt zurück entlassen kann, woher sie in mich gekommen sind. Manche wissen es nicht mehr: Aber keiner möchte immer nur „genudelt“ werden von der Welt, mit immer billigeren Nudeln, wir alle möchten etwas zurückgeben, das Angemästete wieder loswerden. Jeder Mensch möchte sich auf seine Weise darstellen, sein Eigenes ausdrücken und nicht immer nur vollgestopft werden mit dem, was in seiner Zeit angesagt ist. Da sind das Internet und die sozialen Medien die Rettung.

Ich habe diese „Gedankensplitter“ als eine geeignete Form für mich entdeckt. Wie viel besser geht es mir da als Autoren früherer Jahrzehnte. Sie haben geschrieben und gehofft, dass es der Verlag nimmt. Dann hat es noch eine Ewigkeit gedauert, bis es gedruckt war. Allerdings, wer sich einmal einen Stand erarbeitet hatte, so wie ich in den letzten Jahren der DDR in der „Weltbühne“ und als Erziehungsberatungskolumnen-Schreiber der Leipziger Volkszeitung und später der Sächsischen Zeitung, der konnte beim Schreiben ein ähnlich hochfliegendes Gefühl haben, wie ich es jetzt habe, wahrscheinlich sogar noch ein stärkeres, weil Zehntausende diese Texte lasen. Jetzt sind es zwar viel weniger, aber dafür bleiben die Texte stehen, werden nicht weggeworfen wie eine alte Zeitung, und auch ein Leser, der später noch hinzukommt, kann alle nachlesen.

Und: Ich kann jetzt sehr viel ehrlicher sein als auf gedrucktem Papier, wobei die Denkverbote und Tabus, die Unantastbarkeit heiliger Gedankenkühe nach der Wende eher noch zu als abgenommen haben. Ich jedenfalls konnte in den offiziellen Medien des DDR-Systems frecher und weiter vom Denküblichen abweichen, als das heute in den Hauptmedien der Etablierten möglich ist. Das ist jedenfalls mein subjektiver Eindruck; jeder gewinnt ja seine eigene persönliche Wahrheit, je älter er wird. (Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich keinen Platz mehr in den Hauptmedien der Etablierten habe, da verklärt man leicht das Alte.)

Während ich diese – im Prinzip angenehmen – Gedanken hege, die mich abgehalten haben, direkt loszulegen mit der Formulierung eines neuen „Splitters“ (es stimmt tatsächlich: ein Satz erzeugt bei mir den nächsten und dabei so manche Umleitung und Abschweifung, weil das, was ich da parallel sehe, mir auch so interessant vorkommt, dass ich nicht stringent auf der Hauptstrecke bleiben kann und will), fällt mir ein, dass ich ja noch die Belege für das 2. Quartal an meinen Steuerberater schicken muss. Verdammt!

Ich hatte Kontoauszüge und Rechnungen ordentlich in Monatsordner heruntergeladen und konnte sie nun ziemlich schnell in den Anhang hochladen, wohl wissend, dass wieder einige fehlen werden, aber ich habe zum Glück eine nette, geduldige Bearbeiterin. Zufrieden und mit dem Gedanken, dass das so schlimm ja gar nicht war, setze ich mich wieder an den angefangenen Gerne-schreib-Text. Gerade habe ich mich wieder eingeholt, verstanden, was ich bisher schrieb, einem treuen Hütehund gleich, der seine Schafe umkreist und dabei die zurückgebliebenen wieder nach vorn zur Herde treibt, überfällt mich siedend heiß der Gedanke, dass ich ja erst die „halbe Miete“ der ungeliebten Steuerberichtserstattungspflicht, zu der mich mein Deutschland verdonnert hat, erledigt habe. Ich muss ja auch noch die papiernen Belege für das 2. Quartal heraussuchen, in einen Umschlag stecken und abschicken. Ich mache es mir schon einfach, sortiere sie nicht, sondern stecke sie einfach alle zusammen in den Umschlag, was mich allerdings eine Menge Geld kostet.

Mein Gott, bin ich also wieder in den Niederungen des wirklichen deutschen Lebens angelangt. Ich brauche schon jedes Mal Minuten, um auf den Tankquittungen und Postwertzeichenabrechnungen das Datum zu entdecken und zu entziffern. Kann ich nicht einfach meine Personaldokumente wegwerfen und sagen, ich hätte vergessen, wer ich bin (was noch nicht einmal so weit von der Wahrheit entfernt wäre)? Ich bin mir nicht sicher, aber könnte ich nicht z.B. auch Albert Hasenklei heißen und z.B. 15 Jahre alt sein (dann hätte ich noch zehn Jahre Anspruch auf Kindergeld). Es werden sich bestimmt deutsche Wissenschaftler finden, die beteuern, dass meine Weisheitszähne, auch die schon gezogenen, kein wirklicher Beweis dafür sind, dass ich entschieden älter bin. Dann wäre ich endlich aus dem Schneider, könnte tun, was ich selber wirklich will. Das ist doch ein Menschenrecht oder gibt es irgendwo etwas Kleingedrucktes, wo steht, dass dieses für alle gilt, außer für deutsche Steuerzahler (jedenfalls für die von diesen, denen es nicht gelang, satt mit ihrem Establishment anzubändeln)?

Wohlgemerkt und ausdrücklich: Ich nehme es keinem übel, clever zu sein und das Beste für sich aus seinem gesellschaftlichen Umfeld herauszuholen; er müsste ja dumm sein, wenn er es nicht täte. Aber ich nehme es einer staatlichen Verwaltung übel, die es Menschen ermöglicht, gut zu leben, auch nachdem sie absichtlich ihre Personaldokumente entsorgt haben. Dieses Recht muss dann für alle gelten, die in Deutschland leben. Natürlich werden tatsächlich Brieftaschen geklaut mit allen Personaldokumenten und gehen Geburtsurkunden nicht erst auf der Flucht, sondern schon bei Umzügen verloren. Dann muss derjenige aber alles tun, um dem Staat zu helfen, seine Identität zu klären. Ein Verschränken der Arme und ein Pochen auf Rechte reicht dann nicht und wenn doch, muss es für alle gelten, auch für die, die hier schon jahrzehntelang Steuern bezahlt haben.

Ich werde meine Personaldokumente aber wohl trotzdem nicht wegwerfen; ich habe schon zu lange Rentenpunkte gesammelt auf meinen richtigen Namen. Aber wie sieht das mit den entschieden Jüngeren aus in einem Land der doppelten Identitäten, in dem die Engagiertesten der Etablierten nach dem Inlandsgeheimdienst, dem Verfassungsschutz, rufen, wenn jemand freiwillig Flagge zeigt – außerhalb sportlicher Großereignisse für die eigene Nation? Darüber muss sich keiner wundern, wenn er sich erinnert, dass die Bundeskanzlerin bei der letzten Bundestagswahl, die ihre Partei gewann, ihrem damaligen Generalsekretär die Deutschlandfahne entwand, mit der dieser naive Schelm doch glatt den Sieg in Deutschland feiern wollte. (Zum Glück alles gefilmt und dokumentiert, sonst würde sich mein gesunder Menschenverstand weigern, es zu glauben.) Mit der EU-Fahne oder auch noch der USA-Fahne hätte er bestimmt wedeln dürfen, aber doch nicht mit der eigenen…                          

    

29. (30.08.16) Jetzt ist es passiert, und der Lehrer ist vom Amtsgericht Neuss tatsächlich verurteilt worden (siehe den 22. Gedankensplitter),

wenn auch unter dem Vorbehalt, dass er eine Weiterbildung, wie mit undisziplinierten Schülern umzugehen sei, nicht absolviert. [In der 2. Instanz wurde er nun freigesprochen. Ganz so abgedriftet von der Lebensrealität sind die Gerichte also doch noch nicht. - 19.02.2017]

Mich rufen Lehrerkollegien ja ab und zu auch zu Weiterbildungen. Ich würde einen solchen Lehrer in seinem Mut zur praktischen, realen und wirklichen Konsequenz bestärken. Sein einziger Fehler könnte gewesen sein, dass diese Maßnahme zuvor nicht vom Lehrerkollegium gebilligt und beschlossen und die Eltern darüber nicht informiert wurden. Die meisten Mütter und Väter erkennen nach meinen Erfahrungen, dass eine solche Konsequenz im Interesse der Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kinder ist, wenn die Lehrer partnerschaftlich mit ihnen darüber diskutieren, auf „einer Augenhöhe“, sozusagen von (Profi-)Pädagoge zu (Laien-)Pädagoge. Lehrer und Eltern können sich ihre verantwortliche Arbeit, die entscheidend ist für die Zukunft einer Gesellschaft, ungemein erleichtern, wenn sie sich gegenseitig einen guten Willen unterstellen und akzeptieren, dass keiner von ihnen immer alles richtig machen kann und sie sich trotzdem – bzw. gerade deswegen – gegenseitig (weiter/wieder) vertrauen.

Die Schüler selbst sind aber nicht gleichberechtigte Partner ihrer Eltern und Lehrer, sondern auf deren Führung, auf ein „Schluss jetzt mit der Diskussion!“ angewiesen, weil sie als Menschen zwar natürlich gleichwertig sind mit den Erwachsenen, auch mit denen, die für ihre Erziehung verantwortlich sind, aber nicht gleichberechtigt. Das gilt erst recht, wenn sie noch minderjährig sind: dann sind sie doppelt „Untergebene“, freundlicher ausgedrückt: „Schutzbefohlene“, die gerade deswegen unbesorgt lernen und spielen können, weil sie sich selbst noch nicht um die tragenden Strukturen ihres Lebens kümmern müssen (Wie sorge ich für Nahrung und Unterkunft? Wann und wie lange gehe ich in die Schule und wann nicht? Wann und wie lange geht die Unterrichtszeit, wann sind die Pausen und die Ferien? U.ä.). Nicht sie tragen die Hauptverantwortung für ihren Bildungserfolg, sondern ihre Lehrer und Eltern. Wer aber die Verantwortung trägt, muss auch über Mittel verfügen, sich durchzusetzen, die über immer ausgefeiltere Kommunikationsmethoden, einen Partner von etwas zu überzeugen, hinausgehen.

Das ist, Herr Richter, selbst bei den mündigen Erwachsenen so: Sie müssen als Mitarbeiter den Weisungen ihrer Chefs in der Firma folgen. Da in der Schule Arbeitsverweigerungen nicht mit Gehaltskürzungen geahndet werden können, jedenfalls bei den Schülern nicht und diese auch nicht (fristlos) gekündigt werden können, müssen die verantwortlichen „Chefs“ in der Schule, die Lehrer, über spezielle, pädagogische „Zwangsmittel“ verfügen, um die Erledigung schulüblicher Anforderungen durchzusetzen. Diese werden im Wesentlichen in der Ausweitung der Schulpflichtzeit auf Kosten der persönlichen Freizeit der minderjährigen Schüler liegen. Wenn das klar ist und alle Verantwortlichen in einer Gesellschaft, einschließlich der Justiz, keinen Zweifel daran lassen, bekommt auch die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern und ihre Verbesserung wieder einen Sinn, aber nur dann, weil Menschen, die echt und direkt sind wie Kinder und Jugendliche, sich ernsthaft nur auf die Konfliktlösungsgespräche einlassen, die zu etwas führen, weil die Gesprächspartner ihnen etwas zu sagen haben – im doppelten Sinn dieser Redewendung – und etwas zu entscheiden, das tatsächliche und konkrete Auswirkungen auf ihr Leben hat.

Der Richter hätte also in seinem Urteil noch verfügen müssen, dass der verurteilte Lehrer nicht zu irgendeiner pädagogischen Weiterbildung gehen soll, sondern zu einer, die von Leuten geleitet wird, die ähnlich verwirrt sind wie er selbst. Wenn sich durchsetzt, wie dieser Richter geurteilt hat, sollten Richter, die Störer ihrer Verhandlungen mittels Zwangsmaßnahmen daran hindern wollen, in Zukunft auch zu psychologischen Weiterbildungen verpflichtet werden, wie sie einfühlsamer und konstruktiver auf solche Störer eingehen können, damit diese erst gar nicht negativ auffallen. Sie werden dann erkennen: Wer nicht schon als Kind dazu erzogen wurde, sich an Regeln zu halten, wenn nötig, auch durch „Zwangsmaßnahmen“, geht verloren für eine Welt, die auf Verlässlichkeit und Verbindlichkeit beruht. Dieses lebensnotwendige soziale Training erschweren sie selbst, wenn sie unsolidarisch mit (anderen) Erziehungsverantwortlichen urteilen, weil sie glauben, jeder Zwang sei per se unpädagogisch (dann müssten sie auch die Schulpflicht juristisch kippen); sie züchten sich so ihre zukünftigen Störer selbst heran.

In einer sich zunehmend weiter vereinzelnden Gesellschaft wird Erziehung immer schwieriger. Es gibt nur eine Rettung: Die Stärkung der solidarischen Gemeinschaft aller Erziehungsverantwortlichen, von (Groß)Müttern und (Groß)Vätern, Lehrern und Erziehern, von Mitarbeitern der Polizei und Justiz, nicht gegen die Kinder und Jugendlichen, sondern für sie, um ihnen den nötigen Halt zu geben, damit sie nicht aus der Lebenskurve fliegen.

 

28. (27.08.16) Kinder sind noch beziehungsfähig und -willig.

Das Adler-Schiff legt ab von der Seebrücke Bansin. Ein vielleicht 10-jähriger Junge und ein jüngeres Mädchen winken, als das Schiff quer zum Steg beigedreht hat, um sich dann auf den Weg nach Heringsdorf zu machen. Keiner der vielen, die auf der Seebrücke dieses Manöver verfolgen, winkt zurück. Auch ich nicht, ich käme mir dumm vor – bin ich denn ein Kind? Oder etwa sogar ein „Kinderfänger“, der sich winkend einschleichen will in das kindliche Vertrauen? Fast ein wenig erschreckt hört der Junge auf, als er merkt, dass sein Winken ohne Resonanz bleibt. Das Mädchen winkt noch eine kleine Weile weiter, bis auch ihr Mut gewichen ist, Beziehungen zum unbekannten Mitmenschen aufzunehmen. Traurig, wie schnell Menschliches erstirbt, wenn es keine Antwort erhält.

 

27. (26.08.16) Die Schönheit, die Ruhe und die Macht

Es ist herrlich. Ich habe im verschachtelten Kaiserhofhotel in Heringsdorf einen schönen, ruhigen Balkonplatz auskundschaftet, oben neben dem Wintergarten. Ich habe eine weite Sicht über die Bäume an der Promenade hinweg rechts bis hin nach Stettin und links bis zur vorstehenden Küste hinter Bansin. Das Hotel hat vorzügliche Gärtner, so dass zu diesem Schaugenuss noch die vielfachen Farben der Pflanzen in den Blumenkästen, insbesondere ihr Rot hinzukommen. Dann plötzlich geht’s los: Ein Rasenmähertraktor nähert sich der Fläche vor dem Hotel. Unentwegt und gnadenlos fährt er hin und her, obwohl der Rasen bereits kurz geschoren ist.

Verzweifelt denke ich: „Sensenmann, leihe deine Sense doch bitte den deutschen Grünflächenämtern. Du brauchst sie dann ja auch nicht mehr so viel bei den Menschen, die dadurch nicht mehr irre werden müssen am grassierenden Lärmterror. Genug Arbeitskräfte, die die Sense bedienen können, müssten wir ja inzwischen haben. Und auch ihnen wäre geholfen, wenn sie etwas Nützliches tun könnten. Wenn ihr euch dazu nicht durchringen könnt, dann erlasst bitte wenigstens ein Verbot, dass Gartengeräte mit Verbrennungsmotoren pro Tag nicht länger als 15 Minuten (in privaten Gärten vielleicht 30 Minuten) am gleichen Ort betrieben werden dürfen.“

Aber, was hilft’s?! Die Gedanken sind frei, ändern im Moment aber nichts. Bevor ich fliehe, hole ich mir zum Trost noch kurz das wunderbare Lied von Reinhard May aus dem Internet:

IRGENDEIN DEPP MÄHT IRGENDWO IMMER

Wenn der Sommer kommt, hilft nur die Flucht ins Zimmer.
Irgendein Depp mäht irgendwo immer.
Ein Rasenmäher-Rambo mäht wie von Sinnen
direkt durch die Wand, den hörst du auch noch drinnen.
Der Ausstoß dicker Wolken blauer Auspuffgase
bringt ihn in Verzückung, treibt ihn zur Extase.
Er metzelt alles nieder und macht alles platt,
was Ähnlichkeit mit einem Grashalm hat.
Ob Rasentraktor oder Kantentrimmer,
irgendein Depp mäht irgendwo immer.
Von Oberpfaffenhofen bis nach Gütersloh,
irgendein Depp mäht immer irgendwo.

Ich hab nen Nachbarn mit vier fiesen scharfen Kampfhunden,
die kacken mir vor meine Tür und kläffen 24 Stunden.
Ich hab nen Nachbarn, der übt Schlagzeug wie besessen,
und einer wäscht sein Auto bei wummernden Technobässen.
Ich hab ne Nachbarin, die ihren Mann beim Sex verhaut.
All das ist nicht wirklich störend, nicht wirklich laut.
Auf dem Grundstück gegenüber tobt ein Halmvernichter,
ein Gänseblümchenkiller, so ein Heckenscharfrichter!
Ein Motormäherwüterich, ein Zweitaktstinker,
ein Gräserausrotter, ein Pflanzenhenker!
Er wirft den Rasenmäher an und dann mäht er ratzfatz
alles ratzekahl mit seinem Phallusersatz.

Wenn der Sommer kommt, hilft nur die Flucht ins Zimmer.
Irgendein Depp mäht irgendwo immer.
Ein Rasenfetischist muss weder trinken noch essen,
hält nur kurz mal an, um die korrekte Grashöhe zu messen.
Wird es endlich Nacht, und es ist zappenduster,
pustet er das Gras weg mit dem Graswegpuster,
geht mit einer Lötlampe bewaffnet ums Haus,
löscht jeder Pusteblume das Lebenslicht aus.
Beim ersten zarten Keim, beim ersten grünen Schimmer,
irgendein Depp mäht irgendwo immer.
Wenn Feierabend ist, das ist nun mal so,
mäht irgendein Depp auch immer irgendwo.

Ich sitz im Liegestuhl im Garten der Pension Inselfrieden,
welch lieblich netter Ferientag ist mir doch heute beschieden.
Der Zeisig tiriliert vergnügt, die Buchfinken schlagen,
die Schnepfe piept, der Kuckuck ist am Kuckucksagen.
Die Hummel hummelt emsig und die Biene summt ganz leis…
nur ein Elektromäher in der Ferne brummt.
Ein stiller frommer Zauber ruht auf Wiesen und auf Auen.
Ich trau mich nicht, der trügerischen Ruhe zu trauen.
Die Lärmattacke kommt, in Form der Herbergsmutter naht sie
mit ihrem Rasenmäher, ein schlimmer Gartenbazi!
Wenn in der Hölle Teufels Großmutter Rasen mäht,
dann tut sie das mit haargenau demselben Gerät!

Wenn der Sommer kommt, hilft nur die Flucht ins Zimmer.
Irgendein Depp mäht irgendwo immer.
Ohrenschützer, Schutzbrille, Stahlkappenschuhe,
unermüdlich steht er im Kampf gegen die Ruhe.
Kippt aus der Motorsense ne Maschine in der Garbe
und liquidiert die Wurzel unter der Grasnarbe,
zermalmt den Wurm mit einem grimmigen Racheschwur,
bringt erst mal Zucht und Disziplin in die Natur.
Da hilft kein Flehn, da hilft auch kein Gewimmer.
Irgendein Depp mäht irgendwo immer.
Erst links von mir, dann rechts von mir und vorn sowieso.
Irgendein Depp mäht immer irgendwo.

Ich locke Fräulein Ingeborg in meine Gartenliebeslaube,
hier das Rotkehlchen und da die Turteltaube.
Zuerst reich ich Prosecco und danach ein Likörchen.
Sie knabbert am Konfekt, ich knabber an ihrem Öhrchen.
Wir sinken engumschlungen auf das weiche Moos,
doch da bricht hinter unsrer Laube das Inferno los!
Zuerst klingt ein Vertikutierer, dann abwechselnd
Laubsauger, Heckenschere, Häcksler, Äste häckselnd!
Dann wühlt sich eine Motorfräse durch den Acker!
Und dann kommt das Kettensägenmasaker!
Es tut mir leid, Fräulein Ingeborg, ich zieh mich wieder an,
weil ich bei diesem Mörderpegel einfach nicht kann.

Wenn der Sommer kommt, dann geht das nur im Zimmer.
Irgendein Depp mäht irgendwo immer.
Doch die allerschlimmste Folter, das ist die jähe,
unheimliche Stille plötzlich nach dem Gemähe.
Du weißt, es wird gleich wieder woanders einsetzen
du weißt nur noch nicht wo, es ist zum Nervenzerfetzen.
Du weißt nur, kaum hat einer seine Arbeit getan,
fängt irgendwo der Nächste irgendwo zu mähen an.
Dies ist nicht mal in einem Lied
„der Mörder ist immer der Gärtner“ .
Ach, die Wirklichkeit ist viel, viel schlimmer
Übelriechend, garstig, brutal und roh.
Irgendein Depp mäht immer irgendwo.
Irgendein Depp mäht immer irgendwo.

Dann wandere ich los, nach Bansin, auch gut. Von der Seebrücke aus sehe ich einen sympathischen Papa, der Scherze treibt mit seinem vielleicht fünf Jahre alten Sohn. Wie das in diesem Alter manchmal so ist, fängt der Junge an, das Spiel zu übertreiben: Er bewirft seinen Vater mit Sand, trockenem und nassem. Beides gefällt dem Papa nicht und er gebietet seinem Sprößling ernst Einhalt. Dieser will aber nicht so plötzlich mit dem aufhören, in das er sich zuvor entschieden langsamer, Schritt für Schritt hineingesteigert hatte. Hinterlistig und sturköpfig greift er wieder nach dem Sand. Der Vater packt ihn entschlossen an den Armen und trägt ihn ins Meer. Er lässt ihn los, als das Wasser seinem Sohn bis zum Bauch reicht. Das gefällt diesem gar nicht, obwohl das Wasser nicht sonderlich kalt ist. Es ist für den Kleinen mit dem eigenen Kopf aber offensichtlich auch nicht angenehm temperiert, zumindest in Anbetracht der Tatsache, dass er sich nicht selbst, mental vorbereitet, zum Badegang entschlossen hatte. Ebenso ruhig wie bestimmt sagt der Vater: Jedes Mal, wenn du mich wieder bewirfst, trage ich dich ein Stück weiter ins Meer.

Innerlich nicke ich: Der Junge muss lernen, dass jedes Verhalten, gutes wie schlechtes, reale Folgen hat. Da bietet sich an, was dem Vater spontan eingefallen war. Sein Sohn ist keck, keiner, der in der Kunst des Nachgebens und Einsehens schon geübt wäre. Kaum ist er aus dem Wasser, greift er sich nassen Sand und wirft wieder damit nach seinem Vater. Das hat diesen getroffen, physisch und auch psychisch. Er ist wütend auf seinen Sohnemann, schnappt ihn sich noch entschlossener an den Armen und trägt den zappelnden Jungen noch etwas weiter ins ruhige Meer. Diesmal reicht ihm, der offensichtlich schwimmen kann, das Wasser bis fast zur Brust.

Jetzt wird’s spannend: Das müsste ihm doch eine Lehre sein. Aber es ist schon sein eigen Ding mit dem menschlichen Stolz, besonders wenn „er“ noch jung und vital ist, mit der eigenen Ehre, die es zu bewahren gilt. Ich ahne in diesem Augenblick, es hat auch etwas mit Würde zu tun, sich nicht unterkriegen zu lassen, nicht einfach sang- und klanglos klein beizugeben. Der Junge geht seltsam verkrümmt, auch irgendwie lustig wie der Golum aus dem „Herrn der Ringe“ (lieber Golum – böser Golum), aus dem Wasser, hin- und hergerissen: versteckt greift er noch einmal nach dem Sand und deutet den Wurf eher symbolisch an, als ihn wirklich zu vollziehen, nur kurz und flach gerät er, ohne seinen Vater zu treffen. Dieser hat es natürlich trotzdem gemerkt. Intuitiv macht er das Richtige, er ignoriert ihn. Mir ist ebenso intuitiv klar: Der Vater hat Recht mit dieser Entscheidung.

Aber ich muss doch grübeln: Was hast du da geschrieben: Selbstbeherrschung lernt sich nur über das Beherrschtwerden durch mütterliche oder väterliche Personen (siehe den 26. Gedankensplitter). Hätte der Vater seinem Sohn demnach nicht doch den fehlenden Rest bis hin zur vollständigen Konsequenz geben müssen, damit er einmal mehr begreift: Nein heißt Nein, klipp und klar auf jeden Fall dann, wenn ein Mensch körperliche Attacken, z.B. das Bewerfen mit Sand, nicht wünscht (das ja auch in der Tat sehr unangenehm werden kann, wenn der Sand in die Augen gerät). Sicher, auch dafür spricht etwas: Das falsche Verhalten nach mehreren konsequenten Zurückweisungen auch dann noch spürbar zu bestrafen, wenn es sich nur noch versteckt und gehemmt gezeigt hat, so wie Feuerwehrleute auch dann weiter einen Brand löschen, bis auf die letzten Glutnester, wenn er eigentlich schon besiegt zu sein scheint. Wie sollen junge Männer das heute viel beschworene „Nein heißt Nein!“ auch sonst in ihrer Kindheit und Jugend gelernt haben können, wenn sie nicht rechtzeitig und konsequent auch bei harmloseren Gelegenheiten erlebt hatten, dass das tatsächlich so gilt?

Trotzdem: Ebenso wie das Gesetz der Konsequenz bei der Erziehung gilt auch ein Gesetz der Verstärkung der Einwirkung durch ihre zeitweilige Unterbrechung. Erziehende und Menschen, die sich um Beziehungen sorgen, müssen zwischen Anspannung und Entspannung pulsieren, sie müssen aussetzen und Pausen machen können, wenn sie etwas bei einem Menschen erreichen wollen. Das ist grad’ so, wie wenn ich dicke Bretter bohren will: Ein Dauergebohre ohne Ende, ohne Pausen mit darauffolgendem Neuansetzen, macht nur den Bohrer und das Brett kaputt. Die Erziehungs- und Beziehungskunst ist, an der richtigen Stelle mit Forderungen oder erzieherischen Maßnahmen aufhören zu können. Entweder hat sich das Problem danach erledigt, wie im Fall des Sand werfenden Jungen, oder die Pause, die nicht nur nach Minuten oder Stunden, sondern auch nach Tagen und Wochen zählen kann, führt zu einem „Runterkommen“, wo dann noch einmal in Ruhe und trotzdem eindeutig geklärt wird, worin eine Erwartung an den anderen besteht und warum sie erhoben wird. Es sollten auch noch einmal in Ruhe die Folgen verdeutlicht werden, zu denen es zwangsläufig kommen wird, so oder so, und dann müssen sie wirklich in Kraft treten, bis zum nächsten Runterkommen mit Neuanfang. (Siehe auch das 4. Gesetz im Doppelband „Erziehen. Hickethiers Ratgeber“: Lieben – in der Beziehung und Erziehung – heißt, immer wieder neu anfangen zu können.)       

  

26. (19.08.2016) Ich lebe in der Andersherum-Welt

Das fängt beim Essen an, beschränkt sich aber keinesfalls darauf. (Die Art, wie wir die elementaren Bedürfnisse unseres Körpers – und damit auch unserer Seele – befriedigen, wie wir essen, trinken, atmen, schlafen, auch Sex „haben“, dürfte besonders ein- und ausdrucksvoll die Charakteristika unseres persönlichen Lebensstils zeigen.)

Wie komme ich darauf? Ich habe mich über mich geärgert und wollte etwas von meinen Schuldgefühlen der Unzufriedenheit loswerden, indem ich sie mir von der Seele schreibe. Das mache ich öfter, auf dass das schlechte Gefühl der Unzufriedenheit nicht in mir hocken bleibe und sich nicht in mir verfestigt. Ich schreibe kurzerhand die Innenseiten der Bücher voll, die ich gerade lese. (Ich bin immer noch bei Maxie Wanders Tagebüchern und Briefen, lese sie gerade zum zweiten Mal, weil ich bei Texten, die mich berühren und nachdenklich machen, immer das Gefühl habe, noch nicht stabil und tief genug verstanden zu haben, was „sie“ meinen. Das Buch lag als „aussortiert“ gestempelt zum Verschenken, wie das heute so üblich ist, vor einer Bibliothek. [Ich warte nur darauf, dass mir die ersten Menschen begegnen, die sich ein Schild mit der Aufschrift „zu verschenken“ oder „zum Mitnehmen“ umgehangen haben.])

Und dann fällt mir ein: Du kannst ja aus der Not eine Tugend machen, aus deinem Frust einen „Gedankensplitter“. Da bin ich gleich noch viel mehr motiviert zum Schreiben (→ 11. Gedankensplitter). Wer weiß, ob mir einer im großen, weiten „Interall“ „zuhört“, den „Splitter“ liest, vielleicht habe ich ja sogar zwei Leser. Theoretisch ist das auf jeden Fall möglich und dies zu wissen, reicht mir, auch weil ja angeblich nichts im Netz verlorengeht (kann ich zwar kaum glauben, wenn ich mein persönliches Leben betrachte, aber umso besser, wenn es stimmt). Es besteht also durchaus die Chance, dass im Laufe der Jahre sogar noch ein dritter oder vierter Leser hinzukommt.

Worüber habe ich mich denn nun geärgert? Schon wieder zu viel gefressen! Seit Jahrzehnten kämpfe ich um eine halbwegs schlanke Figur – vergeblich. Ich war nachmittags bei meiner Mutter mit einem guten Gewissen. Ich war zufrieden mit mir, denn ich hatte mit Erfolg seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Ich wusste genau, am frühen Abend sitze ich auf der Terrasse meiner Stammkneipe, trinke ein, zwei große Budweiser vom Fass und esse etwas Appetitliches. (Gibt doch kaum etwas Schöneres bei warmen Wetter, vor allem, wenn ich von der Terrasse auf eine interessante Gegend sehen kann.)

Wir reden also auf dem Balkon. Plötzlich ruft eine Nachbarin von ihrem Balkon etwas herunter. Mir ist es ganz wichtig, dass meine Mutter Beziehungen im Haus aufnimmt. Ich sage ihr öfter: „Wer keine neuen Freundschaften mehr schließen kann, ist seelisch tot.“ Die Nachbarin kommt. Wir reden zu dritt. Sie sagt: „Ich hatte gerade Geburtstag. Soll ich den Kuchen herunterholen, der übrig geblieben ist?“ Sie tut es, und ich hasse mich, denn ich esse ein großes Stück. Schließlich will ich zu einer neuen menschlichen Beziehung beitragen, die meiner Mutter guttut (und mich entlastet). Jetzt, beim Schreiben, frage ich mich: Warum hast du nicht wenigstens das übergroße Stück durchgeschnitten? Du hättest so ja immer noch deinen guten Willen gezeigt. Ich ärgere mich noch einmal, obwohl ich ja gerade „herunterkommen“ wollte durch das Schreiben. Damals, zum „Tatzeitpunkt“, machte mich der Ärger wütend: Nun erst recht, ich gehe natürlich trotzdem in meine Kneipe: Wenn schon der erste Teil meines Planes nicht geklappt hat, dann wenigstens der zweite!

Die Folge: Ich habe wieder ein schlechtes Gewissen. Es lugt unter dem Wohlgefühl immer wieder frech hervor wie eine falsche Sonne durch die Wolken. Das Einzige, was ich dadurch gewonnen habe, ist dieses Stück Text, das Sie gerade lesen. Wenigstens habe ich aufgeschrieben, wie es kommen kann, hier in Deutschland auf hohem Niveau zu jammern. Es ist der Wahnsinn meines, unseres Andersherum-Lebens.

Es ging über alle Zeiten immer darum, auf das Essen zu achten, genau und sorgsam. Aber damals, bis ca. vor einem halben Jahrhundert aus ganz anderen Gründen: Iss nicht weg, was dem anderen zusteht! Pass auf, dass es für alle reicht! Die Reichtümer der Speisekammer waren abgezählt, sie mussten noch über den ganzen Winter reichen. Früher war es ein großer Erfolg, etwas Essbares ergattert zu haben. Heute ist es ein persönlicher Erfolg, das, was ständig da ist, trotzdem nicht zu essen. „Damals“ ging es auch beim Essen um die Beziehung zum anderen, nämlich darum, auch an ihn zu denken und ihm nicht zu viel wegzunehmen. Heute geht es auch beim Essen um die Beziehung zu sich selbst, um das eigene Wohl, wenn einer wie ich zählt, was er schon gegessen hat bzw. gerade nicht. Wenn sich dieser Fokus immer schärfer und enger auf das eigene Ich einstellt, haben wir ein Autismus-Zuchtprogramm entwickelt. Die Gedanken kreisen um das Eigene, hier die eigene Gesundheit: Schade dir nicht selbst, treibe die angefangene Diabetes nicht weiter in die Höhe. Die Nullrunde, das Minus, garantiert ein Plus an Zufriedenheit. Wir leben in der Andersherum-Welt. Ob der Überfluss besser ist als der Mangel? Für den, der gelernt hat, sich zu beherrschen, ja; für die, denen das nicht gelungen ist oder die es wieder verlernt haben: nein.

Da muss ich mich wohl selbst zitieren:

Viele haben Angst, haben keine Visionen, glauben an keine bessere Zukunft. [Was kommt nach der kapitalistischen Marktwirtschaft? Der Kommunismus ja wohl nicht mehr. Ist sie die letzte Gesellschaftsordnung der Geschichte?] Deswegen das auf „Nr.-Sicher-Gehen“, das ewige Wiederkäuen dessen, was sich etabliert hat, gut anhört und nicht falsch sein kann. Was gibt es da nicht alles für schöne Schlagworte! Demokratische Erziehung, offene Schule, kreatives Lernen, entdeckendes Lernen, partnerschaftliche Kommunikation usw. usf. Das ist alles richtig. Es geht aber nur mit Disziplin, mit Selbstbeherrschung, und Selbstbeherrschung entsteht nur durch Beherrschung. 

Das hören gute Menschen, vor allem die, die mehr über Schule und Erziehung arbeiten als drinnen, gar nicht gern. Dabei ist es doch so simpel: Nur wenn Menschen, die für mich wichtig sind, mich lieben, trotz der Probleme, die ich mache, lerne ich, mich selbst zu lieben. Richtig? Richtig! Nur wenn Menschen, die für mich wichtig sind, mir vertrauen, lerne ich, mir selbst zu vertrauen. Richtig? Richtig! 

Und das soll ausgerechnet bei der Selbstbeherrschung nicht stimmen? Nur wenn Menschen, die mir wichtig sind, mich beherrschen, lerne ich, mich selbst zu beherrschen?! Richtig? Selbstbeherrschung soll auf mystische Weise allein durch das Vorbild, durch unverbindliche Angebote entstehen, ohne einen Anschubzwang von außen, ohne Ordnung und Struktur? Wer das glaubt, hat keine Ahnung, oder eben nur eine Ahnung, keine langfristigen, handfesten praktischen Erfahrungen mit Kindern, jedenfalls nicht unter den heutigen Bedingungen. Erziehen wollen ohne Macht und Zwang ist Wunschdenken: Die Lehrer müssen ihre Schüler nur verstehen und akzeptieren und partnerschaftlich mit ihnen umgehen und an ihre natürlichen Bedürfnisse und Interessen anknüpfen, denn jedes Kind lernt gern, und schon haben wir den Bildungserfolg. So reden im Ernst Erziehungstheoretiker und Bildungsbürokraten. Das letzte Mal ist mir ein so ausgeprägtes Wunschdenken beim 40. Jahrestag der DDR begegnet und davor bei Leonid Breschnew, der die Sowjetunion kurz vorm Kommunismus wähnte.

Ist es denn nun richtig, dass Selbstbeherrschung schrittweise genauso aus dem Beherrschtwerden durch mütterliche und väterliche Menschen entsteht wie Selbstliebe aus ihrer Liebe und das Selbstvertrauen aus ihrem Vertrauen? Ja, unbedingt!“ (Erziehen. Hickethiers Ratgeber. Dresden 2016, S. 180f.)

Das funktioniert aber nur, wenn das Erste und Zweite bleiben: Die Liebe und das Vertrauen und dazu dann noch ein gehöriger Schuss Gelassenheit und Humor kommt und die Fähigkeit, Ausnahmen an der richtigen Stelle zu machen, wodurch die Regeln erst erträglich und zum Freund werden. Aber aufpassen: Sie dürfen nicht selbst zur Regel werden. (Und außerdem, darüber muss ich später noch einmal nachdenken, gelten die wichtigsten Regeln nicht immer und immer, z.B. die beim Fußball?)

Und dann: Eine gelungene Erziehung muss durch gelingende Beziehungen des Erwachsenen bestätigt und vertieft werden. An Letzterem hapert es offensichtlich bei mir, denn dass ich halbwegs gut erzogen wurde, dafür hatte schon der Mangel an Begehrtem, genauer: an künstlich Süßem, das die Seele und der Körper schnell aufspalten und konsumieren kann, in der Welt meiner Kindheit und Jugend, also das Leben selbst gesorgt. Deswegen ist in Zeiten des Überflusses, wenn das Leben selbst nicht mehr von allein erzieht, eine bewusste Erziehung viel nötiger und wichtiger als in Zeiten des Mangels. Aber gerade im Überfluss glauben Eltern in einer allgemeinen Freiheit und Unverbindlichkeit, darauf verzichten zu können. Ein Dilemma.  

 

25. (16.08.16) Bitte nicht hupen, bin selbst nervös.

Ich liebe mein (Deutsch)Land. Ich sitze auf der Terrasse meiner Stammkneipe und schaue auf eine befahrene Straße. Eine junge Frau versucht zu wenden. Sie unternimmt immer wieder neu umständliche Versuche; nichts macht sie richtig zu Ende, weder das Rückwärtsfahren, noch schlägt sie die Räder, so weit wie es möglich wäre, beim Vorwärtsfahren anders herum. Es dauert ewig: Unzählige Male muss sie neu ansetzen. Die Schlange wartender Fahrzeuge staut sich. Nicht einer hupt, getreu der oben stehenden Devise, die ich anno dazumal, noch zu DDR-Zeiten, bei einem anderen gesehen und von ihm übernommen hatte. Ich liebe mein eigenes Land, Skandal! [Wenn ich es laut hupen höre und nachschaue, wer das tut, ist es meist einer, der nicht von hier kommt oder ein jüngerer deutscher Schnösel, der aus einer Zeit kommt, in der er nicht mehr erzogen wurde. - 18.10.16]  

 

24. (14.08.16) Keiner ist was Besseres – gleiches Recht für alle: Doppelte Staatsbürgerschaft für jeden Bürger Deutschlands

Wenn die etablierte politische Klasse in Deutschland will, dass hier geborene Deutsche auch die Staatsbürgerschaft ihrer – z.B. türkischen – Vorfahren behalten können, muss das auch für jeden anderen Deutschen gelten, der diesen Wunsch hegt. Meine Vorfahren waren wahrscheinlich Hugenotten. Ob mir Frankreich seine Staatsbürgerschaft zu meiner schon vorhandenen deutschen dazu gibt? Das könnte schwierig werden. Wahrscheinlich sind die Sprachtests, die sie durchführen, ernste und nicht so leicht zu schaffen wie die deutschen. Aber immerhin, man muss ja erst einmal Ansprüche stellen dürfen wie jeder andere in Deutschland auch.

Es gibt auch viele Deutsche mit polnischen Wurzeln. Da tut sich ein großes Feld auf, denn polnische Regierungen, allesamt, egal welcher politischen Färbung, werden es zu schätzen wissen, Hunderttausende Staatsbürger hinzuzugewinnen mit dem kleinen Makel oder auch Vorteil, dass sie zugleich auch Deutsche sind. In der Tat stellen nicht die Türken, sondern die Polen die größte Gruppe der doppelten Staatsbürger da, aber das ist im Sinne der immer größeren Weltoffenheit der Verantwortlichen in Deutschland sicher noch weit ausbaubar.

Oder sie werden noch zeitgemäß globalisierter und führen generell eine zweite Wunschstaatsbürgerschaft für alle deutschen Staatsbürger ein, ganz unabhängig von „völkischen“ Gesichtspunkten, so wie den zweiten Vornamen: Meine Favoriten wären da die Schweiz oder Ungarn. 

 

23. (13.08.2016) „Es ist deutsch in Kaltland.“

Manchmal bedienen sich ja auch die Antipatrioten auf eine originelle Art ihrer Muttersprache, wenn ein (anderer) Teil von ihnen auch gern giftet: „Deutsch mich nicht voll!“ und Häuserwände damit beschriftet. Aber davon jetzt abgesehen:

Es ist schon lange kalt in Deutschland. Wer interessierte sich denn in diesem Land für die Gescheiterten, die Obdachlosen, die Suchtabhängigen? Sie vegetieren seit Jahrzehnten am Rand dieser Gesellschaft dahin, erst recht, seitdem Deutschland ein größeres wurde. Wieso soll jetzt plötzlich warmherzige Empathie für Menschen in Not entstehen – und vor allem nach der Bahnhofsempfangsklatscherei bestehen bleiben -, wenn sie für die Eigenen auch nicht galt und gilt und immer mehr in dieser Gesellschaft nach dem Motto leben „Was gehen mich die anderen an? Ich mach’ meins, was mir gefällt!“ So wachsen ja hier schon die Kinder in immer mehr Familien auf.

Der beschränkte Stolz nur auf das eigene, enge Ich und seine Leistungen, und die Verweigerung, auch auf die Gemeinschaften stolz zu sein, die es hervorgebracht haben, also auf die eigene Familie, Schule, Region und Nation, zeigen deutlich das Dilemma einer egozentrierten, autistischen Gesellschaft. Das Ich soll im großen Sprung von sich selber aus gleich zum Fremden hechten und es umarmen, aber nur dieses, nicht etwa auch und zuerst den nahen Anderen, mit dem es zusammen aufwächst und aus dem es sich bildet.

Wer nicht lernen müssen durfte, Beziehungen zu Personen seiner kulturell vertrauten Herkunftsgemeinschaft aufzunehmen und sich nach ihnen und den sachlichen Anforderungen der gemeinsamen Welt (in einer Familie, einer Schule, in einem Ort, in einer Nation) auszurichten, kann nicht plötzlich aus sich allein heraus warmherzig und empathiefähig werden, schon gar nicht für alle und noch weniger nachhaltig und belastbar. Ihm fehlt das Menschlichkeitstraining; diesbezügliche Anforderungen werden ihn umhauen, sowie auf einmal mehr davon zusammenkommen, geradeso, wie dies die erste Sause mit Menschen tut, die keinen Alkohol gewöhnt sind.

Frau Merkel hat mit ihren unausgesprochenen falschen Versprechungen, den Verheißungen ihrer Selfis, die sie nie dementiert hat, in einer emotionalen Bildersprache Hunderttausende nach Deutschland gelockt. Eine Unbedarfte hat nicht nur Kriegsflüchtlingen, die um ihr Leben fürchten müssen, deutschnationale Hilfsangebote gemacht, obwohl Deutschland sonst viel zu klein sei, um mal etwas für sich selbst regeln zu können, sondern sie hat auch an die Unbedarftheit Unzufriedener aus aller Herren Länder appelliert – mit großem Erfolg. Deutschland brauche unbedingt junges frisches Blut, sekundiert ihr der Finanzminister, weil es sonst der Gefahr der Inzucht verfiele.

Jetzt sind sie hier im kalten Deutschland. Wer noch hofft, hat einen flackernden, suchenden Blick. Wer nicht mehr hoffen kann, ist weiter geflüchtet, nämlich in die arrogante Verachtung seiner „Retter“. Viele suchen noch: Wo kann ich Anschluss finden, wie finde ich aus der Isolation heraus? Wir müssen den weiteren Zuzug aussetzen, bis wir wenigstens alle, die schon da sind, registriert haben (das hat Alexander Gauland vor ca. zwei Wochen gefordert, und er hat Recht damit), auch und gerade im Interesse derer, die bereits hier sind. Jeder Seenotrettungskreuzer muss aufhören, Schiffbrüchige aufzunehmen, wenn er mit denen, die schon an Bord sind, nicht mehr fertig wird. Das gilt erst recht dann, wenn noch viele andere Schiffe, die bisher kaum jemanden aufgenommen haben, im gleichen Seegebiet kreuzen.

Danach müssen wir den Zuzug auf das Maß begrenzen, das sich vergleichbare Länder wie Frankreich zu-muten. Dass in diesem Jahr „viel“ weniger Migranten als im letzten Jahr kommen würden, beruhigt mich gar nicht, weil diese angeblich Wenigen, die im Laufe dieses Jahres schon deutlich mehr als ein Zehnfaches derer werden werden, die Frankreich aufnimmt, ja zu den Vielen noch hinzukommen, die schon da sind und die nicht nur bereits im Jahr 2015 kamen, sondern auch schon viele Jahre und Jahrzehnte zuvor.

Aber wir können nun die, die von Frau Merkel eingeladen wurden zu kommen, nicht dafür bestrafen, dass sie diese Einladung gutgläubig angenommen haben. Frau Merkel und ihre Unterstützer müssen zu der Verantwortung gezogen werden, die sie trugen und tragen, aber nicht die, die gar nicht wissen konnten, dass auch und sogar Deutschland nicht das Paradies der unbegrenzten Möglichkeiten dieser Welt ist. Um die Hergelockten müssen wir uns kümmern, im eigenen Interesse, denn Frustration, die keinen Ausweg weiß, wird explosiv, vor allem bei den Menschen, die von Natur aus temperamentvoller sind, als das für die eingeborenen Deutschen in der Regel zutrifft. Ich tue das, ich gehe ins benachbarte Flüchtlingsheim und helfe Jugendlichen beim Deutschlernen (siehe Aufsatzpakt). Gestern ist mir auf der Straße ein junger Mann arabischer oder asiatischer Herkunft entgegengekommen. Er trug unter seiner geöffneten Jacke ein T-Shirt mit einer großen, aber farblich unaufdringlich gestalteten deutschen Flagge. Das war eindeutig ein Suchender, ein Integrationsbereiter. Das nächste Mal spreche ich ihn an und frage ihn, ob er in einer Gruppe patriotischer Flüchtlinge mitarbeiten möchte. (Siehe auch den 20. Gedankensplitter)

 

22. (05.08.2016) Heute wäre es so weit, wenn ich noch als Lehrer arbeiten würde:

Ich müsste mich nach einer Stelle im Konsum umsehen: Ein 13-jähriger Schüler betätigt in Kaarst (NRW) den Polizeinotruf, weil sein Lehrer durchsetzen wollte, dass die Schüler vor Verlassen des Klassenraums eine schriftliche Arbeit abgeben, zu der sie während der Unterrichtsstunde aufgefordert worden waren. „Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung.“ Der Lehrer soll einen Schüler, der sich mit Gewalt durch die Tür drängeln wollte, gestoßen haben. Er muss tatsächlich vor dem Amtsgericht Neuss (NRW) antreten (BILD vom 5.8.16, S. 1 und 3). Es wird ernsthaft verhandelt und das, obwohl die Richter und Gerichte in Deutschland angeblich überlastet seien. Ich als Lehrer würde mir sagen: Wenn du – meine Gesellschaft – das wirklich ernst meinst, bleibt mir nichts anderes übrig, als das zu tun, was ein großer Pädagoge schon vor knapp 100 Jahren prophezeit hatte:

Der mehr oder weniger unterschwellige Anspruch, Erziehung komme ohne heldenmütige Aufopferung nicht aus, wird Hunderttausende Erzieher und Lehrer dazu zwingen, „ihr Entlassungsgesuch einzureichen und sich nach einer Stelle im Konsum umzusehen … Das Rezept des guten Herzens führt nur in wenigen Fällen zu einer wirklich großen Tat, in den meisten Fällen aber ist Scheinheiligkeit das Ergebnis. … Sie [die Kinder und Jugendlichen] werden junge Greise, die ständig die Maske der Liebe und Tugend vor dem Gesicht tragen, verlogene und hinterlistige Egoisten, die gewohnt sind, aus dem Ausdruck ihrer Gefühle und ihrer löblichen Gedanken Kapital zu schlagen.“ In Wirklichkeit müsse Erziehung ein sachliches, kollegiales „Handwerk“ sein, das es ermöglicht, selbstverständliche Forderungen konsequent durchzusetzen. (Anton Semjonowitsch Makarenko, Werke, Volk und Wissen, Bd. 1, S. 706f.) 

 

21. (26.07.2016) Nicht nur mutig und gelassen weiter am öffentlichen Leben teilzunehmen,

trotz der Amok- und Terrorgefahr und natürlich viel genauer zu kontrollieren, wer zu uns dazu gekommen ist und dazu kommen will, ist die Devise der Zeit, über die sich viele einig sind. Dazu kommt noch, dass die öffentlich-rechtlichen Medien aus dem aufgeregten Dauersondersendungsmodus, sowie etwas „passiert“ ist, aussteigen müssen, denn Aufmerksamkeit ist in einer physisch satten Gesellschaft ein zugleich knappes und wichtiges Gut, wenn nicht das wichtigste. Die Öffentlich-Rechtlichen können in dieser Beziehung sowieso nicht mit den sozialen Medien mithalten. Anstatt das zu versuchen, sollten sie ein Gegengewicht zu ihnen darstellen, indem sie unaufgeregt und sachlich einfach beschreiben, was passiert ist, ohne pausenlos zu spekulieren, obwohl noch gar keine neuen Fakten vorliegen, diese aber, wenn sie vorliegen, ohne Rücksicht auf ideologische Verluste mitteilen. Der Tagesthemen-Moderator Hans-Joachim Friedrichs ist mir mit seiner trockenen, sachlichen Art, die sich mit keiner Sache „gemein machte“, auch nicht mit einer guten, wie er es selbst ausdrückte, da noch in Erinnerung.

Nebenbei: Es ist Wahnsinn, wie sehr wir in dieser Beziehung seit Silvester 2015 weitergekommen sind. Damals wurde noch in „bewährter Manier“ versucht, zu verheimlichen, dass es sich bei denen, die Frauen sexuell attackierten und sie beraubten, um Asylbewerber handelte, von denen, wie uns Frau Merkel und ihr schwarz-rot-grüner Anhang immer wieder versichert hatten, angeblich keine Gefahr drohte. Ich erinnere mich noch gut an die echauffierte Empörung, wenn jemand in Talkshows auf diese Möglichkeit hinwies: Die Menschen, die vor Krieg und Terror flohen, würden doch niemals selbst das tun, unter dem sie so gelitten hätten. (Jeder, der von Psychologie ein bisschen Ahnung hat, hätte auch schon damals wissen können, wie schnell aus Opfern Täter werden. Und dann kommen noch die hinzu, die immer – überwiegend – Täter waren und sich nun geschickt als Opfer inszenierten.)

Das reicht aber alles noch nicht. Es muss auch sofort das getan werden, was konkret zur Sicherung von Menschenleben möglich ist, nämlich die

Ausbildung von genau hinsichtlich ihrer persönlichen Reife und charakterlichen Eignung überprüften

  • Zugbegleitern
  • Busfahrern
  • Straßenbahnfahrern
  • Leitern von Schulen
  • Bädern
  • Kinos
  • und anderen öffentlichen Einrichtungen

zu bewaffneten Sicherheitsbeauftragten. [12.08.16: Es sollten nicht in jedem Fall die Leiter der Einrichtungen sein, weil diese sonst gezielt vor einem Anschlag "ausgeschaltet" werden könnten, sondern geeignete Mitarbeiter, von denen Außenstehende nicht wissen, dass sie die Sicherheitsbeauftragten sind.] 

Als Verkehrspsychologe weiß ich, dass sich die Qualität der moralischen Verantwortung, die ein Waffenschein- und ein Führerscheininhaber gegenüber ihren Mitmenschen und sich selbst tragen, nicht voneinander unterscheidet.

Und wer z.B. für die Kinder und Jugendlichen einer Schule verantwortlich sein können soll, muss erst recht in der Lage sein, zu lernen, Verantwortung für ein Gerät, eine Waffe, ähnlich gefährlich wie ein motorisiertes Fahrzeug, zu übernehmen. Wäre er es nicht, wäre er auch als Schulleiter ungeeignet.

Die Polizei ist gut in Deutschland – wir können trotzdem nicht immer warten, bis sie da ist.

Ich kann solche Vorschläge machen, weil ich einfach nur für mich selbst spreche und für keinen anderen sonst.

 

20. (25.07.2016) Es geht im Leben immer darum, dazu zu gehören oder nicht

Eine Gewalttat folgt auf die andere in Deutschland. Das sowieso, das ist im Leben nun einmal so. Ich meine, eine Tat zwischen Amoklauf und Terror folgt in Deutschland auf die andere. Eins ist für die guten Menschen schon einmal sicher: Das hat mit der nationalen Herkunft der Täter rein gar nichts zu tun, das sei allein eine Frage sozialer Konflikte, nicht ethnischer. (Deswegen haben sie z.B. den iranisch-deutschen Attentäter konsequent „David“ genannt, obwohl er „Ali David“ hieß und von seinem offenbar einzigen Vertrauten, einem 16-jährigen Afghanen, schlicht und einfach nur „Ali“ genannt wurde [BILD vom 25.07.16, S. 5]). Ansonsten ist es schick und in, zu betonen, dass man nicht voreilig urteilen wolle. Das mache den echten Experten aus.

Ich habe eine „einfache“ Lösung. Der DDR-Psychologe und führende deutsche Theoretiker der Kognitionstheorie, Friedhart Klix, hatte in seinem Buch „Erwachendes Denken“ am Beispiel der Relativitätstheorie erläutert (für meine Begriffe auch nachgewiesen), dass die Genialität wissenschaftlichen Denkens darin besteht, ein Problem immer einfacher und übersichtlicher darstellen zu können, so wie das Einstein schließlich mit der kurzen Formel E = mc² gelang.

Ich kann Gewalttaten aller Art auch auf eine kurze Formel bringen: Der Täter blieb außen vor, er konnte nicht zu einer Gemeinschaft gehören, zu der er nur zu gern gehört hätte. Das ist eine tiefe Kränkung, sie kann Krankheitswert erlangen und z.B. in eine Psychose, Angststörung oder Depression umschlagen; sie kann aber auch zu tödlichen Gewalttaten führen, bevor sie zu einer regelrechten psychischen Erkrankung wurde.

Es muss aber eine begehrte Gemeinschaft sein, die sich selbst wichtig nimmt. Zu Schlaffis und Losern will keiner gehören. Ali David hasste, wie es bisher scheint, nicht primär die Deutschen, sondern andere Jugendliche mit Migrationshintergrund, die ihn nicht akzeptierten, sondern mobbten. Folgerichtig haben alle seine Opfer einen Migrationshintergrund.

Wäre die deutsche Gemeinschaft stark gewesen, hätte sie ihn aufnehmen können, hätte er von ihr aufgenommen werden wollen. Wie es mit dieser aussieht, beschreibt am gleichen Tag Tim Raue, einer der weltweit erfolgreichsten Spitzenköche, auch in der BILD (S. 2):

Ich bin in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen. Ich war der einzige Deutsche in einer Jugendgang, die aus Jungs mit Migrationshintergrund bestand. [In vielen Berliner Schulen versuchen sich deutsche Jugendliche einen türkischen Akzent anzutrainieren, damit sie zu einer starken Gemeinschaft gehören können – RH.] Wir haben in der Schule nie die deutsche Nationalhymne gelernt [wahrscheinlich eher die türkische oder US-amerikanische – RH], und eine nationale Identifikation fand zu keiner Zeit statt. Es hat lange gedauert, bis ich mir selber die Frage gestellt habe, warum wir Deutsche nicht zu unserem Land stehen, warum wir so ein massives Identitätsproblem haben. Es war zu Beginn meiner Karriere als Koch. Immer wieder war ich mit dem Stolz der Franzosen auf ihre Küche und ihr Land konfrontiert. Das hat mich dazu bewegt, über meine Identität nachzudenken.“

Also: Wenn wir Entwurzelten helfen wollen, die einer Gewalttat entgegentrudeln, müssen wir ihnen eine starke deutsche Gemeinschaft bieten, die weiß und wissen will, was sie selbst ausmacht, über allgemeine „westliche Werte“ hinaus und darüber, eine USA-Hilfskraft zu sein oder eine Repräsentanz „Europas“. Wir müssen ja nicht gleich so stolz sein wie die Türken, aber ganz ohne Stolz auf das Eigene und ganz ohne Ehre können wir anderen nicht abgeben von unserer Kraft, weil sie dann gar nicht da ist, sondern sich zersplittert und zerteilt hat. [Nachtrag vom 31.08.16: Wie Recht ich damit habe, dass an diesem Amoklauf letztendlich die Schwäche der kulturellen Selbstliebe der Deutschen, die Unfähigkeit, stolz auf sich selbst zu sein, schuld hat, ist mir deutlich geworden, als ich zufällig noch einmal die Tonaufnahme des verbalen Schlagabtauschs zwischen Ali David und einem deutschen Bürger hörte. Ali David rief vom Parkdeck zu ihm hoch, als dieser ihn mehrfach aus einem Fenster heraus als "Wichser" beschimpft hatte: "Ich bin Deutscher ... Wegen euch wurde ich gemobbt, Sie Arschloch!"  Das zeigt mir deutlich, dass sich Ali David eine starke deutsche Gesellschaft gewünscht hatte, die ihn auch beschützt, nachdem er sich zu ihr bekannt hat. Sie hatte sich offenbar als unfähig und unwillig dazu erwiesen und immer nur einen Kampf dafür geführt, dass die Nichtdeutschen weiter stolz auf ihre eigene Herkunft sein sollten und konnten, keinesfalls aber ein Neubürger auf sein gewonnenes Deutsch-Sein.]

 

19. (22.07.2016) Die Welt gehört denen, die den Mut haben, sich zu offenbaren

Es ist schon ein paar Jahre her, da hielt ich in Oederan, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Chemnitz, einen Vortrag. Ich hatte noch Zeit und ging in die Kirche im Zentrum der Stadt. Es war eine wunderschöne Kirche, sie gefiel mir sehr: Die in dunkler, aber natürlicher Holzfarbe lackierte Dachinnenverkleidung (so erinnere ich mich jedenfalls) strahlte viel Geborgenheit aus, gab mir ein warmes Zuhause-Gefühl.

Wie immer bei solchen Gelegenheiten schlenderte ich andächtig durch das Kirchenschiff, bis hin zum Altar, wo auf einem Pult die Bibel aufgeschlagen lag: Prompt handelte es sich um eine Geschichte aus dem Neuen Testament, die mich schon vorher beeindruckt hatte: Das Gleichnis vom anvertrauten Silber (http://www.wo-ist-gott.info/sites/wer-oder-was-ist-gott/jesus/gleichnisse/talente.htm). Neulich kam ich im Gespräch mit meinem ältesten Sohn und seiner Frau wieder darauf. Dieses Gleichnis hat mir schon immer gefallen, weil es der Feig- und Verzagtheit, das Eigene im Interesse aller einzubringen und dem Gang der Welt auszuliefern, eine deutliche Abfuhr erteilt.

Es ist, obwohl nicht im Alten, sondern im Neuen Testament stehend, „herrlich“ streng und unbarmherzig, vielleicht sogar ungerecht: Der Feige, der lieber nichts riskieren und verlieren will, weder für seinen Herrn noch für sich selbst und der auch tatsächlich nichts verlor und „versaubeutelte“, aber auch nichts dazugewann, wird vom Herrn Jesus (der sonst so mitleidvoll sein kann) gescholten als „böser und fauler Knecht“. Es wird ihm alles genommen: „Denn wer viel hat, soll noch mehr bekommen, bis er mehr als genug hat. Wer aber wenig hat, dem wird auch noch das Letzte weggenommen werden.“ (Matthäus 25, Vers 29) Das ist mehr als Tadel, das ist schon handfeste Strafe, aber sie reicht immer noch nicht: „Und diesen Taugenichts werft hinaus in die Dunkelheit, wo es nichts als Jammern und Zähneknirschen gibt.“ (Vers 30).

Ich sehe es nicht (nur) als Strafe dafür, dass ein Mensch zu unmutig und verzagt ist, das Evangelium öffentlich zu verkünden und sich dadurch in unserer heutigen Zeit mehr denn je einem dummdreisten Unverständnis auszuliefern; ich sehe es vor allem als Strafe dafür, sich überhaupt immer „bedeckt“ halten, das Eigene nicht riskieren zu wollen, angefangen schon bei ganz lapidaren Gelegenheiten, dass Kinder z.B. nicht grüßen, weil sie angeblich zu schüchtern dafür sind, Familienangehörige sich weigern, bei einer Geburtstagsfeier zu Ehren des Geburtstagskindes ein paar Worte vor und zu allen zu sagen oder dies nur halb tun, weil sie nicht die Entschlossenheit hatten, so lange zu warten, bis endlich alle ruhig sind, sogar die unerzogenen Kinder, Erwachsenen und Hunde (also fast alle von jeder „Sorte“). Auch die Kraft, mit der ich immer wieder mein Lampenfieber überwinde und Vorträge halte, beziehe ich aus diesem gedanklichen Hintergrund.

Mein ältester Sohn brachte mich nun allerdings auf etwas, was auch mir bei diesem Gleichnis fehlt: Was ist mit dem „Knecht“, der mutig das Seinige und das – wahrscheinlich besser: also das -, was er von seinem Herrn bekam, im besten Glauben riskierte, indem er es einbrachte in den Lauf der Welt und der es verloren hat. Er steht nun mit leeren Händen da, mit weniger als der verdammte feige „Taugenichts“, da er wie dieser nicht nur keinen Gewinn machte, sondern auch noch das anvertraute Startkapital „verspielte“. Wir finden, ihm müsste der Herr, wenn er diesen Fall im Gleichnis beschrieben hätte, auch eine positive Rückmeldung geben wie den zweien zuvor, die ihr Silber vermehren konnten. Mehr noch, er hätte sie erst recht verdient, noch mehr als die zwei erfolgreichen, da ihn das reale Leben selbst ja schon mit dem Misserfolg bestraft hatte: „Du bist ein tüchtiger und treuer Mann. [Du bist zwar gescheitert, aber du hattest es mutig gewagt, du hast dich nicht feige zurückgehalten, sondern eingebracht.] … Darum werde ich dir auch Größeres anvertrauen. [Und das nächste Mal wirst du Erfolg damit haben, wenn du weiter auf mich ausgerichtet bleibst.] Komm zu meinem Fest und freu dich mit mir!“ (Vers 23)

Schade, dass diese Variante in der Geschichte vom anvertrauten Silber fehlt. Sie wäre doch gerade die Voraussetzung, nicht ängstlich, starr und verschlossen sein zu müssen.

 

18. (22.07.2016) Wie viele Opfer unkontrollierter Gewalt könnten noch leben,

wenn es in unserer Welt nicht so angesagt wäre, alles das, worauf einer gerade Lust oder Wut hat, sofort und unreflektiert auszuleben? Ich glaube, die Sehnsucht nach Besonnenheit, nach einer geistigen Abgeklärtheit hat den großen weltweiten Erfolg der TV-Krimiserie Derrick ausgemacht. Herumpöbelnde, bei jeder Gelegenheit emotional explodierende Kommissare, die sich wie unerzogene, verwöhnte Kinder benehmen und die mit der größten Selbstverständlichkeit selbst ununterbrochen Straftaten begehen, gab und gibt es im deutschen Fernsehen zuhauf. Das menschlich Besondere und kulturell Wertvolle ist, auch – und vielleicht sogar: erst recht – dann ruhig und bedacht zu bleiben, wenn ringsherum die Wut blind tobt.

Natürlich können junge Menschen nicht von vornherein so abgeklärt sein; gerade deswegen müsste es aber in einer Gesellschaft Einigkeit darüber geben, rechtzeitig damit zu beginnen und nicht zu früh aufzuhören, sie in diese Richtung zu erziehen, und zwar je temperamentvoller sie von Natur aus sind, desto mehr. Dafür muss man gern erziehen wollen und dafür wiederum muss man das Leben lieben und Menschen mögen, auch solche.

Typisch für diese unreflektierte Emotionalität ist auch die sofortige und undifferenzierte Verurteilung des Derrik-Schauspielers Horst Tappert aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS. Das ZDF plant laut BILD vom 22.07.16 (S. 5) deswegen auch weiterhin keine Wiederholungen von „Derrick“. Tappert diente „1942 als 19-Jähriger bei einer Flak-Abteilung unter dem Kommando der Waffen-SS“. Sie ist als eine regulär kämpfende Truppe viel eher mit der Wehrmacht zu vergleichen als mit den Totenkopfverbänden der SS, die vor allem als KZ-Wachmannschaften eingesetzt wurden. In diesem Sinn hatten führende deutsche Politiker aller Richtungen, auch der SPD, bald nach dem 2. Weltkrieg „Ehrenerklärungen“ für die Waffen-SS abgegeben.

Sie scheinen vergessen zu sein oder das ZDF will demonstrativ die Wehrmacht reinwaschen, von der bekannt ist, dass auch sie in Kriegsverbrechen verwickelt war. Und vor allem: Wäre es möglicherweise nicht sogar die größere persönliche und charakterliche Leistung, in der SS so menschlich wie möglich geblieben zu sein als in der Wehrmacht? Das müsste vor jeder Vorverurteilung konkret und differenziert geprüft werden, und wenn das heute nicht mehr möglich wäre, müsste man sich trotzdem vor pauschalen Aburteilungen hüten, wenn man nicht denen ähneln will, die man verabscheut.

 

17. (22.07.2016) Mann zertrümmert Wohnung

„Er hatte sein Passwort für ein soziales Netzwerk im Internet vergessen – da rastete ein Mann (21) … völlig aus: Erst zertrümmerte er die Möbel seiner Wohnung. Als sich ein Nachbar wegen Ruhestörung beschwerte, prügelte der 21-Jährige auf ihn ein. Kurz darauf trafen Polizisten ein und verfrachteten den Tobenden, der um sich schlug, trat und spuckte, auf die Wache.“ (BILD vom 21.07.2016, S. 3) Das ist nur einer von vielen. Ich vermute, er gehört zu einer Generation, die als Kinder nicht mehr lernen mussten bzw. durften zu verlieren. Das ist eine der größten Lebenskünste, vielleicht die am schwersten zu erlernende. Deswegen hat der Publizist Roger Willemsen Recht, wenn er sagt: „Liebeskummer ist ein stärkeres Gefühl als die Liebe selbst“.

Und darum müssen Eltern das Verlieren in vielen Situationen und Spielen, angefangen mit „Mensch-ärgere-dich-nicht“, mit ihrem Nachwuchs immer wieder üben und sie nicht einfach mit der Ausrede, dass das entwicklungspsychologisch angebracht sei, gewinnen lassen. Auch die „niederlagenlose Lösung“ nach Thomas Gordon, bei der keiner auf Kosten des anderen gewinnt, ist keine, da sie dem Wesen des Lebens widerspricht, zumindest einem seiner Wesen: Manchmal ist man einfach nur der „dumme Verlierer“ und damit umzugehen, müssen Menschen rechtzeitig gelernt haben können.

 

16. (20.07.2016) Die Kultur der Distanz und ihre Probleme

Ein vielleicht zwölf, dreizehnjähriges Mädchen geht am Abend, gegen 21 Uhr, schnellen Schrittes die Straße entlang. Sie ist irgendwie auf der Flucht. Ich sehe in der Nähe zwei Gruppen junger Männer – oder zutreffender: „alter“ (großer) Jungen -, fremdländische und einheimische. Fürchtet sie sich vor ihnen? Nein, sie biegt ab und keiner der potentiellen Machos folgt ihr, obwohl sie eine gute Figur in ihren kurzen Jeans macht.

Aber wer kommt denn da, schnell laufend, z.T. sogar rennend? Ein Paar mittleren Alters. Sie tun mir leid, sie wirken getrieben. Meine Neugier und der Zufall meiner Wegrichtung finden zueinander, und ich sehe alle drei nach ein paar Minuten wieder. Zwei Mädchen entfernen sich und das eine, das mir aufgefallen war, steht mit den beiden Erwachsenen zusammen, die seine Eltern sein könnten. Sie sind es, zumindest die Frau ist die Mutter des Mädchens, denn folgendes Wortgefecht ist ob seiner Lautstärke nicht zu überhören:

Frau: „Du kommst jetzt sofort mit!“ – Mädchen: „Nein! Ich mache, was ich will! Du hast mir gar nichts zu sagen!“ – „Ich hab’ dir sogar viel zu sagen, denn ich bin deine Mutter!“ – „Ja, leider! Leider bist du das! Haut ab, ihr habt mir trotzdem nichts zu sagen, lasst mich in Ruhe!“

Ich bewundere die Frau, wie sie kämpft, auch gegen ihren eigenen Stolz, der ihr vielleicht zuflüstert: „Dann lass’ sie doch machen, was sie will, wenn sie so dumm ist! Dann muss sie eben ihre eigenen Erfahrungen sammeln!“ Aber sie ist eine Mutter, sie macht sich hier auf der Straße für ihre Tochter „zum Affen“, einige Leute bleiben stehen, andere sammeln sich auf den Fensterbänken, nachdem sie noch schnell ein Ruhekissen für ihre Ellbogen geholt haben.

Ihr Mann steht schräg, ca. ein Meter hinter ihr, er bleibt ruhig, aber er gibt seiner Frau Rückhalt. Das Mädchen schreit: „Hört endlich auf, mich zu stalken!“ Und an den Mann: „Warum willst du mich auch noch, du hast doch schon meine Mutter!“ Er sagt irgendetwas leise, was ich nicht verstehen kann.

Das Leben und die Liebe, besonders im Beziehungswirrwarr getrennter Mütter und Väter mit ihren minderjährigen Kindern, sind schon kompliziert. Es ist kaum möglich, das Geflecht von Eifersüchten, Ängsten und Verantwortungsgefühl zu entheddern. Aber ein Trend fällt mir in unserer Gesellschaft deutlich auf: Das Fördern der Trennung, der Distanz, des „freien“ Nebeneinanderher-Lebens nach dem Motto: Jeder macht seins, Hauptsache der andere stört ihn nicht dabei.

Die Bundesregierung hat gerade einen Gesetzentwurf zum – noch – besseren Schutz vor „Stalking“ beschlossen. Beim deutschen Wort „Nachstellungen“ (enttäuschter Liebender, der sich mit dem Ende einer Beziehung oder der Unmöglichkeit, sie zu beginnen, nicht abfinden kann) wüsste jeder gleich, was gemeint ist, aber wie Sie den Gedankensplittern darunter entnehmen können, sind Deutsche wie kaum ein anderes Volk bemüht, alles zu verenglischen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. (Ein Gesetz gegen das „Stalking“ englischer Wörter durch deutsche Liebhaber wäre wahrscheinlich auch nötig.) Sicher, so Bedrängte müssen geschützt werden, vielleicht auch noch besser. Aber was tut die Bundesregierung zur Stärkung des Zusammenhalts Liebender, wenigstens und vor allem, wenn es sich um Familien handelt?

 

15. (18.07.2016)  Hurra und Halleluja: Wir haben uns schon fast abgeschafft!

Titelseite des “Sonntag”, Wochenendmagazin von Leipziger Volkszeitung und Dresdner Neueste Nachrichten vom 16./17.07.2016: “Berlin spricht Englisch“. Und im Untertitel: “In den hippen Kiezen Berlins scheint Englisch die eigentliche Verkehrssprache geworden zu sein. Das klingt in vielen Ohren fremd, aber auch aufregend – endlich bewegt sich Deutschlands Hauptstadt auf Augenhöhe mit London, New York und Sydney.” Auf “einer Augenhöhe zu sein” bedeutet also, dass sich der eine – die Deutschsprechenden, einschließlich derer, die diese Sprache erst mühsam lernten, – den anderen – den Englischsprachigen – vollständig anpasst. Hä? Da werde ich wohl nach Frankreich auswandern müssen, um dieser unerträglichen sprach-kulturellen Arroganz zu entkommen.

Die BRD – ein Land nicht nur des moralischen, sondern auch des sprachlichen Imperialismus, allerdings und natürlich nicht in Bezug auf die eigene Sprache. Selbstbewusste Nationen wie die französische, spanische oder polnische werden nie auf eine solche “Augenhöhe” gelangen, denn sie haben Sprachschutzgesetze erlassen, die das öffentliche Darstellen gewerblicher Texte nur in einer Fremdsprache verbieten; diese müssen dann also auch noch in der Landessprache “da stehen”. Eine “hippe” Speisekarte nur auf Englisch ist dort also verboten, zu Recht, denn wer die Infrastruktur eines Staates für seine Geschäfte nutzt, muss auch die einheimische Kultur und Sprache achten. Das ist eine Selbstverständlichkeit (fast) überall in der Welt, nur in Deutschland nicht.

Warum teilen uns die Autorin und die Zeitung diese in ihren Augen frohe Botschaft eigentlich noch im dumpfen Deutsch und nicht gleich in der “eigentlichen” Sprache, auf Englisch mit? Weil die dummen Leipziger und Dresdner noch nicht so hippie sind wie die Berliner? Triumphierend wird im Text hervorgehoben: “Viele versuchen nicht mal, Deutsch zu lernen, obwohl sie seit Jahren hier leben!” – “Sprechen doch eh alle Englisch hier.” Wie fortschrittlich! Wie weit fortgeschritten von einer über die Jahrhunderte gewachsenen, vielfältigen deutschsprachigen Kultur hin zu einer weltweit vagabundierenden anglo-amerikanischen Einheits- und Monokultur. Es wird wahrscheinlich kein anderes Land auf der Welt geben, außer den sowieso englischsprachigen, wo es den Englisch-Freunden gelungen ist, das Bewusstsein des ursprünglich Eigenen so zu minimieren, dass das möglich wurde. Die AfD sollte zur Bundestagswahl klar sagen: “Wer AfD wählt, wählt die Stärkung der deutschen Sprache im eigenen Land, in Europa und der Welt. Wer eine der etablierten alten Parteien wählt, wählt ihre Schwächung!”

 

14. (18.05.2016) Von wegen, es gäbe keine sprachlichen Entwicklungen in den Flüchtlingsheimen.

“Wir können jetzt alle schon viel besser Englisch”, erzählte mir ein Betreuer. Und der Syrer, mit dem er gerade Englisch redete, wie lange ist er schon in Deutschland? Ein Jahr. Trotz vieler Pro-Forma-Kurse kann er immer noch kein verwendbares Deutsch. Warum sollte er auch, es reden ja sowieso alle Englisch mit ihm. Die übereifrigen Deutschen, die zeigen wollen, was sie alles können und wie lernfähig sie sind, schaffen so selbst ihre eigene Sprache ab. Sage keiner, die Geschichte hätte keinen Sinn für Humor. Wenn sich die FDP mit ihrem Vorschlag durchsetzt, Englisch zur zweiten Amtssprache in Deutschland zu machen, ist klar, dass alle gleich die “richtige” Sprache lernen werden, mit der sie weiterkommen. Schon jetzt schicken “engagierte” Eltern ihre Kinder auf die Internationale Schule – Entschuldigung: “International School” natürlich. Das Studium findet immer mehr auf Englisch statt, klar, dass es dann besser ist, das Abitur auch gleich in dieser Sprache zu “machen”. Und wenn auf dem Gymnasium dann auf Englisch unterrichtet wird, dann muss natürlich die Grundschule darauf vorbereiten. Hochdeutsch wird es bald nicht mehr geben, wenn sich die FDP mit ihrem Vorschlag durchsetzt, sondern nur noch hessisch, bayerisch, sächsisch usw. im Privaten und wenn’s wichtig wird: Englisch.

“Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen”, sagt Johann Wolfgang Goethe im Faust I. Ein noch bestimmender Teil unserer Eliten verschleudert lieber  in wenigen Jahrzehnten, was unserer aller Vorväter und -Mütter über viele Generationen an eigener Sprache erarbeitet haben, technische Begriffe ebenso wie kulturelle. Frau Merkel verweigert sich der Mehrheit eines CDU-Bundesparteitages, die Formulierung ins Grundgesetz aufzunehmen: “Die Sprache der Bundesrepublik Deutschland ist Deutsch”. Das ist in Bezug auf ihre eigenen Sprachen für die meisten anderen Nationen eine Selbstverständlichkeit. Anstatt dessen fangen große Städte in Deutschland wie Düsseldorf  an, Englisch zur zweiten offiziellen Verwaltungssprache zu machen. Eine klare Botschaft an die Eingewanderten: Es wird zwar viel davon geredet, wenn der Tag lang ist, aber in Wirklichkeit lohnt es sich nicht für Euch, Deutsch zu lernen. Verbessert lieber Euer Englisch.

In genau die gleiche Richtung geht Folgendes: http://www.vdi-nachrichten.com/Technik-Gesellschaft/Bundesregierung-befuerwortet-Englisch-Gerichtssprache-in-Deutschland. Schöne Aussichten: Ein Englisch-Sprachiger verklagt dich in Deutschland auf Englisch und du musst in deinem eigenen Land einen Dolmetscher bestellen und bezahlen, um dich dagegen wehren zu können (oder du hattest dein Kind rechtzeitig auf eine internationale Schule geschickt, aber nicht auf die französischsprachige).

Ergänzung vom 07.07.16 hierzu: Im Bericht aus Berlin vom 26.06.16 schlägt Finanzminister Schäuble zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in den Südländern der EU seelenruhig und mit der größten Selbstverständlichkeit vor: Die jungen Auszubildenden dort sollen Englisch lernen und nach Deutsch-Land kommen, um hier ihre Ausbildung zu absolvieren. Also wieder einmal: Nicht die, die nach Deutschland kommen, sollen sich anpassen, auch sprachlich nicht, sondern die, die schon da sind, einschließlich derer, die als Zuwanderer mühsam Deutsch lernten, sollen sich anpassen und eine neue Sprache lernen, obwohl sie eigentlich nicht auswandern wollten, auch sprachlich nicht, weil sie sich hier wohlfühlen in Deutschland. Aber unsere Eliten fordern von Handwerksmeistern, dass sie sich ändern, massiv, sprachlich-kulturell, und nicht etwa die, die neu dazukommen und hier in Deutsch-Land etwas für ihre eigene persönliche Entwicklung tun wollen. Die Journalistin, die das Interview führte, hat sich natürlich nicht gewundert und natürlich nicht nachgefragt. Offensichtlich ist es schon selbstverständlich, dass sich Deutschland nicht nur bei der universitären Ausbildung sprachlich aufgibt, sondern nun auch noch bei der handwerklichen Berufsausbildung.

 

13. (18.05.2016) Wer die sprachliche Mutter (Deutsch) durch eine schicke Tante (Englisch) ersetzt, wird bald auch nicht mehr zum Heiligen Vater beten, sondern zum heiligen Onkel. 

Treu- oder untreu sein ist eine tragende, grundsätzliche Qualität des menschlichen Charakters. Sie betrifft die Beziehung zu anderen Menschen, zum eigenen Partner, zu “Lebenskameraden”, wie das, finde ich, so treffend heißt, egal ob verheiratet oder nicht, zu den eigenen Kindern und Eltern und zu guten Freunden, die mehr sind als “Kumpels”. Manche Menschen sind da sehr wechselhaft, regelmäßig gibt es andere angesagte Me